Berlin - Nach Jahren des Stillstandes tut sich was auf der großen Stadtbrache zwischen Oranienburger Straße, Friedrich- und Johannisstraße: Kräne transportieren Lasten, Bagger schieben Sand von hier nach dort, Betonmischer fahren auf und ab. Es ist wuselig und laut. Das Leben ist eine Baustelle, nun auch auf dem Areal des Tacheles in Mitte. Dort sollen in den kommenden Jahren Büros und Einzelhandel sowie 275 Wohnungen entstehen – und zwar ausschließlich in Eigentum. Das alleine wäre in Zeiten von Wohnungsnot und Enteignungsdebatte umstritten genug. Doch dann ist da noch die Geschichte mit der umstrittenen künftigen kulturellen Nutzung der alten Kaufhausruine.

Das Haus stammt vom Anfang des vorigen Jahrhunderts – und erzählt alleine wegen seiner vieler Eigentümer- und Nutzungswechsel ein vielsagendes Stück deutsch-deutscher und Berliner Geschichte. Anfang 1908 wurde die Friedrichstraßenpassage eröffnet – schon ein halbes Jahr später meldete das dortige Kaufhaus Konkurs an.

Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Gebäude zwangsversteigert. Später war es Schau- und Verkaufsgebäude der AEG, danach Adresse für NSDAP-Dienststellen, zu DDR-Zeiten Objekt des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, anschließend Kinostandort, beziehungsweise Heimat eines Reisebüros, einer Artistenschule und einer Hundeschuranstalt.

1980 schien die Geschichte zu Ende zu sein, ein großer Teil des Hauses wurde aus Statik-Gründen abgerissen. Der zunächst übrig gebliebene Teil sollte Anfang 1990 endgültig gesprengt werden. Doch ehe es dazu kam, hatte sich der Lauf der Geschichte bekanntlich mal wieder geändert. Am 13. Februar 1990, kurz vor der geplanten Sprengung, besetzte die Künstlerinitiative Tacheles die Ruine und gab ihr so den Namen, unter dem das Gebäude bis heute berühmt-berüchtigt ist.

Wie man dem Tacheles beim Sterben zusehen konnte 

Die Initiative ließ ein neues Gutachten zur Bausubstanz und Statik erstellen. Auf Grund des positiven Ergebnisses wurde das Haus zunächst vorläufig unter Denkmalschutz gestellt. Zwei Jahre später kam durch ein weiteres Gutachten die Bestätigung. Das Tacheles entwickelte sich rasch zum Musterbeispiel für die Kultur der Zwischennutzung, für die Berlin in der Nachwendezeit international berühmt war. Die Besucher kamen in Scharen, auch dann noch, als die dort produzierte Kunst längst beliebiger Ramsch geworden und die Ruine nur noch ein bunter, pittoresker Jahrmarkt war.

Das Haus wurde bunt bemalt, aus Schutt entstanden Skulpturen. Es etablierte sich ein festes Kunst-, Aktions-, Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum. Im Hause befanden sich zwischenzeitlich drei Dutzend Künstlerateliers, Ausstellungsflächen und Verkaufsräume für zeitgenössische Kunst, das Kino High End 54, Bars und Veranstaltungsorte wie das Café Zapata, in denen Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und Performances stattfanden. Dazu gab es auf der Freifläche hinterm Haus einen Park aus Metallskulpturen.

Es war insgesamt ein ziemlich düsterer, aber in seinen besten Zeiten auch aufregender Ort mit ziemlich widerspenstigen Bewohnern und Nutzern, die ihn einfach nicht aufgeben wollten. Dabei war die Ruine spektakulär dreckig, stank nach Urin, war wild besprayt und in seiner Baufälligkeit durchaus auch gefährlich: Einmal stürzte eine Besucherin durch einen Mauerdurchbruch in den Tod. Am Ende, so sah es aus, konnte man dem gesamten Tacheles beim jahrelangen öffentlichen Sterben zusehen.

