Berlin - Pankow/Treptow/Tegel - Blumen über Blumen. Am Mittag ist die Fläche vor der Pietà in der Gedenkstätte für die gefallenen sowjetischen Soldaten in der Schönholzer Heide mit Blumen übersät. Immer wieder kommen Menschen – Familien, Paare, Einzelpersonen, verharren, wählen einen Platz für ihre Blumen. Dieses sowjetische Ehrenmal ist ein Ort der stillen Trauer, nicht der Feier des Sieges. 80.000 Soldatinnen und Soldaten fielen in der Schlacht um Berlin, der letzten des Großen Vaterländischen Krieges. 13.200 von ihnen liegen hier, mehr als im großen Hain im Treptower Park.

Im Pankower Ehrenmal werden die Gefallenen zu Individuen: Wege führen vorbei an Bronzetafeln mit Namen junger Menschen. Vieltausendfach brach das Leben von 17- und 18-Jährigen ab, weil sie ihre Heimat nicht der nationalsozialistischen Herrschaft preisgeben wollten, und weil sie die Deutschen von ihrem selbstverursachten Unheil befreien mussten. Etwa ein Fünftel der hier Beerdigten sind namentlich aufgeführt, jedes Jahr kommen neue hinzu.

Eine Rose auf das Herz

Ein Mädchen versucht, auf den Sockel zu klettern, auf dem Mutter Heimat um den toten, vor ihr liegenden Sohn trauert. Das Kind will seine Blume auf das Herz des Toten legen. Intuitiv hat es erfasst, worum es hier geht. Der Vater, Jörg Malchow, 41 Jahre alter Pankower, ist mit seiner Tochter und seiner Großmutter gekommen, so wie fast jedes Jahr – aus Dankbarkeit, dass „wir hier heute so leben können, wie wir leben“, sagt er.

Familie Grienspon kommt in drei Generationen – Großmutter Larissa aus der Ukraine, Großvater Abraham aus Lettland, dazu Tochter, Schwiegersohn, zwei Enkel. Sie komme jedes Jahr, weil „das Denkmal an die gemeinsame russisch-ukrainische-deutsche Geschichte erinnert“ und „Krieg, das globale Vernichten, ein Unglück ist“, sagt Larissa. Für Abraham, der sich 1941 als Achtjähriger jüdischer Abstammung aus Lettland in die Sowjetunion rettete, als die Deutschen anrückten, ist der 8. Mai der „Tag zum Leben“.

Karl und Anne Kunze aus Hohenschönhausen kommen, weil der 8. Mai „ein Tag der Freude darüber ist, dass die Befreiung glückte“. Putin und all die politischen Konflikte spielten hier keine Rolle.

Sören Benn, Bürgermeister von Pankow, freut sich, dass sich an dem würdevollen Ort eine Bürgertradition entwickelt hat, dass sich Jahr für Jahr eine fast familiäre Stimmung an der Gedenkstätte ausbreitet. Mit diesem Ort fühlten sich Menschen aller ehemaligen Sowjetrepubliken verbunden. Aktuelle politische Animositäten spielten hier keine Rolle: „Wer die Botschaft der unfreiwilligen Opfer und die aktuellen Konflikte nicht trennen kann, hat die Geschichte nicht verstanden“, sagt der Linken-Politiker. „Die von der Sowjetunion erbrachte Befreiungstat hat die Grundlage für das Europa von heute geschaffen.“ Bei allem, was man an der russischen Regierung richtigerweise kritisieren könne, dürfe man nicht in Russophobie abgleiten.

Davids/Christina Kratsch
Mit roten Nelken und Käppi der Roten Armee zum Sowjetischen Ehrenmal in Treptow: Für viele Menschen zur Tradition geworden.

Am Eingang des Ehrenmals im Treptower Park ist es am Sonntagnachmittag sehr voll, dann verteilen sich die vielen Menschen auf dem weiten Gelände – und doch ist es stiller als vor der Pandemie. Menschen sitzen bei kleinen Picknicks im Schatten, ältere Paare tanzen – sowjetische, russische, auch ukrainische Flaggen wehen.

„Was unsere Vorfahren geopfert haben, muss man wenigstens einmal im Jahr würdigen“, sagt Valentin Chikin. Er kam als Kind mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland. Eine sowjetische Militärfamilie, sagt er. Sein Urgroßvater fiel in Stalingrad, auch ein Großonkel starb im Krieg. Zum Ehrenmal im Treptower Park kommt er, seit er in Berlin lebt, seit 2007.

Mischa Gabowitsch, der als Zeithistoriker das Gedenken am 9. Mai erforscht, ist seit dem Vormittag am Ehrenmal. Es sei voller als im vergangenen Jahr. Kein Wunder bei dem Wetter, es seien auch wieder mehr Besucher aus dem Ausland angereist. Viele haben wieder Fotos ihrer Verwandten mitgebracht, die im Großen Vaterländischen Krieg gekämpft haben. Gabowitsch erzählt von einem langen Gespräch mit einem Russlanddeutschen, der in diesem Jahr mit einem solchem Foto gekommen ist. Die Gedenktradition breite sich aus.

dpa/Jörg Carstensen
Sawsan Chebli legte am Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni einen Kranz nieder.

Dem Regierenden Bürgermeister Berlins, Michael Müller, war es in diesem Jahr kein Bedürfnis, den für die Freiheit der Stadt Gefallenen Ehre zu erweisen. Er folgte nicht der Einladung der Russischen Botschaft zu den Kranzniederlegungen im Tiergarten und im Treptower Park, sondern ließ sich von Staatssekretärin Sawsan Chebli (ebenfalls SPD) vertreten. Senatskanzleisprecherin Melanie Reinsch verwies auf Nachfrage der Berliner Zeitung auf die Gepflogenheiten: „Wie auch in den Jahren zuvor und wie üblich nimmt entweder der Regierende Bürgermeister den Termin wahr oder seine Vertretungen, wie beispielsweise die Bürgermeister, der Protokollchef oder wie in diesem Jahr die Bevollmächtigte des Landes Berlin.“

Still blieb die Stimmung auf dem russisch-orthodoxen Friedhof in Tegel. Auch dort sowjetische Soldaten sowie Zwangsarbeiter und Kinder sowjetischer Zwangsarbeiterinnen. 18 namentlich gekennzeichnete Gräber von Kindern, die im Alter von einem bis 14 Jahren starben, befinden sich auf dem Friedhof. Katina Schubert, Vorsitzende der Berliner Linken, fand am Sonnabend Zeit, ihrer in Tegel zu gedenken. Die Nelken, die sie niederlegte, trugen ein Bändchen mit der Aufschrift „8.Mai – arbeitsfrei“. Es wäre ein wertvoller Feiertag.