Kalter Februarwind pfeift über die weiten Buckower Felder. Dennoch haben sich hier an der Gerlinger Straße, an der Grenze von Neukölln zu Brandenburg, an diesem Sonnabendvormittag Hunderte Neugierige eingefunden.

Sie sind gekommen, um sich die neuen Tempohomes für Flüchtlinge anzuschauen, die in den vergangenen fünf Monaten auf dem eingezäunten und mit Wachschutz versehenem Acker entstanden sind. Am Montag sollen die ersten Bewohner einziehen.

Der erste Anblick ist trist

Insgesamt 126 Wohneinheiten stehen bereit. Hinzu kommen Container für Gemeinschaftsräume, in denen es neben Büros für Verwaltung und Beratung zum Beispiel auch Spielzimmer für Kinder oder Platz für Deutsch-Kurse der Volkshochschule Neukölln geben soll. Maximal 504 Menschen können an der Gerlinger Straße unterkommen. Es ist das insgesamt 5. Tempohome Berlins, 15 weitere sollen in der nächsten Zeit folgen.

Der erste Blick von außen ist trist. Schmucklose graue Container reihen sich in engen Zeilen aneinander. Dazwischen sind Wege planiert, aber kein Baum, kein Strauch, kein Grün lässt das Auge irgendwo verweilen. Nur ödes Feld. Erst später soll es Beete und Rasenflächen geben.

Auch der zweite Blick von innen ist wenig erbaulich. Eine Wohneinheit (je 45 Quadratmeter groß und für bis zu vier Personen ausgelegt) besteht aus drei Containern, zwei davon sind Zimmer mit Tischen, Stühlen, Betten und kleinen Schränken.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach übt Kritik

Das Modul in der Mitte dient als Flur und Küche, am Ende befinden sich Dusche und Toilette. Auch innen ist alles zweckmäßig und grau in grau gehalten, viel nüchternes Plastik und Blech. Wer es hier schön haben will, braucht eine Menge Fantasie und Gestaltungswillen.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach macht gar kein Hehl daraus, dass auch sie von Ausstattung und Grundbedingungen nicht begeistert ist. „Ehrlich gesagt, finde ich es auch nicht gut, Menschen eingezäunt in Containern wohnen zu lassen. Wir haben aber derzeit keine andere Möglichkeit.

Es gibt einfach nicht genug freie Wohnungen“, sagt die Linken-Politikerin. „Und es ist tausend mal besser, als in einer Turnhalle leben zu müssen“, fügt sie hinzu. „Immerhin können die Familien hier zum Beispiel essen und kochen, was und wann sie wollen“, ergänzt Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). „Wir wissen aus vielen Gesprächen, dass das ein ganz großes Bedürfnis ist.“

Derzeit leben 15300 Flüchtlinge in Notunterkünften

Tatsächlich schlafen die künftigen Bewohner der neuen Tempohomes derzeit noch in Sporthallen in der Lobeckstraße in Kreuzberg, der Glienicker Straße in Treptow sowie dem Efeuweg und dem Buckower Damm in Neukölln. Am Montag kommen erst die Treptower, in den Tagen darauf alle anderen.

Nach Elke Breitenbachs Angaben leben derzeit noch 15.300 Flüchtlinge in Notunterkünften, zumindest die Turnhallen will sie bis März leergezogen haben. Andere Provisorien wie die ehemaligen Hangars des Flughafen Tempelhof werden noch länger benötigt. „Aber mittelfristig sollen alle Leute raus aus den Notunterkünften“, bekräftigte Breitenbach.

Seit ihrem Amtsantritt Ende vorigen Jahres hat es sich die Senatorin auf ihre Fahnen geschrieben, möglichst schnell möglichst viele Menschen aus den Notunterkünften heraus in – wenn auch provisorische – Gemeinschaftsunterkünften zu verlegen.

Turnhallen sind als Unterbringungsort für Flüchtlinge gefährlich

Nachdem der Vorgänger-Senat vorigen Sommer aus juristischen Gründen die europaweite Ausschreibung für den Betrieb solcher Unterkünfte stoppen musste, stand das Land Berlin vor einem Scherbenhaufen in der Flüchtlingspolitik.
Breitenbach wandte einen Trick an, um doch noch ans Ziel zu gelangen.

Sie bemühte das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz, das ASOG. Dieses sieht vor, dass die Behörden bei „Gefahr im Verzug“ tätig werden müssen. Und gefährlich sei die Situation in den Sporthallen unbedingt, wo Enge, Verlust von Intimsphäre und ein diffuses Gefühl der Perspektivlosigkeit ein explosives Gemisch unter den Flüchtlingen unterschiedlichster Herkunft eingegangen seien.

Tempohomes sind nur eine Übergangslösung

Nun sollen also Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Iran, aber auch aus Ägypten und Eritrea an der Gerlinger Straße ihre temporären Heimstätten in Beschlag nehmen. Temporär sind diese übrigens nicht nur deswegen, weil die Container nur begrenzt haltbar sind.

Im konkreten Fall müssen sie sogar nach drei Jahren geräumt werden. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land will auf den Buckower Feldern bauen. Ab Ende kommenden Jahres sollen die ersten Bagger zunächst an der Ostgrenze des Baugrundstücks anrollen und sich dann nach und nach dem neuen Tempohome nähern.

Sporthallen müssen vor Nutzung saniert werden

Im Jahr 2020 soll dann die Zwischennutzung endgültig enden und die neuen Wohnungen auf der grünen Wiese bezugsfertig sein. Bis dahin wird es für den Bezirk erst einmal darum gehen, die Sporthallen am Efeuweg und am Buckower Damm möglichst bald wieder für Schul- und Vereinssport nutzbar zu machen.

Wann das geschehen kann, ist aber noch unklar. „Sobald die Bewohner raus sind, machen wir mit Hilfe von Gutachtern eine Bestandsaufnahme der Schäden, die durch das Wohnen zwangsläufig entstanden sind. Danach wird entschieden, was, wie und wann saniert wird“, sagt Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer (SPD).