Berlin - Der Ort, an dem die Liebe gerettet werden soll, ist ein dunkler Klotz mit verspiegelten Fassaden. Stellwände stehen im Inneren herum, die Böden sind mit blassblauem Teppich ausgelegt, und in den Gängen stehen Tische, die an Bezirksämter erinnern. Der Ort, an dem die Liebe gerettet werden soll, ist nicht romantisch.

„Die Romantik ist der Hauptfeind“, ruft Christian Thiel von der Bühne herunter. Vor ihm sitzen etwa zweihundert Menschen in tiefen Sesseln. Christian Thiel ist Singleberater, Paartherapeut und Organisator der Tage der Liebe, die hier, in der Berliner Urania, stattfinden. Drei Tage mit zehn Veranstaltungen und zwölf Paarberatern. „Ein Gipfeltreffen der Liebe“, nennt Christian Thiel diese Tage später. Sein Vortrag eröffnet das Gipfeltreffen. Der Titel: „Das Geheimnis glücklicher Paare“ .

Die Liebe scheint Unterstützung dringend nötig zu haben. Seit Jahren hat nur noch die Hälfte aller Ehen Bestand, während die Zahl der Alleinlebenden Höchststände erreicht. Millionen registrieren sich bei Internetportalen, die mit dem Versprechen locken, den eigenen Partner diskret zu betrügen. Und noch ein paar Millionen mehr registrieren sich bei Portalen, die versprechen, den perfekten Partner zu finden. Dazu kommt ein gesellschaftliches Grundrauschen aus der Literatur, die jeweils einem Geschlecht Unfähigkeit attestiert. Komiker füllen Stadien damit, sich über angebliche Unterschiede zwischen Frau und Mann lustig zu machen.

Es gibt Sexismus-Debatten, bei denen aneinander vorbeigeredet wird, und Liebesfilme, die Beziehungen zeigen, die man seit sechzig Jahren nicht mehr führt – und nicht mehr führen möchte. Entweder Feindschaft oder Idealbild. Und was passiert mit der Liebe?

Ausschüttung von Liebeshormonen

„Oxytocin!“, ruft Christian Thiel. „Ein Bindungshormon! Es wird beim Sex ausgeschüttet, gibt es auch im Nasenspray.“ Das Auditorium lacht. Thiel lächelt. Er kann sehr gut lächeln, sehr jungenhaft für einen grauhaarigen Mann mit leicht hängenden Schultern. „Ich will Ihnen zeigen, dass Liebe nicht nur aus romantischen Gefühlen besteht.“ Hinter ihm erscheint auf einer Leinwand der Satz: „Liebe als Positivität“. Der Paarberater geht zu einer der beiden Stelltafeln auf der Bühne und malt eine Kurve, die erst steil ansteigt und dann sehr langsam abflacht. Das Oxytocin, wie es den Menschen erst mit Verliebtheit erfüllt und dann mit den Jahren immer seltener ausgeschüttet wird. Die Leute im Saal schauen konzentriert zu. Alte, Junge, Männer, Frauen. Vielleicht ist die Suche nach der Liebe das einzige, was wirklich alle Menschen vereint.

Christian Thiel wendet sich wieder dem Publikum zu. „Es geht darum, die positiven Anteile der Anfangszeit zu erhalten und weiterzuführen.“ Dann gibt er Stichwörter: „Reden, Sexualität, Interesse.“ Paare sollen sich sieben Mal am Tag für sieben Sekunden umarmen. Sie sollen jeden Tag zwanzig Minuten miteinander sprechen, ohne Ratschläge zu erteilen. Und Probleme diskutieren, ohne sich Vorwürfe zu machen.

