Ein gemeinsamer Fahrradkorso jüdischer und islamischer Geistlicher sollte sich gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit wenden. Die „meet2respect“-Tandemtour führte am vergangenen Sonntag vom Holocaust-Mahnmal zum Bebelplatz.

Dabei traten Imame und Rabbiner „gemeinsam und freundschaftlich in die Pedale“, wie es hieß. Das positive Echo für die vom Verein Leadership Berlin organisierte Tour zog sich durch internationale Medien bis nach Israel, die USA und China.

Doch nicht alle können der demonstrativen Harmonie etwas abgewinnen. Denn an der Veranstaltung, zu der auch CDU-Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin Sawsan Chebli und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime kamen, nahmen auch Imame teil, die wegen ihrer mutmaßlichen Verbindungen zu radikalen Organisationen umstritten sind.

Verbindung zu radikaler Muslimbruderschaft

Mohammed Taha Sabri ist Imam der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS). Der Verein der Dar as-Salam Moschee steht im Berliner Verfassungsschutzbericht wegen seiner Verbindungen zur radikalen Muslimbruderschaft. Mit dieser Organisation ist laut Verfassungsschutz auch das „Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung e.V.“ (IZDB) verbandelt.

Dessen Imam Khaled Al-Seddiq nahm ebenfalls an der Tandemtour teil. Die Muslimbruderschaft, auch „Mutterorganisation des politischen Islams“ genannt, will laut Verfassungsschutz eine umfassende Anwendung der Scharia und Schaffung eines islamischen Staates.

Kritiker befürchten, mit der Teilnahme an der Tandemtour sei Islamisten eine Art Kosher-Zertifikat ausgestellt worden. So kritisierte der Islamismus-Experte Ahmad Mansour in der Jüdischen Allgemeinen: „Die jüdische Gemeinschaft darf nicht so naiv sein und sich von solchen Initiativen instrumentalisieren lassen.“

Interreligiöser Dialog braucht Symbole und Bilder

Das American Jewish Committee (AJC) begrüßt muslimisch-jüdische Projekte. „Doch Vertreter von Moscheevereinen, die laut Sicherheitsbehörden in Verbindung zu islamistischen Kreisen stehen, sind fragwürdige Partner im Kampf gegen Extremismus“, sagte AJC-Direktorin Deidre Berger der Berliner Zeitung.

Der Grünen-Politiker Volker Beck findet es eine schöne Idee, Juden und Muslime gemeinsam mit der Kraft der Beine auf dem Tandem vorankommen zu sehen. „Interreligiöser Dialog und friedliches Miteinander braucht auch Symbole und Bilder“, sagt Beck.

„Aber Bilder können auch falsche Geschichten erzählen, wenn problematische Figuren wie Mohamed Taha Sabri in solch eine Versöhnungs- und Freundschaftsaktion einbezogen werden.“ Beck sagt, problematische Haltungen zu Israel und Verbindungen zu islamistischen Strukturen müssten auf den Tisch, statt sie unter den Teppich des Fahrradladens zu kehren.

Teilnahme an Anti-Israel-Demo

Wenn die Imame Sabri und Al-Seddiq nicht gerade mit Rabbis Rad fahren, demonstrieren sie gegen Israel: Am 18. Juli 2017 nahmen sie an einer antiisraelischen Kundgebung am Brandenburger Tor teil – zusammen mit Majed al-Zeer, Generaldirektor der „Palestinians in Europe Conference“. Diese organisiert in Europa Konferenzen der Hamas, die ein Zweig der Muslimbruderschaft ist und Israel vernichten will.

So etwas passt nach Ansicht des Arbeitskreises Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nicht zusammen. Dessen Vorsitzender Mirko Freitag hat nichts gegen Fahrradtandems aus Rabbinern und Imamen, im Gegenteil. „Es kann aber nicht sein, dass das als Feigenblatt genutzt wird von Personen, die keine klare Position beziehen. Mit Moscheen, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennen, die sich nicht eindeutig vom Islamismus oder von der Muslimbruderschaft distanzieren, kann es keine gemeinsamen Aktionen geben.“

Heider nimmt Sabri in Schutz

Sabri sagt, er habe keine Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Er sei auch kein Teil eines Netzwerks. Bernhard Heider, Geschäftsführer von Leadership, stellt sich vor die umstrittenen Teilnehmer der Radtour: „Es gibt kein antisemitisches, frauenfeindliches, homophobes, gewaltbefürwortendes oder gewaltrelativierendes Zitat von ihnen oder ihren Gemeinden.“ Taha Sabri sei Vorsitzender der größten, mehrheitlich von Palästinensern besuchten Moscheegemeinden in Berlin, sagt Heider.

„Gerade deshalb finden wir es umso unterstützenswerter, dass er Begegnungsformate mit jüdischen Vertretern durchführt.“ Sabri habe sich mehrfach klar gegen Antisemitismus ausgesprochen. „Natürlich kriegt er dafür Gegenwind aus seiner Gemeinde, und es wirkt sich eher negativ auf die Spendebereitschaft seiner Gemeindemitglieder aus.“

„Wir gehörten nicht zu den Unterstützern“

Heider hält es für destruktiv, wenn die Teilnahme der Imame skandalisiert und jüdische Beteiligte so verunsichert würden, dass sie künftig bei solchen Veranstaltungen nicht mehr mitwirkten.

Er behauptet: „Es hängt am seidenen Faden, ob wir die Veranstaltung nochmals machen können. Und das liegt nicht an den Muslimen, wo wir auf eine sehr große Bereitschaft getroffen sind, sondern an der jüdischen Community, in der die Vorbehalte gegenüber Muslimen sehr ausgeprägt sind. Wenn die destruktiven Sichtweisen nun verstärkt werden, ist die Veranstaltung vermutlich für die Zukunft nicht mehr durchführbar.“

Er verweist darauf, dass auch der Zentralrat der Juden und die Jüdische Gemeinde die Veranstaltung unterstützt hätten. Doch der Zentralrat weist das zurück: „Wir gehörten nicht zu den Unterstützern“, sagt eine Sprecherin.

„Es ist furchtbar schwierig“

Die Jüdische Gemeinde begründet ihre Unterstützung auf der Einschätzung von Winfriede Schreiber, die bis 2013 Chefin des Brandenburgischen Verfassungsschutzes war.

Leadership ließ sie die Teilnehmer der Tandemtour zuvor überprüfen. „Es ist furchtbar schwierig“, sagt Schreiber. „Aber wir müssen alles tun, um diese Menschen einzubinden. Den Dialog zu verweigern bringt nichts. Und der Symbolwert ist nicht zu unterschätzen, wenn Rabbis und Imame in die selbe Richtung radeln.“