Sydney: Der Traum am anderen Ende der Welt – mit einem Makel

In den letzten Monaten traf unsere Autorin auf der ganzen Welt Menschen, die im Kleinen Großes tun. Die australische Metropole ist die letzte Station ihrer Reise.

Sydney, Bronte Beach
Sydney, Bronte Beachdpa/Dan Himbrechts

Wir sind in Sydney, Australien – die letzte Station unserer Reise. Es ist Sommer, und mein Mann und ich verbringen die Feiertage schwitzend bei dreißig Grad im Schatten. Zugegeben, es könnte schlimmer sein. Wir besuchen meine Schwester. Seit zehn Jahren lebt sie in der Stadt; dank Corona haben wir uns die letzten drei Jahre nicht gesehen. Mit ihr erkunden wir die Gegend und sie zeigt uns ihren Weg zur Arbeit – eine Fährfahrt über strahlend blaues Wasser! Das wünsche ich mir für Berlin statt überfüllter Busse. Aber anderswo ist das Gras ja immer grüner.

Sydney scheint wie ein Traum am anderen Ende der Welt: Sonne, Strand und Meer. Trotzdem kommt mir das Stadtbild überraschend vertraut vor. Es gibt europäische Ladenketten, europäische Werbung und viele weiße Menschen.

Aborigines, also Angehörige der indigenen Bevölkerung Australiens, sehen wir kaum, und wenn doch, dann am sozialen Rand. „Es ist wirklich traurig, dass dieses Bild für viele Menschen Australiens der einzige Bezug zu Aborigines ist“, sagt Bahram Habibi. Er führt seit dreißig Jahren die Gannon House Gallery in Sydney – eine Galerie für australische, also auch indigene, Künstler:innen. Indigene Gemeinden lebten grundsätzlich am Rande der Gesellschaft und außerhalb der Städte, sagt er. Sie seien vielfältig und stark, aber das sähen viele Menschen nicht – und das sei sehr schade.

Bahram wurde im Iran geboren, lebte in England und studierte dann Architektur in Sydney. Sein Herz gehört der Kunst. Seit Jahren fördert er indigene Künstler:innen und unterstützt sie, um ihnen einen besseren Lebensstandard zu ermöglichen. Denn für Aborigines ist Kunst oft die einzige Einnahmequelle – sie malen nicht nur, um die Kultur ihrer Vorfahren zu präsentieren. Sie malen zum Überleben.

Ein indigener Darsteller während einer morgendlichen Räucherzeremonie im Barangaroo Reserve am „Australia Day“.
Ein indigener Darsteller während einer morgendlichen Räucherzeremonie im Barangaroo Reserve am „Australia Day“.dpa/Dean Lewins

Initiative verhilft indigenen Künstler:innen zu fairen Arbeitsbedingungen

Eine Reihe opportunistischer Kunsthändler:innen nutzten das immer wieder aus, erzählt er uns. Um das zu ändern, folgt Bahrams Galerie dem Indigenous Art Code – einer Initiative, die sich dem ethischen Handel indigener Kunst verpflichtet. Das bedeutet faire Preise, faire Arbeitsbedingungen und klare Rechte für die Künstler:innen. Auch in der australischen Kunstwelt ändern sich die Dinge – langsam, aber sicher.

Und mein Mann und ich? Nach drei Monaten Reisen durch drei Kontinente geht es für uns zurück nach Deutschland – gerade rechtzeitig zum neuen Jahr. Im Flugzeug lesen wir die ersten Nachrichten, und es scheint, als hätte sich kaum etwas geändert: Krieg, Gaspreise, Inflation. Die Schlagzeilen sind die gleichen; sie jagen mir einen Schauer über den Rücken. Panik beschleicht mich: Waren die letzten Monate nur ein Traum? Fängt jetzt das wahre Leben wieder an? Ja und nein.

In den letzten Monaten trafen wir auf der ganzen Welt Menschen, die im Kleinen Großes tun. Sie engagieren sich für Projekte, an die sie glauben. Ob in den USA, Mexiko, Peru, Argentinien, Uruguay, Neuseeland oder Australien – es gibt sie überall. Sie verändern Dinge von unten. Die Nachrichten berichten kaum über sie; sie sind kein Schlagzeilen-Material. Trotzdem ist auch ihr Engagement Teil des „wahren Lebens“ – es fällt nur leichter, das nicht zu sehen. Und natürlich braucht es keine Weltreise, um diese Menschen zu finden. Es gibt sie überall. Mein Vorsatz fürs neue Jahr ist deshalb: weitersuchen, mit offenem Blick und offenem Herzen. Frohes Neues!