Eine Frau meldet sich: Das mit den sieben Mal sieben Sekunden sei doch zeitlich gar nicht möglich. Christian Thiel schaut sie an. Kurz. Dann sagt er: „Ich glaube Ihnen nicht. Das sind innere Widerstände.“ Die Frau schweigt. Thiel lächelt. „Ich kenne das. Meine Frau und ich, wir schaffen das auch nicht immer.“ Als nächstes meldet sich ein junger Mann mit randloser Brille: Wie das sei, wenn man als Unternehmensberater vier Tage die Woche weg ist. Thiel nickt. „Reden Sie über dieses Problem, treffen Sie ein Arrangement.“ Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren sagt: „Mein Mann macht genau das: Er erteilt mir immer Ratschläge. Wie bringe ich ihn dazu, mal die Klappe zu halten?“ Die Leute lachen. Thiel sagt: „Sagen Sie ihm, dass Sie das nicht wollen. Sagen Sie: Streichel’ mir den Rücken, aber lass das mit dem Ratschlag.“ Er schaut in die Runde. „Ratschläge sind Distanzmanöver, kein Zugewandtsein.“ Applaus.

„Die Frau mit den schwarzen Haaren fand ich klasse“, sagt Christian Thiel später. „Die ließ es einfach raus!“ Er sitzt an einem der Tische im Gang, vor ihm liegen stapelweise Bücher. Es sind Bücher, die er selbst geschrieben hat: „Was glückliche Paare richtig machen“, „Suche einen für immer und ewig“, „Streit ist auch keine Lösung“. Thiel betrachtet seine Werke. „Für Liebe gibt es immer Bedarf. Heute mehr denn je.“

"Die Sehnsucht nach Stabilität"

Denn die Partnerschaft, sie gebe Bestätigung in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konventionen nicht mehr wirken würden, in der alles unsicher sei. „Deshalb ist gerade im Privaten die Sehnsucht nach Stabilität so groß.“ Mit Romantik habe das nichts zu tun.
Christian Thiel war früher mal Wissenschaftsjournalist. Er vertraut auf Daten, Zahlen, Fakten und die dazugehörigen Theorien. Sie sind die Werkzeuge, mit denen er die Liebe retten will, die er den Leuten an die Hand gibt, damit sie verstehen, wie Partnerschaft funktioniert. Bei ihm hat es auch funktioniert. „Die ersten neunundzwanzig Jahre meines Lebens war ich Single“, sagt Thiel. Dann ging er zu einer Psychologin und lernte etwas über sich und seine Bedürfnisse. „Seither nie mehr länger als sieben Wochen solo!“ Mittlerweile sei er seit dreizehn Jahren in einer Partnerschaft. Glücklich, liebend, mit Kind und besserem Sex als je zuvor.

„Wir haben alle nicht den tollen Sex, den wir haben sollten. Indem wir aber definieren, was toller Sex ist, spontan, mit Herzklopfen, innig, schaffen wir eine Norm“, sagt Berit Brockhausen. „Und am Ende sind wir alle unzufrieden.“ Sie ist eine der renommiertesten Sexualberaterinnen der Republik. Berit Brockhausen spielt mit einer Hand an einem dicken Edding herum, die andere hält ein Mobiltelefon. Als Wecker, damit sie weiß, wann sie eine Pause machen muss. Kein Mensch hält vier Stunden am Stück in einem Workshop durch, nicht mal in einem über Sex. Auf einer Leinwand in dem kahlen Raum steht: Beziehung, Affäre, Verliebtheit. Von allen drei Begriffen zeigen Pfeile vor und zurück auf die Worte „Normaler Sex“. Darunter steht: „Keiner zufrieden“.

Um Berit Brockhausen herum sitzen etwa zwanzig Leute in einem Stuhlkreis. Der junge Mann mit der randlosen Brille. Ein händchenhaltendes Pärchen. Ein älterer Mann mit Schnauzer. Das Thema des Workshops: „Die sieben Geheimnisse guter Liebhaberinnen und Liebhaber“.