1998 erwarb die Fundus-Gruppe des Immobilienunternehmers Anno August Jagdfeld das 1 250 Quadratmeter große Grundstück für 2,8 Millionen D-Mark. Ein Architekt entwarf ein Quartier am Johannishof, das rund 400 Millionen Euro kosten sollte. Ein Investor dafür wurde nie gefunden. Der Tacheles-Verein nutzte die Gunst der Stunde, in der der Kapitalismus offensichtlich schwächelte, und handelte mit der Fundus-Gruppe einen Mietvertrag aus. Als Miete wurde eine symbolische Mark pro Quadratmeter und Monat vereinbart, plus einer lange Zeit nicht genau bezifferten Nutzungsentschädigung.

Ateliers im Tacheles wurden im September 2012 geräumt 

Ende 2008 lief der Vertrag aus. Danach ging es Schlag auf Schlag wie in einem Wirtschaftskrimi: Der Verein meldete Insolvenz an, weil er die geforderte Nutzungsentschädigung von mehr als 100.000 Euro nicht aufbringen konnte. Der Fundus-Gläubiger HSH Nordbank forcierte eine Zwangsversteigerung. Und auch das gab es: Ein Versteigerungstermin wurde noch am selben Tag abgesagt. Einen Tag später verließen die übrig gebliebenen Gastronomen gegen Zahlung von einer Million Euro das Tacheles. Kurz darauf wurden das Kino, der Hinterhof, auf dem Künstler jeder Couleur eine kleine Budenstadt etabliert hatten sowie das gesamte Erdgeschoss wurden geräumt. 80 Künstler verblieben mit ihren Ateliers und Metallwerkstätten im Gebäude.

Eine Woche ließ der Zwangsverwalter eine knapp drei Meter hohe Mauer errichten, die den Durchgang von der Oranienburger Straße zum Hof mit den Werkstätten trennte. Im September 2012 war dann endgültig Schluss, die Ateliers wurden geräumt, die Künstler vor die Tür gesetzt – auf eine Oranienburger Straße, die mit dem Tacheles das letzte Stück Alternativkultur verlor.

Dennoch passierte auch nach der Zerstörung der Utopie lange Zeit erst einmal nichts, das Haus blieb leer, die Brache eine Brache, und das in einer Gegend mit astronomischen Immobilienpreisen. Erst im September 2014 verkaufte die Fundus-Gruppe, die mit dem Geld von Fonds-Anlegern das Hotel Adlon, das Quartier 206 und das Grandhotel Heiligendamm an der Ostsee noch zuwege brachte, das Gelände endgültig an die New Yorker Vermögensverwaltung Perella Weinberg Partners (PWR).

Wie es hieß, brauchte Fundus Geld, um einen Millionen-Kredit bei der HSH Nordbank abzulösen. Inzwischen ist der Fonds Aermont Capital mit Sitz in der Steueroase Luxemburg Eigentümer. Auf einer Fläche von 22.500 Quadratmetern soll nun die klaffende Lücke zwischen Oranienburger, Friedrich- und Johannisstraße geschlossen werden. Vorgesehen sind elf Gebäude und drei öffentliche Plätze. Auch einen werbewirksamen Namen gibt es: AM TACHELES. Das umgedrehte „A“ in Tacheles ist als Marke eingetragen. Rund 700 Millionen Euro sollen insgesamt ausgegeben werden.

Schweden haben Interesse am Tacheles 

Aermont Capital will mit dem Projekt die „höchsten relevanten Öko-Auszeichnungen“ erreichen und dennoch – oder erst recht? – „hochqualitative, moderne Immobilen mit bedeutenden öffentlich zugänglichen Freiräumen“ schaffen. Schönste Investoren-Prosa.

Sebastian Klatt, Geschäftsführer des Projektentwicklers pwr development GmbH, kann bei dem Wortgeklingel locker mithalten. Geplant sei ein offenes und öffentliches Quartier mit „vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, aufsehenerregender und kosmopolitischer Architektur und drei öffentlichen Plätzen“, sagte er bei Grundsteinlegung im September. Man wolle das gesamte Areal „zu neuem Leben erwecken und als einzigartigen Kultur-, Handels- und Wohnstandort etablieren“. Das denkmalgeschützte ehemalige Kunsthaus soll erhalten, saniert und integriert werden.

