„Tage der Berufsausbildung“: Vom Suchen und Finden

Berlin - Die Rechnung ist einfach. Eigentlich: Im August dieses Jahres gab es in Deutschland 541 742 Schulabgänger, die einen Ausbildungsplatz suchten. Dennoch blieben 103.586 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig waren 102.423 junge Leute ohne Ausbildungsplatz. Viele Zahlen, zwei Tendenzen: Die Arbeitgeber kriegen ihre Stellen nicht besetzt. Und die Bewerber finden die freien Stellen nicht, obwohl es rein rechnerisch für jeden eine gibt. Wie gesagt, eigentlich.

Die Realität war am Mittwoch bei den „Tagen der Berufsausbildung“ im Postbahnhof zu besichtigen. Bis Donnerstag sind dorthin mehr als 3 000 junge Berliner eingeladen, die noch nichts gefunden haben. Im Erdgeschoss sitzen Mitarbeiter der Job-Agenturen, im ersten Stock stellen auf der Schüler-Messe Vocatium Firmen wie die Deutsche Bahn, Institutionen wie die Polizei, aber zum Beispiel auch die Freie Universität aus. Es wimmelt von jungen Leuten.

Zu hohe Anforderungen

Die Realität ist zum Beispiel Anika Schneider, 22 Jahre alt, aus Buch. Die junge Frau erzählt, warum sie die Schule abbrach, kurz vor dem Abitur. „Meine beste Freundin war gerade gestorben. Ich war in der Zeit nicht richtig bei mir, habe die Schule geschwänzt und so… na, ja.“ Jetzt hat sie einen Mittleren Schulabschluss (MSA) in der Tasche und sucht einen Ausbildungsplatz im Bereich Mediengestaltung oder auch Bürokauffrau, zur Not auch für Bürokommunikation, wie sie sagt. Rund 30 Bewerbungen hat sie in den vergangenen drei Monaten geschrieben, bei zweien habe sie noch gute Chancen, sagt sie.

Der erste Arbeitgeber, der am Mittwoch im Computer der Arbeitsagentur erscheint, ein Steuerberater aus Schöneberg, sucht Abiturienten oder MSA-Absolventen mit der Note 2 in Deutsch, Englisch und Mathe. „Das sind wirklich hohe Anforderungen für eine Bürokauffrau“, sagt eine Berufsberaterin und beschreibt damit einen Trend der vergangenen Jahre: Wurden früher etwa als Rechtsanwalt-und Notar-Gehilfen gerne Abgänger mit Mittlerer Reife genommen, suchen viele Anwälte heute Abiturienten. „Aber welcher Abiturient macht dann so eine Ausbildung, die studieren dann doch selber lieber Jura“, sagt die Berufsberaterin. Manche Dinge scheinen nicht so recht zueinander zu passen. Manchmal sind es aber auch die Leute, die nicht so recht zu passen scheinen. Zur Realität auf dem Ausbildungsmarkt gehört auch Renato, 18 Jahre alt, Zehntklässler aus Wittenau. Ach, er wisse nicht so recht, was er machen solle, wenn nächsten Sommer die Schule zu Ende sei, sagt Renato. „Vielleicht ja Einzelhandelskaufmann?“ Man kann’s ja mal probieren.

Die Realität steht auch auf anderer Seite des Tisches von Renato. Es ist Doreen Schumann, Ausbildungsleiterin bei Lidl. Sie sagt: „Wir brauchen in Berlin jedes Jahr rund 120 Azubis – und haben große Schwierigkeiten, diese Zahlen zu erfüllen.“ Schuld sei nicht etwa der Mangel an Bewerbungen, sondern deren Qualität. „Es hapert häufig an drei Punkten: Mathe, Verspätungen, unentschuldigte Tage.“ Und ganz grundsätzlich an der Einstellung Arbeit gegenüber, sagt sie. Die Umstellung auf den Arbeitsplatz falle vielen enorm schwer. Mit der Messe sei sie jedoch sehr zufrieden, sagt Doreen Schumann: „Wir haben wirklich viele gute Bewerbungen gekriegt.“ Offenbar hat nicht nur Renato aus Wittenau den Weg zum Lidl-Stand gefunden.