Zäune. Überall stehen jetzt stabile, schwarze Zäune. Teils in mehreren Reihen hintereinander. Entlang der Oranienburger und der Johannisstraße sind die Zäune sogar mit Planen bespannt. Nicht einmal mehr Blicke sollen auf die Freiflächen hinter dem ehemaligen Kunsthaus Tacheles gelangen. Das gesamte Gelände wird von schwarz gekleideten, privaten Sicherheitsleuten bewacht. Überall sind Überwachungskameras angebracht.

Die kurz nach dem Mauerfall von Künstlern besetzte Kaufhaus-Ruine steht schon seit der Räumung im vergangenen September leer. In der vergangenen Woche wurden auch die letzten auf dem Freigelände noch aktiven Metallkünstler nach langem Rechtsstreit zwangsgeräumt. Damit hat die letzte, über 20 000 Quadratmeter große, bebaubare Brachfläche in Mitte nochmals einen immensen Wertzuwachs erfahren. Doch wer das marode Filetgrundstück übernehmen wird und was mit ihm geschehen soll, ist noch immer nicht absehbar.

Formal zumindest gehört das umzäunte Areal und der benachbarte Parkplatz noch immer Anno August Jagdfeld, genauer: Seiner Johannishof Projektentwicklung GmbH & Co. Jagdfeld hatte das Gelände 1998 vom Bund mit Investitionsvorrangbescheid gekauft und wollte dort bis 2005 bis zu 400 Millionen Euro investieren, eine Art Klein-Amerika entstehen lassen. In der Zwischenzeit ist Jagdfelds Fundus-Gruppe, ein Firmengeflecht aus Fondsgesellschaften, ins Wanken geraten. Die Staatsanwaltschaft Köln hat gegen den Kaufmann aus Düren im vergangenen Jahr Anklage wegen besonders schwerer Unreue erhoben, weil er seine Anleger beim Berliner Nobel-Hotel Adlon übervorteilt haben soll. Und seine Johannishof-Gesellschaft steht seit 2008 unter Zwangsverwaltung.

"Wir sind nicht insolvent"

„Aber wir sind Eigentümer. Und wir sind nicht insolvent“, betont Anno August Jagdfeld gegenüber der Berliner Zeitung. Noch setzt er darauf, das Tacheles-Areal selbst zu verkaufen. Und einer, der gerne dabei helfen würde, ist Arne Piepgras.

Der Berliner Immobilienhändler und Kunstliebhaber hat 2009 schon das ehemalige Stadtbad Wedding gekauft und will es unter dem Namen Stattbad als Kunst- und Kulturstandort etablieren. Mit ersten Erfolgen. Seine neueste Idee ist es, die Tacheles-Ruine zu übernehmen und dort mit staatlicher Unterstützung die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit immer erträumte Berliner Kunsthalle zu etablieren. Deswegen hat er auch schon Kontakt zu den bisherigen Nutzern aufgenommen.

„Phase zwei“ nennt Arne Piepgras seine Kunsthallen-Idee. Noch aber befindet sich er sich in Phase eins. „Ich habe Interesse zu kaufen. Ich muss aber noch Leute finden, die das bezahlen wollen“, sagt Piepgras. Weltweit suche er nach Investoren, um Jagdfeld „die beste Immobilie in ganz Berlin“ abzukaufen und die früheren Pläne von Klein-Amerika doch noch wahr werden zu lassen. „Aber die Luft wird dünn.“

Denn die HSH-Nordbank, die gemeinsame Landesbank von Hamburg und Schleswig-Holstein, bei der Jagdfeld tief in der Kreide steht, strebt eine Zwangsversteigerung des Tacheles-Areals an. Nach der Räumung und angesichts der angezogenen Marktpreise wäre der Zeitpunkt eigentlich günstig, um noch möglichst viel aus der ungeliebten Problemimmobilie herauszuholen. In der Vergangenheit angesetzte Termine wurden von der HSH aber mehrfach abgesetzt. Derzeit wird nach Informationen der Berliner Zeitung vom Amtsgericht Mitte ein Altlasten-Gutachten erhoben. Im Grundbuch ist für die HSH eine Grundschuld von rund 75 Millionen Euro eingetragen. Insider gehen davon aus, dass der von Jagdfeld geforderte Betrag einschließlich Zinsen und Kosten für die Zwangsverwaltung mittlerweile auf über 130 Millionen explodiert ist. Eine Summe, die selbst für dieses Grundstück kaum zu erzielen ist. In einem Gutachten hatte das Amtsgericht den Verkehrswert im Jahr 2011 auf 35 Millionen Euro taxiert. Mittlerweile schließen Branchenkenner zumindest eine Verdoppelung nicht aus.

Im Umfeld von Jagdfeld wird allerdings kolportiert, dass die HSH ihre Grundschuld während der Bankenkrise 2008 verkauft habe, für einen wesentlich geringeren Betrag. Im Grundbuch ist das nicht ausgewiesen. Aber das muss es auch nicht.

Als Käufer wird ein Name genannt, der immer auftaucht, wenn es um potenzielle Interessenten für das Tacheles-Areal geht: Harm Müller-Spreer, der Hamburger Investor, dem eine Vielzahl von Immobilien in Berlins Mitte gehören und der sich mit den Bürotürmen auf dem Spreedreieck in der Stadt nicht nur Freunde gemacht hat. Als Geldgeber im Hintergrund wird SAP-Chef Hasso Plattner genannt, der als Stifter für die Fassade des Potsdamer Stadtschlosses in der Nachbarstadt hohes Ansehen genießt.

Müller-Spreer lacht über solche Gerüchte und sagt: „Ich bin doch kein Grundschuld-Händler.“ Auch Aktivitäten des SAP-Chefs, für den er in Mitte bereits die Berliner Niederlassung baute, gebe es in Sachen Tacheles nicht. Plattner selbst sagt nichts dazu. Natürlich sei das Areal zwischen Friedrich-, Oranienburger und Johannisstraße eine „hoch interessante Immobilie“, sagt Müller-Spreer. Ob er bei einer Versteigerung ein Gebot abgebe, werde er aber erst entscheiden, wenn ein Termin fest steht. Auf absehbare Zeit bleibt das Tacheles-Areal mitten in Mitte also abgezäuntes Gelände.