Da stehen sie nun, die acht großen, verrosteten Buchstaben, die das Wort Tacheles ergeben und jahrelang unübersehbares Symbol des Künstlerhauses in Mitte waren. Nach jahrelangem Streit ließen die Eigentümer im Juni die letzten verbliebenen Künstler der einst besetzten Kaufhaus-Ruine zwangsräumen. Aus Protest schoben die Geräumten ihre Großbuchstaben aus Stahl vor das Rote Rathaus und begannen, sich ein neues Quartier zu suchen.

Elf Kilometer weiter, mitten in Marzahn, haben die Künstler aus Mitte gleich zwei ungewöhnliche neue Orte zum Arbeiten gefunden: zum einen ein 30 000 Quadratmeter großes Gelände an der Beilsteiner Straße, das einst Magerviehhof, Gefangenenlager und militärisches Sperrgebiet war und heute den Namen Alte Börse Marzahn trägt. Und zum anderen ein nur wenige Meter entfernt gelegenes, teils verwildertes 6 000 Quadratmeter großes Gelände an der Marzahner Chaussee. Zwei Baracken aus DDR-Zeiten stehen dort, Armee, Polizei und die Bahn nutzten die Räume mit zum Teil gepolsterten Wänden. Jetzt werden diese Büros zu Ateliers umgebaut. „Kunstbaracken“ lautet der neue Name für das Gelände zwischen Bahnschienen, Hochhäusern und Kleingärten.

Künstler aus Frankreich, Italien, Indien und Lateinamerika haben dort die ersten der später 17 Ateliers gemietet. 5,80 Euro Warmmiete zahlen sie pro Quadratmeter. Es sind Maler, Musiker, Keramiker und Fotografen. Das frühere Heizhaus haben sie zum Gemeinschaftsraum umgebaut, den Schornstein bemalt und Beete angelegt. Sogar einen Komposthaufen gibt es dort. Auf dem Hof stehen zwei tonnenschwere Skulpturen der Tacheles-Künstler Kenan und Arda.

Die Kreativen aus Mitte sind jetzt Marzahner, sie leben im Grünen und genießen die Ruhe. „Wir wollten raus aus der tollen Mitte, die nur noch voller Touristen ist“, sagt Roman Hillmann, der einst Fernsehredakteur war und nun mit seiner Freundin Ankelina Möller, einer früheren Tacheles-Bewohnerin, in einer Baracke wohnt. Beide sind freischaffende Fotografen. Seit anderthalb Monaten wohnen die zwei in einer der Baracken, die anfangs unbewohnbar und voller Nazi-Schmierereien waren. Nun gibt es Duschen, Toiletten, Strom und Heizung. „Wir fühlen uns wohl hier“, sagt Roman Hillmann. „Die Menschen in Marzahn sind entspannter und freundlicher. Hier läuft nicht ständig die große Show wie in Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg.“

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So ruhig wie mittags auf einem Dorfplatz ist es 200 Meter weiter auf dem Gelände der Alten Börse Marzahn an der Beilsteiner Straße. Das Grundstück gehört Peter Kenzelmann, er hat das Gelände des früheren Magerviehhofes im März 2013 von einem Investor gekauft. Und Kenzelmann hat viel vor mit den zum Teil denkmalgeschützten Häusern und Hallen. Ein Künstlerdorf soll entstehen, etwa 50 Künstler, viele gehörten zur Tacheles-Gemeinschaft, werden dort arbeiten. Kenzelmannn ist 43 Jahre alt. Er hat einst das DDR-Museum mitgegründet, ihm gehört der Heragon-Verlag, der sich auf Lernkarten spezialisiert hat. „Ich will nicht der Investor sein, der Einfamilienhäuser baut“, sagt er. Knapp fünf Millionen koste der Umbau des Geländes. Man staunt, wie es der Mann geschafft hat, Banken zu überzeugen, ihm Kredite zu gewähren.

Die früheren Ställe werden zu Ateliers umgebaut, Kunsthandwerker ziehen ein, eine Gold- und Silberschmiede gibt es schon. Eine Brauerei wird eigenes Bier herstellen, das „Marzahner“. Studenten der Universität der Künste nutzen das Gelände für ihre Projekte, es gibt genug Platz. In einer Halle stehen 120 Kinostühle, nächstes Jahr, so der Plan, soll ein internationales Filmfestival starten. Eine weitere Halle wird ein großer Veranstaltungssaal, etwa 1 000 Quadratmeter groß.

Ein Saal mit alter Bühne wird zurzeit zum Konzertsaal mit 300 Plätzen umgebaut. In vier Wochen ist die Einweihung, dann gibt es das erste Konzert. Gäste aus Mitte werden kommen. Eine halbe Stunde brauchen Bus und Bahn bis nach Marzahn.