Neben dem handelsüblichen Einkaufspassagen-Mix mit beliebigen Restaurants und Cafés verspricht vor allem das Wohnkonzept Abwechslung. Bekannte Architektenbüros wie Herzog & de Meuron, Brandlhuber + Muck Petzet sowie Grüntuch Ernst planen auf einem Drittel des Geländes Gebäude mit klingenden Namen wie Oro (Gold) und wohlfeilen Sprüchen wie „Wohnen in der neuen Architekturikone Berlins“ – 275 wohlweislich ausschließlich hochpreisige Eigentumswohnungen. Doch was ist mit der Kultur? Fegt der Siegeszug des Geldes die Künstler endgültig vom Stadtplan von Berlins mittigster Mitte.

Oder bleibt womöglich doch ein Freiraum zum Ausleben kreativer Ideen und der Auseinandersetzung mit Themen der Zeit? Im Moment sieht es so aus: Die Ruine steht unter Denkmalschutz. Das Büro Herzog & de Meuron, das in Berlin derzeit wegen der Planung für ein doch sehr scheunenartiges Museum der Moderne im Kulturforum in der Kritik steht, soll sie behutsam sanieren. Dabei, so heißt es in den Unterlagen der Investoren, sollen „die Spuren der Vergangenheit bewahrt und respektiert“ werden.

Den Plänen zufolge das Kunsthaus Tacheles auch weiterhin ein Kulturstandort bleiben. Als großer Favorit für ein „internationales Museumskonzept, inklusive Restaurant und Veranstaltungsmanagement“ wird Fotografiska gehandelt, eine Art Fotomuseum in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Die Schweden bestätigten der Berliner Zeitung ihr Interesse am Tacheles. Man suche nach einem passenden Platz in Berlin und spreche derzeit über mehrere Orte. Aber konkret sei noch nichts: „Wir haben mit niemand einen Mietvertrag abgeschlossen.“

Kann ja noch werden. Jedoch gibt es auch Kritik an Fotografiska. Da es weder über eine eigene Sammlung verfüge noch Forschung betreibe und überdies profitorientiert sei, sei es gar kein Museum. Treffender ist der Begriff Galerie. Böse Zunge sprechen von einem „Ikea für Bilder“.
Ist dies eine adäquate „kulturelle Nutzung“, wie es der Bezirk Mitte im Bebauungsplan fürs Tacheles eigens formuliert hat? 

Ephraim Gothe (SPD), Stadtrat für Stadtentwicklung, will sich jedes Kommentars über Ausformung und Qualität dieser Nutzung enthalten. Er kenne zwar das Konzept, „aber ich habe es inhaltlich nicht zu beurteilen“, sagt er. Für ihn sind die quantitativen Festlegungen entscheidender – zum Beispiel die Frage, ob Restaurantfläche und Buchladen tatsächlich untergeordnet sind, wie es vorgesehen ist.

Wird das ehemalige Kunsthaus zum „Tacheles for Future“? 

„Eine Aufteilung von 60:40 sollte es schon sein“, sagt Gothe, außerdem wisse er von Plänen über Fotostudios bei Fotografiska. Prinzipiell hält es Gothe jedenfalls „für nicht verwerflich, dass man mit dem Konzept in die Breite geht“, wie er es formuliert, dass auch Geld verdient wird. Darum sei es auch denkbar, die Galerie bis in die Abendstunden zu öffnen, das Restaurant könnte anschließend noch länger geöffnet sein, sagt der Kommunalpolitiker.
Wichtiger ist für Gothe ohnehin, dass die Ruine sachgerecht renoviert wird. Da seien noch Absprachen nötig, schließlich müssten manche Graffiti konserviert werden. Und vor allem gelte: „Jedes Nutzungskonzept muss sich in das Haus einfügen.“

Ob solch ein Konzept voller kulturpolitischer Kompromisse jemanden wie Jochen Sandig überzeugen könnte, ist unwahrscheinlich. Sandig gehört zu den Besetzern der ersten Stunde. Der Regisseur und Kulturmanager gilt sogar als Erfinder des Namens Tacheles – Klartext also. Damals, zur Wendezeit, wollten die Initiatoren auf die mangelnde Meinungsfreiheit in der DDR verweisen. Mit der Zeit ging der Name der Gruppe auf das Gebäude selbst über. Sandig blieb bis 1994 im Tacheles, wo er auch seine spätere Frau, die Choreographin Sascha Waltz, kennenlernte.

