Man muss gar nicht erst die Skandale der vergangenen Jahre bemühen, wenn man wissen will, warum den Kirchen beider Konfessionen die Gläubigen in Scharen davonlaufen. Da reicht als Beispiel schon das Interview des Berliner Superintendenten Bertold Höcker, das der Geistliche dem Sender RBB gegeben hat.

Wen geht es etwas an, wann ich tanzen gehe?

Darin sprach sich der evangelische Kirchenmann für ein Tanzverbot am Karfreitag aus. Aus seiner Sicht seien das Tanzverbot am Karfreitag und der Karfreitag als Feiertag der letzte gesamtgesellschaftliche Konsens, wenigstens an einem Tag im Jahr innezuhalten. Es scheint mir aber vielmehr so, dass die Kirche hier einfach ihre Deutungshoheit verteidigen und den Menschen vorschreiben möchte, wann sie zu trauern haben.

Aber wen bitte geht es im Jahr 2022 noch etwas an, wann ich tanze und mit wem und wo? Richtig, es geht niemanden etwas an! Das Interview ist ein weiterer Beleg dafür, wie weit sich die Kirche, hier die evangelische, von der Lebensrealität der meisten Menschen in diesem Land wegbewegt hat, und das seit vielen Jahrzehnten. Nach über zwei Jahren Pandemie und dem Gefühl, dass ein dritter Weltkrieg keine Illusion mehr ist, hat der Geistliche nichts anderes zu tun, als in einem belehrend-dräuenden Ton auf die Einhaltung religiöser Rituale zu pochen. Rituale, die für die meisten Menschen längst an Bedeutung verloren haben, eben weil man sie nicht mehr mit realen Gefühlen verbinden kann.

Die Menschen in diesem Land halten seit Wochen inne und sind bestürzt und schockiert über die Bilder aus der Ukraine. Solidarität allerorten mit den flüchtenden Menschen, und die Kirche möchte, dass man gefälligst am Karfreitag trauert, und zwar mit Ansage. Wenn diese Institution auch annähernd auf der Höhe der Zeit wäre und nur im Ansatz verstehen würde, was ihre Angehörigen dringend benötigen, dann würde sie dazu aufrufen, am Karfreitag mal alle Sorgen beiseitezuschieben und zu tanzen. Aber was will man erwarten von einer religiösen Gemeinschaft, die es seit Jahrhunderten versäumt hat, sich zu erneuern. Die sich schwer tut mit allen Veränderungen, und sei es nur die Gleichberechtigung der Minderheiten. So schafft man sich selber ab.