Ausgerechnet der Berliner Hauptbahnhof soll der passende Ort zum Meditieren sein? Es ist bestimmt einer der dauerhaft lautesten Orte in dieser Stadt. Ständig fahren Züge und S-Bahnen ein, ihre Bremsen quietschen, immerfort gibt es Lautsprecherdurchsagen auf allen Etagen, und dann ziehen auch noch tausende Reisende ihre Rollkoffer über den steinernen Fußboden. Jedes Geräusch in diesem riesigen Bauwerk aus Stahl und Glas klingt lauter als anderswo.

Genau in diesem Krachbau haben Ärzte der Heiligenfeld-Klinik Berlin am Mittwoch einen ungewöhnlichen Platz zur inneren Einkehr geschaffen, ein stilles Örtchen im Getöse und in der Hektik des Hauptbahnhofs. Reisende eilen umher, suchen ihre Züge. Doch an diesem Platz können sie für einige Minuten zur Ruhe kommen. Sie sitzen auf kleinen Höckerchen und halten ihre Augen geschlossen. Eine Psychologin spricht ein paar Worte. Dann ertönt ein Gong. Sieben Minuten Abschalten. Mitten im Lärm. Funktioniert das?

Sven Steffes-Holländer schaut vom Rand aus zu. Er sieht zufrieden aus, denn genauso hat sich das Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vorgestellt: Dass die Menschen sich mal für einen Moment vom Krach erholen. Am Tag gegen Lärm.

Bournout und Depression

„Lärm bedeutet Stress“, sagt Sven Steffes-Holländer. „Und Lärm macht krank.“ In der Heiligenfeld-Klinik, einem Privatkrankenhaus im ruhig gelegenen Biesdorf, behandeln die Klinikmitarbeiter überwiegend Patienten mit Bournout und Depression. Auch der Lärm der Großstadt hat sie krank gemacht. „Lärm verursacht eine körperliche Anspannung, Lärm bedeutet Gefahr und es kostet den Körper große Mühe, die Geräusche zu ignorieren“, sagt Sven Steffes- Holländer.

Es ist ein großer Unterschied, ob man den Lärm selbst verursacht, etwa, indem man laute Musik hört und selbst Krach macht, oder ob man dem Lärm gezwungenermaßen ausgesetzt ist, wie es in einer Stadt wie Berlin überwiegend der Fall ist. „Nicht selbst gewählter Lärm erzeugt Ohnmachtsgefühle und Kontrollverlust“, sagt Sven Steffes-Holländer. Das können erste Anzeichen für eine Depression sein. Mit Stille und Schweigen werden die Patienten geheilt.

Wer dauerhaft einen Pegel von 65 Dezibel ertragen muss, das entspricht dem Geräusch eines vorbeifahrenden Autos, leidet vermehr unter Schlafstörungen, Herz-Rhythmus-Störungen und Muskelverspannungen.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Akustik stellt Lärm für die Bundesbürger immer noch eine der am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen dar. Am häufigsten fühlen sie sich vom Straßenlärm gestört, es folgen Nachbarschaftslärm und Fluglärm. Seit dem Jahr 2002 gibt es eine europaweite Richtlinie, um diese lauten Umgebungsgeräusche zu reduzieren. In Europa leiden jährlich etwa 125 Millionen Menschen an Verkehrslärm, in Berlin sind es mehr als 220.000 Menschen. Der Berliner Senat führt seit 2008 einen Lärmaktionsplan, in dem unter anderem auch besonders ruhige Orte in Berlin aufgelistet sind, beispielsweise der Grunewald und der Tegeler Forst.

„Das gesamte Nervensystem ist gereizt“

Der Hauptbahnhof gehört nicht dazu. Dort bei einer Meditation die innere Ruhe zu finden, fällt wirklich schwer. Man solle sich auf den Atem konzentrieren, sagt die Psychologin zur Sitzgruppe vor ihr. Dann schließen alle ihre Augen schließen, sie strecken den Rücken, entspannen die Schultern und legen die Hände in den Schoß. Der Lärm wirkt mit geschlossenen Augen intensiver, aber nicht bedrohlich. Bahnen, Bremsen, Durchsagen. Zugverspätungen. Verehrte Fahrgäste. Ein Mann soll sich am Infostand melden.

Gedanken kreisen, der Atem wird ruhiger. Einatmen, Ausatmen. Ein inneres Lächeln über diese skurrile Situation. Stille im Lärm. Wie absurd. Wie gut. Der Lärm wird leiser.

Chefarzt Steffes-Holländer sagt, bei all den alltäglichen lauten Geräuschen seien solche Momente der Stille und Erholungsphasen sehr wichtig. „In der Freizeit muss man sich nicht auch noch mit Geräuschen beschallen“, sagt der 43-jährige Mediziner. Er empfiehlt Spaziergänge, Sport und Ausflüge nach Brandenburg. „Es geht darum, einfach mal zur Ruhe zu kommen.“ Schon wenige Minuten des inneren Rückzugs seien hilfreich. „Fünf Minuten Ruhe sind besser als gar keine Ruhe“, sagt er.

Denn wer dauerhaftem Lärm ausgesetzt sei, leide schneller an Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen und erhöhter Aggressivität. „Das gesamte Nervensystem ist gereizt“, sagt Steffes-Holländer .

Ohrstöpsel zum Mitnehmen

Nach sieben Minuten ertönt leise ein Glöckchen. Die Meditation endet, die Sitzenden öffnen ihre Augen. „Das war großartig“, sagt eine Frau, die nun mit dem Zug nach Hannover fahren wird. Die Geräusche im Hauptbahnhof hätten sie nicht gestört. „Ich konnte abschalten“, sagt sie. Chefarzt Steffes-Holländer erzählt, die vorbeieilenden Menschen hätten während der Meditation viel leiser geredet. 20 Minuten später wird es wieder still, dann beginnt die nächste Schweigerunde.

Reisende stehen um einem Informationstisch, Ohrstöpsel liegen dort zum Mitnehmen. Es ist ein Berliner Produkt. 1907 erfand Maximilian Negwer in Schöneberg die Marke Ohropax, wegen des zunehmenden Lärms im Zuge der Industrialisierung. Mit dem Spruch „Hast Du Ohropax im Ohr, kommt Dir Lärm wie Stille vor“, warb die Firma in den 1920er-Jahren. Heute steht „Stille to go“ auf der Packung. Ein moderner Spruch für ein altes Problem.