Schöneberg - Müsste Malakeh Jazmati ein Gericht für jemanden zubereiten, der überhaupt keine Vorstellungen von Syrien hat, sie würde Fattet Makdous kochen. Die gefüllten Auberginen mit Tomaten- und Joghurtsoße und frittiertem Brot gehören zu den absoluten Klassikern der syrischen Küche. „Essen ist Kultur“, sagt Jazmati. Weil ihr Land vom Krieg zerstört ist, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kultur zu bewahren. Mitte November hat die zierliche Köchin das „Malakeh“ in der Potsdamer Straße eröffnet, ihr eigenes Restaurant. „Alles hier ist typisch syrisch“, sagt Jazmati, es klingt sehr stolz. 

Gemütlich ist es im „Malakeh“. An der Wand hängt ein Teppich, die Kissen auf den Sitzbänken zeigen tanzende Derwische, Töpferwaren und Frauen in traditionellen Gewändern. Die steingetäfelten Wände sind einem syrischen Haus nachempfunden. „Viele Leute denken, arabisches Essen sei nur Hummus und Falafel“, sagt Jazmati. Im „Malakeh“ gibt es weit mehr Vielfalt: Neben den erwähnten Auberginen werden zum Beispiel Mosokhan – gefüllte Teigblätter mit Hühnchen, Mandi – Granatapfelreis mit Rosenwasser oder Molokhya-Blätter, gekocht mit Butter, Koriander und Reis, serviert. Es gibt Tee mit Rosenknospen und Ayran aus typischen Kupferbechern. Und natürlich steht auch Hummus auf der Karte. Dass beim Essen syrische Musik läuft, bei der Jazmati auch mal lautstark mitsingt, versteht sich von selbst.

Job als Fernseh-Köchin

Malakeh Jazmati wollte eigentlich nie Köchin werden. Bevor in ihrer Heimat Syrien der Krieg ausbrach, studierte sie an der Universität in Damaskus Politikwissenschaften und arabische Literatur. Eher durch Zufall kam die heute 31-Jährige nach ihrer Flucht in Jordanien zum Kochen. Bei einem Assad-kritischen TV-Sender bekam sie einen Job als Moderatorin einer Talkshow. Fortan plauschte Jazmati mit prominenten Persönlichkeiten über Gott und die Welt – beim Kochen, so sah es das Format vor. Die Sendung wurde in Syrien und Jordanien ausgestrahlt und machte Malakeh Jazmati zu einer Berühmtheit. In Deutschland blieb sie beim Kochen, bekämpfte ihr Heimweh mit Hummus, Weinblättern und Gewürzen ihrer Kindheit. Solange sie noch kein Deutsch sprach, habe sie das Essen als Kommunikation und Eisbrecher benutzt, um Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen, erzählt Jazmati.

Essen ist eine gemeinsame Sprache“, sagt Malakeh Jazmati. Es folgt eine kurze Denkpause. „Und eine liebevolle Sprache“, fügt sie hinzu, ihr Blick wird jetzt ganz ernst. Kein Mensch, der gelernt habe, mit Liebe stundenlang Weinblätter für seine Freunde und Verwandten zu rollen, sei in der Lage, Krieg zu führen, davon ist die Köchin überzeugt. Wenn in einem Land ein Bürgerkrieg ausbreche wie in Syrien, liege das immer an gesellschaftlichen Missständen. „Mit Kultur oder Religion hat das nichts zu tun“, sagt Jazmati. Sie war schon immer ein politischer Mensch, aus Angst vor politischer Verfolgung hat sie auch ihr Land verlassen. Selbst im deutschen Exil kann niemand sie davon abhalten, ihre Meinung zu sagen. 2017 veröffentlichte die Fernseh-Köchin ihr Kochbuch „Malakeh – Sehnsuchtsrezepte aus meiner syrischen Heimat“. Deutliche Worte findet sie darin für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad: „Der Präsident hat unser Paradies durch die Hölle ersetzt“, schreibt Jazmati. 

Neustart in Berlin

Eine Wand des Restaurants ist gepflastert mit Porträts berühmter syrischer Persönlichkeiten – viele von ihnen sind Regierungskritiker. „Meine Helden“, nennt sie Malakeh Jazmati. Da hängt der Hollywood-Filmproduzent Moustapha Akkad, der 2005 bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. Oder der politische Karikaturist Ali Ferzat, der bei einem Angriff in Damaskus 2011 so schwere Handverletzungen davontrug, dass er bis heute nicht zeichnen kann. Ob es nicht gefährlich sei, sich so offen politisch zu äußern? „Doch, aber es ist wichtig“, sagt Jazmati. „Wenn ich es nicht mache, wer dann?“ Den Mut, zu sagen was sie wolle, habe sie von ihrem verstorbenen Vater geerbt.

Ihre Heimat vermisst Malakeh Jazmati noch immer sehr. „Ich kann es nicht ertragen, fern von meiner geliebten Stadt zu sein“, sagt sie. Am Boden zerstört sei sie gewesen, als sie in Berlin ankam. Das war im Oktober 2015. Ihr Mann Mohammed war ein Jahr zuvor über das Mittelmeer nach Berlin geflohen, sie kam mit dem Flugzeug hinterher. 

Inzwischen hat sich Jazmati in Berlin eine zweite Heimat aufgebaut. Mit ihrem Mann Mohammed lebt sie im Neuköllner Refugio-Haus mit 40 geflüchteten und anderen Menschen zusammen. Ihr Sohn Hassan kam 2016 zur Welt. „Er ist ein Berliner“, sagt die Mutter und lacht. Bereits 2016 hat Jazmati mit ihrem Ehemann das Catering-Unternehmen Levante Gourmet mit syrischen Gerichten aufgebaut und alles aus eigener Tasche finanziert. Sie kam nicht mittellos nach Berlin, sie hatte ja zuvor mit ihren Kochshows Geld verdient. Auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Event im Bundeskanzleramt und auf der letzten Berlinale hatte Jazmati Malakeh gekocht.

Alte Heimat im Restaurant „Malakeh“ integriert

„Hierher zu kommen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, sagt Jazmati. An Berlin schätze sie die Offenheit und die interkulturelle Atmosphäre. „Die Menschen hier sind an Fremde gewöhnt“, sagt die Köchin. Am liebsten gehe sie auf dem Kurfürstendamm spazieren und im Stadtteil Prenzlauer Berg. „Obwohl dort viele Menschen sind, fühlt man sich wie in einem Dorf“, sagt Jazmati.

Das Restaurant habe sie ganz einfach deshalb eröffnet, weil sie darum gebeten wurde. „Auf jeder Veranstaltung, bei der wir unser Catering gemacht haben, hat jemand gefragt, ob wir unsere Speisen nicht auch für zwei oder drei Personen anbieten könnten.“ Mit dem „Malakeh“ hat Jazmati nicht nur ihren Fans einen Wunsch erfüllt, sondern einen wesentlichen Teil ihrer alten Heimat in ihre neue integriert. Sie hat ein kleines Stück Damaskus in Berlin geschaffen.

Malakeh: Potsdamer Straße 153, Schöneberg, Di–Fr, 12 bis 0 Uhr, Sa und So von 9.30 Uhr bis 0 Uhr. Reservierungen unter 0176 221 609 98