Sandig zog später weiter zu den Sophiensälen ganz in der Nähe, ehe beide zusammen an die Schaubühne am Lehniner Platz gingen. Spätestens mit der Gründung des Radialsystems an der Spree in Friedrichshain war der gebürtige Schwabe Sandig ein großer Name im Berliner Kulturbetrieb. Doch ein gewisser Hang ins Südwestdeutsche ist Sandig geblieben: Am 1. Oktober diesen Jahres hat er sein Amt als Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele angetreten.

Das Tacheles jedoch hat Sandig nie aus dem Blick verloren. Er habe sich über den jahrelangen Stillstand auf der Brache nach der Schließung geärgert, sagt Sandig der Berliner Zeitung. Entsprechend freute er sich auf die Grundsteinlegung im September. In einer Art Akt der Piraterie hüpfte er auf die Bühne und stopfte Karten mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen in die Grundsteindose.

Sandig hat das Tacheles nämlich noch lange nicht aufgeben. Das Besetzermotto von 1990 soll sich in seinen Augen als geradezu visionär erweisen: „Die Ideale sind ruiniert, rettet die Ruine!“
Jochen Sandigs Vision ist ein „Tacheles for Future“. Er will die mit Millionensummen handelnden Investoren dazu kriegen, nachhaltig zu denken und zu handeln, wie er sagt. Wenn sie schon mit dem Namen Tacheles Geld verdienen wollten, sollten die Manager erkennen, dass Gewinnmaximierung an diesem Ort eben nicht das richtige Konzept sein könne.

Klaus Lederer über Besitzer des Tacheles: „Jetzt wollen die privaten Eigentümer aus dem vergangenen Mythos Kapital schlagen“

„Das Tacheles war über zwei Jahrzehnte ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung“, sagt Sandig, „das soll es jetzt wieder werden“. Der 51-Jährige möchte, dass der Investor das Tacheles aus dem Neubauviertel ausklammert und einer Stiftung übergibt.  

Diese wiederum müsste die Räume der „Generation Greta“ zur Verfügung stellen, wie Sandig es nennt. Diese gelte es unbedingt und unentgeltlich zu unterstützen. Schließlich wollten die Aktivisten von „Fridays for Future“ die Welt retten. Eine relevantere Aufgabe könne es nicht geben. Die Analogie zu 1990 liege auf der Hand: „Man hat uns damals auch in Ruhe gelassen.“ Natürlich müssten die Investoren für die Übergabe an eine Stiftung auf Gewinn verzichten, so Sandig. Aber er habe gute Signale gehört.

So habe pwr-Manager Klatt bei der Grundsteinlegung gesagt, man wolle am Tacheles selbst kein Geld verdienen. Anders als Sandig hat Klaus Lederer die Hoffnung auf einen Ort für relevante Kultur an der Oranienburger Straße aufgegeben. „Der Mythos des Tacheles ist vorbei. Der Verkauf war ein Fehler. Jetzt wollen die privaten Eigentümer aus dem vergangenen Mythos Kapital schlagen“, sagt der Linke-Politiker.

Deshalb seien auch alle Versuche der Politik, dort öffentliche Kulturnutzung einzubringen, komplett fehlgeschlagen. „Wir haben mit dem Besitzer verhandelt, um Räume für Kunst zu sichern. Wir hätten auch versucht zu kaufen. Dafür gab es keine Bereitschaft. Bei den von den Eigentümern aufgerufenen Preisen war uns auch das Mieten nicht möglich“, erinnert Lederer. Auch Stadtrat Ephraim Gothe erkennt nur noch „eine wehmütige Erinnerung an die 90er-Jahre“. Aber er will nicht so schwarz sehen wie Lederer. 

Er erinnert an die Alte Münze am Molkenmarkt, der sich unter der Ägide der Senatskulturverwaltung entwickelt hat und für die aktuell eine musikalische Nutzung gesucht werde. Auch das Haus der Statistik am Alexanderplatz, ein zur Ruine verkommener Bürokomplex aus DDR-Zeiten, sei so ein Ort der Hoffnung, so Gothe. Parallel zur Sanierung entwickelt sich dort ein gemeinwohlorientiertes soziokulturelles Zentrum.