Berlin - Die Paella-Reiskörner hüpften auf den Tellern, die Sangria schwappte im Glas, der Gitarrenspieler sang und zupfte mit all seiner Kraft, wir klatschten begeistert, und ich sah das erste tanzende Paar seit dem Beginn von Corona. So viel Fröhlichkeit war lange nicht wie an diesem Abend während der vierten Welle im spanischen Restaurant in Mitte. Die Pandemie hatte auch das Tanzen verboten.

Die 3G-Gesellschaft macht’s möglich, wir rüsteten uns seit Wochen. Einstiegstor waren die Impfungen, danach wurden bereits die ersten Reisen erfolgreich und begeistert absolviert. Nun stand Ausgehen auf dem Wunschzettel, zum ersten Mal so richtig seit 18 Monaten. Erst in die Oper, dann ins Restaurant. Was früher Normalität war, ist nach so langer Zeit wie eine Premiere. Wir bestaunten unseren Plan wie ein kleines Wunder, füllten im Vorfeld sorgfältig die Zettel aus mit unseren Daten zum Hinterlegen an den Veranstaltungsorten. Vor Corona war das kleine Schwarze für mich mindestens einmal in der Woche normal, jetzt legte ich morgens andächtig die lange nicht getragenen Kleider für den Abend nach dem Büro an.

Von da aus eilte ich nach der Werktätigkeit gen Spielstätte, trippelnd in hohen Schuhen, das sind eben keine bequemen Puschen-Birkis, dachte ich ob des Zwickens an den Zehen. Ist man ja nicht mehr gewohnt, wozu – im Homeoffice sieht einen keiner. Klopfenden Herzens standen wir in der Schlange, ab da war eigentlich alles wie immer, die Oper dank Schachbrett-Sitzordnung sogar recht gut gefüllt. Im zweiten Rang stand der Chor beisammen, als ich das sah, klopfte mein Herz schneller vor Aufregung. Aber bestimmend für meine Seelenlage waren in den zwei Stunden die herrlichen Stimmen. Corona schien weit weg.

Auf dem Weg zum Restaurant bemitleideten wir innig den armen Kerl, der seinem traurigen Schicksal und Tod dank Drehbuch der griechischen Mythologie nicht entrinnen konnte. Wir aber, so waren wir sicher, wir könnten jetzt unserem Corona-Schicksal eine andere Richtung geben. So richtig getraut haben wir und die Dutzenden anderen Gäste uns dann aber nicht. Glücklich klatschend blieben wir brav an unseren Plätzen unter den Stadtbahnbögen sitzen. Nur ein Pärchen fasste schließlich bei der Zugabe Mut, er sah ihr tief in die Augen, sie strahlte ihn an, eng aneinander schwebten sie zusammen. Wir anderen riskierten es nicht – zu wenig Platz auf der Tanzfläche. Das Corona-Schicksal ist immer noch da.