Berlin - Die fünf kleinen Kinder in der Wohnung von Rita Sander dürfen ihren Eierkuchen bald nicht mehr komplett aufessen. Ab den 1. Januar muss Tagesmutter Rita Sander einen kleinen Rest ihres selbst zubereiteten Eierkuchens in ihrem Kühlschrank lagern, und zwar mindestens sieben Tage lang. Es könnte ja sein, dass die Eierkuchen von Salmonellen befallen sind. Das Lebensmittelamt könnte dies dann anhand der Probe im Kühlschrank feststellen. Eben jener Kühlschrank darf künftig nicht wärmer als vier Grad Celsius sein. Das muss Rita Sander mit einem Thermometer kontrollieren. Ab 2012 braucht sie zudem Fliegengitter an den Fenstern ihrer Kreuzberger Wohnung; sie braucht Einweg-Papierhandtücher statt der Spültücher aus Stoff und ein zusätzliches Handwaschbecken. Und noch vieles mehr.

Rita Sander, die seit 20 Jahren als Tagesmutter kleine Kinder in ihrer Wohnung betreut, ist bald „Lebensmittelunternehmerin“. Das sieht die EU-Verordnung Nr. 178/2002 vor, die in Deutschland am 1. Januar in Kraft tritt. Demnach werden Tagesmütter und -väter künftig bei der bezirklichen Lebensmittelaufsicht registriert und unterliegen der amtlichen Lebensmittelkontrolle. Genau wie jede Großküche. „Vieles, was nun verlangt wird, kann ich nicht umsetzen, wenn ich mich weiter intensiv um die Kinder kümmern will“, sagt die 61-jährige Rita Sander, die selbst vier Kinder großgezogen hat.

Zwischen Formularen und Sprachlerntagebuch

Nun sitzt sie an ihrem Küchentisch, vor ihr die Formulare mit den Hinweisen, die sie beachten muss. Rita Sander soll künftig genau protokollieren, woraus jedes einzelne Mittagessen besteht, wo sie was gekauft hat und wie lange es haltbar ist. Beim eigens angebotenen Hygienekurs des Bezirksamtes wurde ihr zudem ein akkurater Putzplan ausgehändigt, den sie künftig zu befolgen hat: Boden und geflieste Wände sind täglich zu putzen, der Kühlschrank jede Woche, die großen Fenster der Altbauwohnung alle vier Wochen. „Wann soll ich denn dann das Sprachlerntagebuch für die Kinder führen“, fragt sich Rita Sander, die fünf Kinder zwischen 10 Monaten und drei Jahren betreut. Heute gibt es bei ihr Geschnetzeltes mit Kartoffeln und Gemüse zum Mittagessen. Rita Sander hat es morgens zubereitet. „Nach den neuen Vorschriften soll ich das Mittagessen, bevor es auf den Tisch kommt, auf 75 Grad erhitzen“, sagt sie. Da würden sich die Kleinen doch den Mund verbrennen.

Etwa jedes zehnte Kind in Berlin wird nicht in einer Kita, sondern in der Tagespflege betreut. Es sind meist ganz kleine Kinder, deren Eltern fürchten, dass ihre Kinder in einer großen Kita nicht genug Beachtung finden. Pro Kind erhält eine Tagesmutter bei siebenstündiger Betreuung 331 Euro im Monat, nach Abzug der Sozialabgaben. Hinzu kommen fast 200 Euro Sachkostenpauschale pro Kind. Frau Sander ist gelernte Pelznäherin, das war auch vor 20 Jahren kein Beruf mit Zukunft. Deshalb wurde sie Tagesmutter. Sie erwarb die nötigen Zertifikate, der Umgang mit Kindern macht ihr Freude.

Nach dem Essen sollen die Kleinen bei ihr Mittagschlaf halten, der findet auf Mini-Matratzen im Schlafzimmer des Ehepaares Sander statt. Das einstige Kinderzimmers des jüngsten Sohnes dient danach wieder als Spielstätte. Da auch der Dielenboden wegen der tiefen Ritzen als unhygienisch gilt, ist Filz drüber gelegt.

Die Katze muss draußen bleiben

Rita Sander ist verunsichert, was sie nun wirklich alles ändern muss. Desinfektionsspray fürs Waschbecken und ein Thermometer für den Kühlschrank hat sie schon, Fliegengitter will sie kaufen. „Die Kontrolleure wollen zwischen Januar und März jede Tagespflegeeinrichtung aufsuchen“, sagt sie. Was werden die Leute vom Amt dazu sagen, dass bei ihr Küche und Wohnzimmer zusammengelegt sind? Wie streng werden sie sein? Muss sie ein zweites Waschbecken einbauen lassen? Seit Wochen schon beschäftigt sich Rita Sander mit der EU-Verordnung.
Eine Mitbewohnerin in ihrem Haushalt dürfte die Verordnung besonders treffen. Die Hauskatze namens Filou wird wohl aus dem Wohn- und Küchenbereich verbannt werden. Katzen sind in Lebensmittelunternehmen verboten.