Normale Menschen

Berit Brockhausen sagt, dass sie es ganz gefährlich finde, wie verschiedene Formen von Sex vermischt würden. Sie wolle nur über den Sex in längeren Beziehungen reden. Berit Brockhausen trägt ein knielanges Kleid und dicke, lange, graue Haare. Sie sieht nicht so aus wie die Menschen, mit denen ein Magazin eine Geschichte über die Geheimnisse der Liebe bebildern würde. Berit Brockhausen sieht aus wie ein normaler Mensch. Und das ist gut für die Liebe.

Sie passt zu den normalen Menschen, die hier sitzen. Jenen Menschen, die in Liebesfilmen selten vorkommen. In der Urania sind sie die Mehrheit. Wahrscheinlich sind sie es auch draußen im Land. Und wahrscheinlich ist es nicht nur schwierig für den Sex, sondern auch für die Liebe, dass diese Menschen immer schöneren, tolleren und extremeren Menschen beim Lieben zuschauen müssen. Und dabei mit ihren Fragen und Problemen allein gelassen werden.

„Nehmen Sie einfach an, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist“, sagt Berit Brockhausen. „Selbst wenn Sie der einzige Mann sind, der nicht auf Blowjobs steht. Oder als Frau keinen Orgasmus haben. Oder als Paar fünf Monate keinen Sex.“ Es folgt ein Vortrag und danach kommen Spiele. Bei einem müssen sich die Teilnehmer in Pärchen zusammensetzen, sich über den eigenen Arm streicheln und sagen, was der jeweils andere fühlt. „Unmöglich?“, fragt Berit Brockhausen. „Sehen Sie! Also machen Sie, was sich für Sie selbst gut anfühlt. Und reden Sie darüber, was der andere mag.“

Dann ruft sie: „Und jetzt meine Mission: Schlechter Sex für alle! Also, was ist richtig schlechter Sex?“ Der Schnauzbartträger meldet sich: „Gar keiner.“ – „Anfänger!“ – Ein junger Mann mit Wuschelhaaren sagt: „Fragen, was der andere mag und es dann nicht machen.“ – „Super!“ – „Beim Sex sagen, ich muss mit meiner Mutter telefonieren.“ – „Klasse!“ – „Aber das kann doch auch super sein“, sagt der Schnauzbartträger. Stille. „Na ja. Bei uns hat mal meine Mutter angerufen, und ich habe beim Telefonieren einfach weitergemacht.“ Er lächelt verlegen. „Ist eine tolle Situation entstanden.“

Am Ende des Workshops haben die Teilnehmer eine Biografie. Der Junge mit der randlosen Brille ist Christian, ein 26-jähriger Master-Student, der als Unternehmensberater gearbeitet hat und mitbekam, wie bei seinem Chef die Beziehung zerbrach. „Bei unserer rationalen Arbeit kann man mit niemandem über so etwas reden. Er hat also Kaffee und Alkohol in sich hineingeschüttet.“ Christian blinzelt hinter seiner Brille. „So wollte ich nicht enden.“ Oder das Pärchen, das Händchen hält, Lilith und Hans. Lilith ist eine 56-jährige Heilpraktikerin, Hans ein 60-jähriger Tierarzt, der aussieht wie Woody Allen. Er hat eine lange Ehe hinter sich, sie zwei kurze – und einen Klinikaufenthalt. „Mit dem Wissen von heute“, sagt Hans, „hätte ich meine Muster erkannt und meine Ehe wäre nicht gescheitert.“ Dann laufen sie Hand in Hand aus dem Saal.

Die Veranstaltungen in der Urania tragen Namen wie „Verzeihen in der Liebe – Wenn Paare neue Nähe finde“ oder „Wir zwei werden drei – Vom Paar zur Familie“. Nähe, Familie, Bindung. Handreichungen für Menschen, an die Liebe glauben. Manche glauben nicht mehr dran.

