Hinter der Sicherheitsschleuse am Eingang ist es eng, so viele Menschen stehen da. Sie fallen sich in die Arme zur Begrüßung. Immer wieder wirft noch einer seinen Mantel über die schon vollkommen mit Jacken behängte Garderobenstange, so dass ein großer Kleiderberg entsteht.

Gesprächsfetzen schwirren durch den Raum, englisch hört man, hebräisch, deutsch. „Wir fangen an“, ruft William Glucroft, der Amerikaner, während er sich seinen Weg durch die Menge bahnt, „wir sind in Deutschland, wir fangen pünktlich an“.

Es dauert dann aber doch noch eine Weile, bis sich alle auf den dunklen Holzbänken in der kleinen Kreuzberger Synagoge niedergelassen haben. Noch immer tuscheln viele, aber Kantor Simon Zkorenblot erhebt seine wohlklingende Stimme über dem Gemurmel. Er steht an der Bima, dem zentralen gen Jerusalem ausgerichteten Podium in der Synagoge, während er singt. Der Gottesdienst hat begonnen.

Die Synagoge am Fraenkelufer ist klein. Vor dem Krieg stand an dieser Stelle ein prächtiger Bau. Aber nach den Beschädigungen durch Novemberpogrome und Zweiten Weltkrieg musste er Ende der 50er Jahre abgerissen werden. Überdauert hat nur die kleinere Jugendsynagoge.

Heute ist sie eine von acht Synagogen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Aber etwas ist anders hier, als in den anderen Berliner Synagogen. Auffällig viele Beter sind junge Familien mit kleinen Kindern, und ebenso auffällig ist, dass viele davon aus Israel und den Vereinigten Staaten stammen.

Lachen und Singen

Es ist der erste Tag des Jüdischen Lichterfests Chanukka. Mindestens hundert Gläubige sind gekommen. Das ist viel für so ein kleines Gotteshaus. Die Männer sitzen rechts der Bima, die Frauen links. Die Männer haben ihre Köpfe mit der Kippa bedeckt, die Frauen nicht. Es ist ein Gottesdienst nach traditionellen Regeln, konservativ. Streng geht es trotzdem nicht zu. Väter schleppen Babys im Wiegeschritt durch den Raum, während der Kantor „Maos Zur“ anstimmt – ein Lied speziell für das Chanukkafest. Dann spricht er über das Wunder, die überlieferte Geschichte über die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem, die mit dem Chanukka-Fest gefeiert wird.

Zkorenblot ruft die Kinder zu sich und verteilt Pappschachteln. Es sind kleine Kerzenleuchter darin „Yeah, ich hab eins“, ruft ein kleiner Junge und alle lachen. Später versammeln sie sich um ihren Kantor, während er die erste Kerze am Leuchter entzündet, der nicht wie üblich sieben, sondern acht Arme hat. „HaNerot halalu“, singen sie. Es riecht nach Kartoffelpuffer.

Latkes heißen sie. Und es gibt sie nun heiß und fettig, nebenan im Kiddush-Raum. Eine halbe Stunde nur hat der Gottesdienst gedauert. Jetzt wird gefeiert, und dieses Zusammensein ist offenbar ebenso wichtig wie das gemeinsame Gebet zuvor. Kartoffelpuffer, Berliner, Schmalzgebackenes stehen bereit, weil die Erzählung hinter diesem Fest sich um die Vermehrung des Öls im Tempel dreht. Am Büfett gibt es Gedrängel. Kinder schleppen beladene Teller davon. Dann singen sie wieder.

Nico ist mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn gekommen. Sie sind neu in der Stadt. Bisher haben sie in Israel gelebt. Aber das Leben sei dort einfach zu teuer, sagt Nico. Umgerechnet 500 Euro hätten sie für die Kinderbetreuung bezahlen müssen, 1000 für die Miete – zu viel für zwei Studenten. Nico ist Deutscher, seine Frau ist in Israel geboren.

Sie wohnen in Charlottenburg und, weil sie streng gläubig sind, laufen sie am Sabbat, dem wöchentlichen Feiertag, den weiten Weg in die Synagoge zu Fuß. Eineinhalb Stunden dauert das. „Wir kommen hierher, weil wir hier Leute kennen“, sagt Nico. Schon in Israel hatten sie Kontakt in diese Synagoge. So geht es vielen Juden, die jetzt aus Israel, den USA, Argentinien oder von anderswo, neu nach Berlin kommen. Am Fraenkelufer tut sich was, und das zieht die Neuankömmlinge an. Online-Medien wie die amerikanische Jewish Week, nennen die Fraenkelufer-Synagoge trendy und sorgen so für noch mehr Anziehungskraft.

