Die junge Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt und der großen Hornbrille rockt das Publikum: „Hey, ihr pennt ja alle“, ruft sie und wedelt wild mit den Armen. „Seid ihr alle da?“ Dann setzt die Musik ein, „Born to be wild“. Die Frau fängt unter dem Gelächter der Zuschauer an zu singen. Schief, aber fröhlich. „Das war die perfekte Show. Nur das Lied passte nicht“, sagt Thomas Reinhold, der aus Sonneberg in Thüringen gekommen ist, um den Tag der Deutschen Einheit in der Hauptstadt zu feiern. Auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor hat gerade Joe Hatchiban, bekannt aus dem Mauerpark, die weltweit größte Live-Karaoke-Show eröffnet.

Seit dem frühen Mittag drängen sich dort und auf der 1,5 Kilometer langen Festmeile auf der Straße des 17. Juni die Massen. Hunderttausende Besucher sind gekommen, schätzen die Veranstalter. Lange Schlangen haben sich vor den Imbissbuden gebildet, an manchen Getränkeständen wird an diesem herbstlich kühlen Tag sogar schon Glühwein ausgeschenkt. „Das ist ja wie Weihnachten“, sagt ein Mann.

"Im Mauerpark ist die Stimmung besser"

Am 3. Oktober am Brandenburger Tor feiern, ist bei Ulrich Volke so Brauch. „Wir gehen meistens dort hin“, sagt er. Der Mann aus Friedrichshain ist mit seiner Lebensgefährtin und deren Tante aus Meißen unterwegs und freut sich über das schöne „Einheitswetter“. „Genau wie am 3. Oktober 1990. Da war es auch so schön.“ Er habe noch alte Fotos von dem Tag.

Auf der Bühne beim Karaoke versucht Joe Hatchiban, die Stimmung anzuheizen. Ein junges Mädchen stimmt mit leiser Stimme einen Song aus dem Musical Grease an. Die Zuschauer applaudieren höflich, doch kaum einer singt mit. Für viele scheint Karaoke lediglich eine Begleitkulisse zu sein. „Beim Sonntags-Karaoke mit Hatchiban im Mauerpark ist die Stimmung besser“, sagt eine Berlinerin.

Einige Besucher ziehen weiter zum Tag der offenen Tür in die nahe gelegenen Landesvertretungen in die Ministergärten. Dort waren am Donnerstag ebenfalls Hunderte unterwegs.