Tangentiale Verbindung Ost: Auch der neuen Trasse stehen Wohnhäuser im Weg

Berlin - Schon 20 Minuten vor Beginn der Diskussion waren alle Stühle im kleinen Saal des Theaters am Park in Biesdorf besetzt. Das Vorhaben des Landes, zwischen Marzahn und Köpenick eine neue Straße zu bauen, interessiert die Menschen im Osten der Stadt. Jetzt steht nicht nur fest, wo die Tangentiale Verbindung Ost (TVO) verlaufen wird. Während der Bürgerversammlung machte der Senat auch klar, dass es ein komplexes Projekt wird, mit Steigungen und Gefällen sowie zehn Brücken und Unterführungen – weshalb die Kosten inzwischen auf 150 Millionen Euro geschätzt werden. Bürger, die auf Verkehrsentlastung hoffen, müssen sich noch gedulden: Der Straßenbau kann erst 2021 oder 2022 anfangen.

Bei der Diskussion in Biesdorf fragten Bürger: Warum dauert es so lange, bis die Bagger rollen? 1969 tauchte das Projekt TVO erstmals auf, im Generalverkehrsplan der Hauptstadt der DDR. Doch immer noch klafft in der Nord-Süd-Trasse eine sechs Kilometer lange Lücke.

„Eile hilft nicht, die verleitet nur zu Fahrlässigkeit“, mahnte Staatssekretär Jens-Holger Kirchner. Nur solide geplant werde das Vorhaben vor Gericht bestehen können. Genehmigungs- und Ausschreibungsverfahren ließen sich kaum abkürzen.

Zwei Fahrstreifen pro Richtung

Der Senatspolitiker gehört einer Partei an, die sich nur ungern als autofreundlich einschätzen lässt. „Es ist eine Ironie der Geschichte“, sagte er. Ausgerechnet die Grünen treiben dieses Straßenprojekt voran, sagte er. „Aber als Grüner bin ich davon überzeugt, dass die TVO sinnvoll ist. Weil sie Durchgangsverkehr bündelt, weil sie Straßen entlasten wird“, die Köpenicker Straße in Biesdorf-Süd, die Treskowallee in Karlshorst.

„In meiner Verwaltung hat die TVO absolute Priorität“, so Kirchner. „Der Verkehr in Berlin nimmt in einem Maße zu, dass uns die Ohren schlackern.“ Es gibt mehr Pendler. Der Wirtschaftsverkehr wächst in den nächsten fünf Jahren um 30 Prozent: „Das liegt an uns. Weil wir immer mehr Waren im Internet bestellen.“

Die TVO bekommt zwei Fahrstreifen pro Richtung. „Diese Straße soll leistungsfähig sein“, bekräftigte Kirchner. Die Nord-Süd-Trasse wird 26 Meter breit, beiderseits entstehen Gehwege. Auf Wunsch der rot-rot-grünen Koalition wird nun auch eine Radschnellverbindung geplant. Auf einer Seite soll ein mindestens vier Meter breiter Radweg entstehen, der in beiden Richtungen befahrbar ist.

Die Radlertrasse soll in Biesdorf-Süd Verbindungen zum übrigen Straßennetz erhalten, die Autotrasse nicht. „Darüber gab es heftige Diskussionen mit Verkehrsplanern“, so Kirchner. Über eine weite Strecke werde die Straße isoliert verlaufen, zu Umwegfahrten zwingend. „Doch wir bleiben dabei, weil wir die Wohngebiete schützen wollen.“ Dies hatten Anlieger und Politiker gefordert.

Schallschutz in Biesdorf

Auch einem anderen Wunsch kam der Senat nach. Damit möglichst wenige Grundstücke in Anspruch genommen werden müssen, wird die TVO entlang der Bahntrasse des Berliner Außenrings die Seiten wechseln. Das hatten Bezirksbürgermeister und der Verband Deutscher Grundstücksnutzer gefordert.

Die Vorzugsvariante sieht ein Auf und Ab vor. Im Norden schließt die TVO an die Märkische Allee an. Nach jetzigem Stand führt sie unter der Bundesstraße B1/B5 hindurch. Dann schwenkt sie in zwei scharfen Kurven auf die Westseite des Außenrings, der ebenfalls unterirdisch gekreuzt wird. Kurz darauf steigt die Trasse wieder an, um die U-Bahn-Linie U5 auf einer Brücke überqueren zu können. Danach geht es wieder nach unten: Ungefähr in Höhe der Lauchhammer Straße wechselt die TVO auf die Ostseite der Bahn – in einer Unterführung. Die Straße An der Wuhlheide wird auf einer Brücke gekreuzt, ein Knotenpunkt entsteht.

Gibt es Schallschutz? „Ohne könnten wir gar nicht ins Genehmigungsverfahren gehen“, so der Politiker. In Biesdorf-Süd werde die Schallschutzwand auf der Ostseite auch den Krach der Züge abfangen. Außerhalb der TVO, etwa an der Märkischen Allee, werde es aber wohl keine Lärmbarrieren geben.

Der Außenring soll für den Regionalzugverkehr ausgebaut werden. Bleibt dafür Platz? „Für die Nahverkehrstangente halten wir einen elf Meter breiten Streifen frei“, hieß es.

Es wird mit allen Eigentümern gesprochen

Werden Grundstücke enteignet? Die jetzige Trasse sei schonender als die frühere, teilte ein Planer mit. „Es wird Eingriffe geben“, sagte Kirchner einem Anwohner der Weißenhöher Straße. „Aber das muss nicht heißen, dass Sie wegmüssen. Es ist noch zu früh, über Enteignungen zu reden.“ Bald werde mit allen Eigentümern darüber gesprochen, was zu erwarten ist – und ob es schonender geht.

„Nach aktuellem Stand müssen Bewohner in Biesdorf weichen“, so die Bürgerinitiative „Wir sind Biesdorf-Süd“. „Es kann zu Enteignungen kommen, und es werden Wohnraum und knappes Bauland vernichtet. Wenn der Wechsel auf die Ostseite nur um 100 Meter nach Süden verschoben würde, ließen sich bereits drei Wohngebäude retten.“ Solche Verschiebungen würden dazu führen, dass das Naturgebiet Biesenhorster Sand bebaut werden müsste, entgegneten die Planer. Umweltschutz gehöre zur Daseinsvorsorge.

Die erste Schätzung von 46,2 Millionen Euro ging von einer Fahrspur pro Richtung aus, für je zwei Spuren auf der Ostseite wurden 79,6 Millionen Euro veranschlagt. Heute rechnet der Senat mit 150 Millionen Euro.

Dort werde mit Hochdruck an dem Projekt gearbeitet, sagte Kirchner. Anfang 2020 soll das Planfeststellungsverfahren beginnen, der Beschluss könnte nach anderthalb Jahren vorliegen. Die Ausschreibung der Aufträge dauert ein halbes Jahr, dann wird gebaut. Wie lange gebuddelt, planiert und asphaltiert wird, will niemand sagen. Zuletzt war von fünf Jahren die Rede. Bliebe es dabei, könnte die TVO 2027 fertig werden.