So wie im Workshop von Christian Thiel: „Suche eine/n für immer und ewig“. Ein Mann mit Kugelbauch fragt: „Wieso finde ich immer Frauen, die so gefühlskalt sind wie mein Vater?“ Thiel nickt. „Gefühlskalt also.“ – „Ja, ich habe sogar meinen Kühlschrank nach meiner Ex-Frau benannt.“ – „Wie?“ – „Karin.“ Der Mann verschränkt die Arme über dem Bauch. „Aber mein Kühlschrank hat mehr Herzenswärme.“ Die Frauen lachen. Die Männer nicht. Thiel sagt: „Als Singleberater will ich ihnen helfen, eine stabile Partnerschaft zu haben.“ Dann erzählt er kurz seine eigene Lebensgeschichte und später in jeder Stunde eine Liebesgeschichte, die davon handelt, wie man eigentlich den findet, der zu einem passt. „Nicht mit Liebe auf den ersten Blick“, sagt Christian Thiel. „Die gibt es nicht. Das ist Erotik.“ Die Teilnehmer schreiben mit.

In dem Stuhlkreis sitzen mehr Männer als Frauen, und niemand ist unter dreißig. Anwesend sind ein Unternehmer, der mit Ende dreißig noch nie eine richtige Beziehung hatte. Eine ältere Dame, deren Mann verstorben ist und die sich nach jüngeren Männern sehnt. Ein Witwer mit Perücke, in dessen Haus noch immer der Kleiderschrank der Frau steht. Unangetastet, nach zehn Jahren. Es sind die Härtefälle der Liebe. Jene, die suchen und fast aufgegeben haben. Christian Thiel hat vier Stunden Zeit, ihnen den Glauben zurückzugeben.

Er erklärt, dass man hundert Menschen treffen muss, um den einen zu finden. Der Unternehmer ruft: „Ich habe genug Dates gehabt.“ Christian Thiel demonstriert mittels Grafiken, dass im Alter zwischen dreißig und sechzig die meisten Menschen vergeben sind, Singles nur zehn Prozent ausmachen. Er empfiehlt, im Internet zu suchen, plädiert für die Wahl ähnlicher Charaktere und schreibt Checklisten für das erste Date. Es ist wie bei der Bravo, klingt nur etwas wissenschaftlicher. „Der größte Fehler ist, seine Ansprüche zu senken. Sie haben den richtigen Partner einfach noch nicht gefunden.“

Der Unternehmer sagt: „Frauen haben von mir verlangt, für sie in einen anderen Kiez zu ziehen.“ Christian Thiel schaut ihn an. „Sie haben ein anderes Problem.“ – „Welches?“ – „Zu intim, in der Pause.“ – „Okay. Aber damit eines klar ist: Ich wohne nicht bei meiner Mutter.“ Thiel reißt die Arme hoch. „Ha! Aber Sie wohnen nicht weit weg von ihr.“ Der Unternehmer wird rot. „Das wissen die Frauen doch nicht.“

Zwei Stunden später ist der Workshop beendet. Die ältere Dame hat einen Block voller Notizen. Der Unternehmer einen Termin für die Singleberatung. Und der Witwer den Tipp, eine Therapie zu machen. Christian Thiel ist glücklich. „Die sind jetzt alle ermutigt, den nächsten Schritt zu tun! Weil sie wissen, dass sie nicht alleine sind.“ Er packt die Kiste mit seinen Büchern, draußen wartet das Taxi. Genaue Besucherzahlen hat er noch keine, aber die Tage der Liebe seien gut gelaufen. Er steht am Taxi, zeigt auf die Fassade der Urania. „Nächstes Jahr machen wir da ein zehn Meter großes Herz drauf.“

Gerade als der Wagen losfährt, schlendern zwei junge Mädchen den Bürgersteig entlang. Sie reden über ein befreundetes Pärchen. „Hast Du schon gehört, dass die sich getrennt haben?“ – „Ja. Und wer kriegt den Hund?“ – „Na, die haben doch zwei, weil sie einen total unterschiedlichen Hundegeschmack haben.“ – „Aha.“ Die eine überlegt einen Augenblick. Dann sagt sie: „Wenn das so ist, konnte das ja nichts werden.“ Es gibt noch viel zu tun für Christian Thiel.