Eine Gruppe junger Leute hat diesem kleinen religiösen Zentrum neues Leben eingehaucht. Dahinter stecken die 32-jährige Nina Peretz, ihr Ehemann Dekel und noch ein paar andere. Sie haben sich vor etwa zwei Jahren gefragt, ob jüdisch sein nicht mehr sein kann, als nur ein oder zweimal in der Woche beten. „Wir wollten eine internationale Gemeinschaft sein, so wie die Bezirke Kreuzberg und Neukölln auch international sind“, sagt sie.

Liberale Juden neben Orthodoxen

Und dann haben sie losgelegt. Sie haben sich zu der Initiative „Freunde des Fraenkelufers“ zusammengeschlossen. Jetzt soll daraus ein eingetragener Verein werden. Einmal im Monat essen die Beter gemeinsam. Jede Woche gibt es Unterricht oder Gesprächskreise zu jüdischen Themen. Es wird gefeiert und es gibt Aktivitäten aller Art. Sie haben einen Film produziert, der auf der Web-Seite des Freundeskreises zu sehen ist. Der Berliner Rabbiner Tovia Ben Chorin kommt darin zu Wort und wirbt für Unterstützung dieses Aufbruchs. „Dies wird vielleicht einmal das Herz der jüdischen Gemeinschaft insgesamt werden“, sagt er.

Der Generationswechsel hat Auseinandersetzungen mit den Betern gekostet, die vorher schon da waren. Aber, wie Hannah, eine junge Frau mit Mütze, im Film sagt, haben sie viel geredet und Kompromisse gefunden. Jetzt beten liberale neben orthodoxen Juden. Es gibt keine Rabbinerin, und gebetet wird nach Geschlechtern getrennt, das ist ein Zugeständnis an die Traditionalisten. Aber wenn Kinder im Gottesdienst lachen, stört das eben auch keinen.

Die Synagoge am Fraenkelufer ist nicht der einzige Ort, an dem sich jüdisches Leben in Berlin derzeit grundlegend verändert. Während die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden in Deutschland sinken, etabliert sich daneben eine wachsende junge Gesellschaft, die bewusst jüdisch lebt, mit der alten Struktur aber nur noch lose verbunden ist. Aktuell sind noch 101.338 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden Deutschlands registriert – 10.157 davon in Berlin.

Statistisch belegen lässt sich eine zunehmende Überalterung. Der Anteil der über 60-jährigen Gemeindemitglieder ist von 33 Prozent im Jahr 2000 auf 45 Prozent im Jahr 2013 gestiegen. Die meisten Zuwanderer 2013 kamen weiterhin aus der ehemaligen Sowjetunion. Berlin und Frankfurt profitieren vom ausländischen Zuzug am meisten. Die Zahl der Gemeindeaustritte ist mit rund 400 Personen äußerst gering. Davon sind allerdings über 25 Prozent allein aus der jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgetreten. Das liegt vermutlich am Streit zwischen einzelnen Fraktionen dort.

Schätzungsweise 50.000 Israelis

Der anhaltende Zuzug aus Israel lässt sich so jedoch nicht erfassen. Berlin ist bei jungen Israelis seit Jahren sehr angesagt. Viele kommen zum Studium oder für ein paar Jahre in die Stadt. Manche bleiben. Fast 6000 israelische Staatsbürger und Deutsche mit israelischem Migrationshintergrund hat das statistische Landesamt gezählt. Aber da Israelis kein Visum zur Einreise benötigen, melden sich die wenigsten bei der Botschaft an. Schätzungen gehen auf bis zu 50.000 Israelis in Berlin.

Kein Wunder, dass sich neben der Partyszene aus Tel Aviv auch eine lebendige israelische Kulturszene in der Stadt etabliert hat. Es gibt israelische Bildhauer und Maler, Musiker, Lokale, die israelisches Essen servieren und gleichzeitig den Neuankömmlingen Jobs bieten. Es haben sich israelische Netzwerke gebildet, wie zum Beispiel die Initiative „Habait“ der in Tel Aviv geborenen Nirit Bialer, die junge israelische Kultur in Berlin präsentiert.

Am Fraenkelufer ist Nirit Bialer auch dabei. „Ein cooler Ort“, sagt sie. Das finden derzeit viele.