Contra - Nein, weil es nicht relevant ist

Von Tanja Brandes

Es ist eigentlich ganz einfach: Laut Deutschem Presserat gilt der Grundsatz, die Nationalität eines (mutmaßlichen) Straftäters nur dann in der Berichterstattung anzugeben, wenn „ein begründetes öffentliches Interesse besteht.“

Viele Medien nennen die Nationalität von Straftätern, um Transparenz zu zeigen

Am Montag hat ein Mann eine Frau und ihren Sohn am Bahnhof in Frankfurt am Main vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Das Kind starb an seinen schweren Verletzungen. Der Täter, der kurz danach festgenommen wurde und der das Opfer nach jetzigen Erkenntnissen nie zuvor gesehen hatte, stammt aus Eritrea. Das weiß auch deshalb inzwischen jeder, weil sich die meisten Medien längst nicht mehr an den oben genannten Grundsatz halten. Denn natürlich ist es so einfach eben doch nicht.

Seit es in der Kölner Silvesternacht 2015 zu sexuellen Übergriffen durch überwiegend ausländische Täter kam (und das nicht sofort kommuniziert wurde), wurde der sogenannte Pressekodex mehr und mehr aufgeweicht.

Das hat verschiedene Gründe: Der eine ist ein niederer. Weil einige Medien wissen, dass die „Einschaltquote“ höher ist, wenn Ausländer Verbrechen begehen, pfeifen sie auf den Kodex.

Die meisten Medien nennen die Nationalität eines Straftäters hingegen inzwischen, um sich weniger angreifbar zu machen. Denn tun sie es nicht, steht sofort der Vorwurf der Verschleierung im Raum. Die Angst vor dem Kampfbegriff Fake-News bringt auch Journalisten inzwischen immer wieder dazu, in vorauseilendem Gehorsam die eigenen Grundsätze über Bord zu werfen. Wohlgemerkt nur, wenn sich herausstellt, dass der mutmaßlicher Täter eben kein Deutscher war.

Die Nationalität des Täters sollte für das Verbrechen keine Rolle spielen

Es ist schon öfter vorgekommen, dass Menschen vor einen einfahrenden Zug gestoßen werden. In einigen Fällen stellte sich später heraus, dass der Täter ein Deutscher war, ein anderes Mal stammte er aus Serbien. Einige Täter waren schizophren. Und natürlich gab es auch Täterinnen.

Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel twitterte am Montag: „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!“ Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort: Man sollte es verurteilen, dass eine gewählte Volksvertreterin den Versuch wagt, aus dem entsetzlichen Tod eines Kindes Kapital zu schlagen. Stattdessen begibt man sich auch in diesem Fall allzu schnell in die Geiselhaft der AfD – und eigentlich aller rechten Kräfte. Nur um nicht in den Verdacht zu geraten, etwas verbergen zu wollen.

Natürlich ist Weidels Einlassung auch deshalb unsinnig, weil der Täter offenbar seit 2006 in der Schweiz lebt. Aber auf diese Argumentationsebene sollte man sich gar nicht erst begeben.
Denn selbst, wenn der Mann als Flüchtling nach Deutschland gekommen wäre – es spielte für die Bewertung des Verbrechens zunächst keine Rolle. Zwar stimmt in diesem wie in jenem Fall: Wäre der Mann nicht in Deutschland gewesen, nicht in diesem Moment auf dem Bahnsteig, so lebte der kleine Junge noch. Doch das ist eine Kausalkette, die bei fast jeder anderen Tat auch gilt.

Die Familie des getöteten Jungen hat ein Recht auf Aufklärung - Die Nationalität spielt keine Rolle

Wir müssen uns also die Frage stellen, warum wir bei einem Verbrechen, wie es in Frankfurt geschah, überhaupt wissen wollen, aus welchem Land ein Täter stammt. Die Tat wird durch dieses Wissen nicht weniger grauenvoll. Was also brächte die Information, als die Befeuerung von Vorurteilen, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft eben doch die böseren sind? Dass Eritreer (oder Serben) eher geneigt sind, andere Menschen vor Züge zu stoßen? Es werden niedere Instinkte bedient, mehr nicht.

Die Familie des getöteten Jungen hat ein Recht darauf, dass das Verbrechen aufgeklärt wird. Sie hat ein Recht darauf, dass der Täter bestraft wird. Die Bürger haben ein Recht darauf, so gut wie möglich geschützt zu werden. Ein Recht, die Herkunft des Täters zu erfahren, haben sie nicht. Von der zu Anfang genannten Ausnahme abgesehen.

