Keine Antidepressiva, keine Mutter-Kind-Kur: Tanja Bräutigam aus Köln-Hürth ging nach ihrem Burn-out in eine Klinik. Alleine. Wie es dazu kam und wie sie heute damit lebt, hat sie in ihrem Buch „5 Wochen Rabenmutter“ aufgeschrieben. Wir haben die 38-jährige Sporttherapeutin und Mutter von einer achtjährigen Tochter und einem fünfjährigen Sohn dazu befragt.

Frau Bräutigam, Sie sind Mutter von zwei Kindern und hatten ein Burn-Out. Wie kam es dazu?

Tanja Bräutigam: Körperlich war es bei mir die Schlaflosigkeit. In meiner Familie war über zwei Jahre an regelmäßigen Schlaf nicht zu denken, da meine Tochter sehr schlecht geschlafen hat. Nachts war ich oft überfordert, mein Mann ist wegen seines Jobs extrem viel unterwegs auf wochenlangen Reisen. Und wenn meine Tochter mittags mal geschlafen hat, habe ich mich nicht dazu gelegt, das würde ich heute anders machen. Ich habe mich damals als Mutter sehr fremdgesteuert gefühlt, und wollte die freie Zeit unbedingt für mich nutzen. Und noch ein Hauptgrund war, dass ich lange Zeit nicht um Hilfe gebeten habe. Ich habe viel zu lange nicht kommuniziert, wie schlecht es mir geht.

Im Juni 2012 hatten Sie dann einen Zusammenbruch. Nichts ging mehr.

Bräutigam: Ja, vorher, beim ersten Kind, ging das im Alltag alles noch. Beim zweiten Kind kam ich dann physisch und psychisch wirklich an meine Grenze. Ich war irgendwann so ausgebrannt, dass ich nicht mehr in der Lage war, meine Kinder zu versorgen. Ich muss dazu sagen, unser Sohn kam ungeplant und der Zeitpunkt war damals definitiv nicht da fürs zweite Kind. Unser Sohn ist heute natürlich unser großes Glück, aber insgesamt hat das zweite Kind das Fass zum Überlaufen gebracht.

Viele Frauen in Ihrer Situation entscheiden sich für eine Mutter-Kind-Kur. Sie wollten lieber allein für fünf Wochen in eine Klinik. Wieso?

Bräutigam: Ich konnte einfach nicht mehr. Da gab es auch kein „ich versuch es jetzt nochmal“, nein. Meine innere Stimme hat mir gesagt, wenn du jetzt nicht handelst, gehst du drauf. Und deswegen bin ich den Weg gegangen, den viele Außenstehende als extrem empfunden haben. Ich brauchte einfach Zeit für mich.

Ihr Umfeld hat mit Unverständnis reagiert.

Bräutigam: Ja, viele konnten weder verstehen, dass ich nicht mit den Kindern in eine Klinik fahre, noch dass ich keine Antidepressiva genommen habe. Als Mutter hat man offenbar einfach zu funktionieren. Wie kannst du die Kinder nur so lange alleine lassen? Das war die Botschaft. Aber das war mir in diesem Moment egal. Das Tückische an psychischen Krankheiten ist ja, dass man sie nicht sieht. Ich hatte ein paar Kilo abgenommen, aber da ich lange Zeit nichts gesagt habe, gab es sonst keine Anzeichen. Deswegen war es für mein Umfeld nicht leicht, Verständnis aufzubringen. 

Hat Ihre Familie Sie während der Kur eigentlich besucht?

Bräutigam: Ja, zwei Mal. Doch eigentlich war ich für Besuch damals noch gar nicht bereit. Aber natürlich macht man es trotzdem, die Kinder waren damals ja noch sehr klein und wollten natürlich wissen, wo ihre Mutter so lange ist.

Wie haben die Kinder auf Ihre Auszeit reagiert?

Bräutigam: Natürlich war das nicht leicht für sie, auch weil mein Mann sich natürlich nicht fünf Wochen lang komplett allein um sie kümmern konnte. Er hat sie an manchen Tagen und Nächten woanders untergebracht, und dagegen hat meine Tochter damals stark rebelliert. Ihr fällt es noch heute nicht leicht, woanders zu schlafen. Sie dachte, ich sei nur ein paar Tage weg und käme dann wieder. Aber das habe ich damals in Kauf nehmen müssen. Heute weiß ich: Es nützt keinem etwas, wenn wir Mütter uns die ganze Zeit aufgeben. Weil dann irgendwann der große Zusammenbruch kommt.

Viele Ärzte rieten Ihnen immer wieder zu Antidepressiva. Warum haben Sie sich so strikt dagegen gewehrt?

Bräutigam: Mir war klar, so wie mein Leben läuft, ist es nicht richtig. Tabletten hätten nichts daran geändert, sie hätten das alles ja nur überdeckt. Ich nehme generell nur ungern Medikamente, trotzdem bin ich kein Gegner von Antidepressiva. Bestimmt ist es besser, Medikamente zu nehmen, als selbst draufzugehen. Doch ich hatte Angst, was passieren würde, wenn ich die Tabletten dann irgendwann absetze. Mir war klar: Wenn ich ohne auskomme und zufrieden bin, dann hab ich es geschafft.

Sie wollten sich auch nicht in die nächstbeste Klinik einweisen lassen sondern haben sich für eine kleine, anthroposophische Klinik in Süddeutschland entschieden und monatelang für diesen Platz gekämpft. Wie war es in der Klinik?

Bräutigam: Anfangs nicht einfach. Jetzt hatte ich das, was ich so lange unbedingt wollte und merkte dann irgendwann: Das hier ist auch kein Zauberort. Hier klappt es auch nicht von heute auf morgen. Es ist nicht automatisch die Rettung von allem. Im Gegenteil, ich musste den Gedanken zulassen: Ich bin Mitte 30 und sitze in einer psychosomatischen Klinik. Diese Erkenntnis tut weh. Aber insgesamt fühlte ich mich in der Klinik sehr wohl, auch wenn die ersten Tage hart waren. Man muss sich dort mit sich selbst beschäftigen, daran führt kein Weg vorbei.

Die fünf Wochen waren also kein Wellness-Urlaub.

Im Gegenteil, denn auch in der Klinik gibt es Tage, wo einfach nichts mehr geht. An manchen Tagen war ich einfach nur dramatisch aufgelöst. Und mit den eigenen emotionalen Ausbrüchen wird man allein gelassen, zumindest war es in der Klinik, in der ich war so. Trotzdem war ich von den Therapeuten und ihrer leidenschaftlichen Art begeistert.

Wie es Tanja Bräutigam nach ihrem Klinik-Aufenthalt erging, lesen Sie auf der nächsten Seite.