Auf den ersten Blick ist alles wie sonst beim Eishockey: Die Spieler in ihren gepolsterten Anzügen jagen über den weißen Hallenboden, immer dem Puck hinterher. Blitzschnell gleiten sie auf ihren Schlittschuhen übers Eis. Doch es ist gar kein Eis, auf dem das Team vom Verein East Cross Hockey Turtles (ECH) trainiert: In der Sporthalle im Köpenicker Ortsteil Hirschgarten, in der der Verein auch Kindern, Familien und anderen Hobbysportlern Trainingsmöglichkeiten bietet, liegt Synthetikeis. Das ist ein Spezialkunststoff, dessen Oberfläche Natureis imitiert. Die Halle an der Stillerzeile 100 ist die erste Halle in Berlin, die komplett mit Synthetikeis ausgelegt ist. Am Sonnabend wird dort offiziell Eröffnung gefeiert.

„Wir können jetzt endlich das ganze Jahr über Schlittschuhlaufen und unsere Projekte für Kinder und Jugendliche umsetzen “, sagt Martin Reinemann. Der 53-Jährige ist der Vereinschef der etwa 70 Turtles, die zwischen 17 und 56 Jahre alt und allesamt Hobbysportler sind. Seit Jahren suchte der frühere Eishockey-Profi nach Alternativen zur Natur- und Kunsteisbahn. Bislang dauerte die Eiszeit von Anfang November bis Anfang März, dann war Schluss mit der Eiszeit in Berlin.

Verlegt wie Parkett

Fündig wurde Martin Reinemann schließlich in der Schweiz. Dort gibt es, anders als in Deutschland, etliche Hallen mit Böden aus Synthetikeis. Der Spezialbelag, mit dem seit den 1960er-Jahren vor allem in den USA experimentiert wird, ist ganzjährig nutzbar und im Unterhalt günstig – Wasser und Energie zum Eismachen braucht man nicht. Synthetikeisflächen sind inzwischen so weit entwickelt, dass in den USA viele NHL-Profis ihre Saisonvorbereitung in solchen Hallen absolvieren.

In Deutschland ist der weiße Kunststoffbelag, der nicht zum Spiel- und Wettkampfbetrieb zugelassen ist, noch nicht so verbreitet. Martin Reinemann aber war begeistert. Er meldete beim Bezirksamt Treptow-Köpenick ein Kinder- und Jugendprojekt für Eishockey an und suchte nach Herstellern von Synthetikeis. Der Verein entschied sich für eine Firma in Regensburg. Auf der 30 mal 60 Meter großen Fläche wurden zwei Zentimeter dicke Kunststoffplatten verlegt, so ähnlich wie man es daheim mit Parkett macht. In den Platten sind schon alle Linien für ein Eishockeyfeld integriert. Rutschig ist der Boden nur für Schlittschuhe. Eine Besonderheit dabei: Man muss erste ein, zwei Runden laufen, um die Kufen zu erhitzen. „Dann ist es schnell wie auf richtigem Eis“, sagt Reinemann. Betritt man den Boden mit Schuhen, bleibt er stumpf.

Zehn Jahre Haltbarkeit

Wie bei richtigem Eis wird auch beim Synthetikeis die Oberfläche abgetragen, wenn man auf Schlittschuhen darüber fährt. Die Kunststoffspäne, die jeden Abend zusammengefegt werden, sollen laut Herstellerangaben gesundheitlich unbedenklich sein. Für zehn Jahre wird die Haltbarkeit des Belags garantiert. Auch eine schützende Bande sowie Fangnetze gibt es in der Halle, durch die die Pucks schon mal mit 140 Stundenkilometern fliegen. Rund 130 000 Euro kostet eine solche Ausstattung. Normalerweise. Durch Rabatte der beteiligten Firmen, die die Köpenicker Halle als Referenzprojekt bewerben, sowie durch Geld von Sponsoren und Eigenleistungen der Vereinsmitglieder sparte man an die 50 000 Euro. Das Bezirksamt befand das Konzept für teils kostenlose Kinder- und Jugendprojekte für gut und stellte dem Verein die Halle mietkostenfrei bereit. Die Handballer und Leichtathleten, die vorher dort trainierten, wurden auf andere Orte verteilt.

Die Halle an der Stillerzeile gehört zu einer ehemaligen Schule, die heute ein ganz spezieller Bildungsort ist: Der Technische Jugendbildungsverein in Praxis e.V. bietet dort Lern- und Erfinderwerkstätten für Kinder und Jugendliche an. Es gibt eine Akademie, in der Schulklassen praxisnah Bekanntschaft mit Naturwissenschaften schließen. Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen erhalten Angebote für eine Berufsorientierung und Senioren können sich mit neuen Medien vertraut machen. In dieses Umfeld passt die Eishockeyhalle auf dem Hof ganz gut, wie auch Vereinschef und Turtles-Trainer Martin Reinemann findet. Er sagt: „Bildung und Bewegung für Kinder und Jugendliche sind gleichsam wichtig, hier wird für beides gesorgt.“

Eröffnung: Sa 10–18 Uhr, mit den Eisbären Juniors, den OSC Eisladys, einer Laufschule für Kids und Eislaufen für Familien, Stillerzeile 100, www.stiller-hockey.de