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Pro - Ja, weil Fakten entgiften

Von Maritta Adam-Tkalec

Die Hauptverdächtigen für die Verbrechen vom Campingplatz in Lügde heißen Andreas, Mario und Heiko. Sie kommen aus Steinheim und Stade. Sehr deutsche Männer. Silvio hieß der Mörder des vierjährigen Flüchtlingskindes Mohammed, ein junger Mann aus Niedergörsdorf, Südbrandenburg. Der Eigenbrötler hatte schon den sechsjährigen Elias ermordet und in seinem Luckenwalder Schrebergarten vergraben.

Die meisten Kriminellen in Deutschland sind Deutsche

Als im Juli 2017 Christiana D., 31, aus Nordrhein-Westfalen sturzbetrunken eine Frau im Bahnhof Hermannstraße vor die S-Bahn schubste, konnte der Fahrer rechtzeitig bremsen. Die Täterin: eine übellaunige Deutsche. Anders im Januar 2016. Amanda, 20, kam am Ernst-Reuter-Platz ums Leben, weil sie ein gebürtiger Hamburger mit iranischen Wurzeln, obdachlos, psychisch instabil, in die Gleise gestoßen hatte.

Vergangene Woche stieß ein 28 Jahre alter Mann in Voerde eine 34 Jahre alte Frau vor einen Regionalzug. Sie starb. Der Täter ein in Deutschland geborener Serbe. Und nun der Schrecken vom Frankfurter Hauptbahnhof. Der mutmaßliche Täter ist ein Eritreer mit Aufenthaltsrecht in der Schweiz.

In allen Fällen wurde die Herkunft der Tatverdächtigen genannt. So muss das sein. Immer. Es kommt heraus: Die allermeisten Kriminellen in Deutschland sind Deutsche. Logisch. Werden Deutsche dadurch pauschal stigmatisiert? Unsinn. Ebenso weiß jeder, der einigermaßen bei Verstande ist, dass die allermeisten Leute, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen, nie kriminell werden.

Die Nationalität und Herkunft der Verdächtigen gehört zur Aufklärung dazu

Zugegeben, es gibt Leute (und es wird sie immer geben), die aus generellem Ausländerhass jubeln, wenn mal wieder eines ihrer Hassobjekte ein Verbrechen begeht. Aber soll man in vorauseilender Angst vor Hetzwellen rechte Verschwörungstheorien durch Beschweigen von Tatsachen auch noch bestätigen?

Käme die „Schere im Kopf“ regelmäßig zum Einsatz, würde die Mehrheit der Bürger pauschal für unmündig erklärt und für unfähig, Verbrechen rational einzuordnen. Die Leute sind aber nicht blöd. Sie haben ein Recht auf informierende Medien, Experten, Politiker, Polizisten.

Um ein Verbrechen aufzuklären, sind viele Fakten zusammenzutragen. Die Herkunft der Verdächtigen gehört dazu: Wo wurden sie wie sozialisiert, welche Vorstellungen leiten sie, wie sind sie in welche Umstände geraten? Setzen sich nun Staat oder Medien dem Verdacht aus, Wissen um ausländische Kriminelle zu unterschlagen, provoziert das noch wildere Verschwörungstheorien als sie ohnehin aus dunklen Quellen sprudeln.

Kriminalität steht im Zentrum der Debatte um Zuwanderung

Die Freundinnen und Freunde des Verschweigens unbeliebter Tatsachen könnten sich ausnahmsweise mal das Beispiel DDR vor Augen führen: Deren Informationsverweigerungsstrategie gegenüber den eigenen Bürgern bewirkte das Gegenteil des Erwünschten: Abwendung, Vertrauensverlust. Gegenwärtig zieht die Alternative für Deutschland einen Teil ihres Saftes aus Abwendung und Vertrauensverlust.

Jedem, auch dem Bösartigsten, ist klar, dass nur ein winziger Teil der Zuwanderer kriminell agiert. Trotzdem steht Kriminalität im Zentrum der Debatte um die Akzeptanz von Zuwanderung. Nicht-Information stärkt die Krisen- und Notstandsrhetorik der Einwanderergegner. Dagegen helfen Fakten. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Kriminalstatistiken tendenziell erhöhte Anteilswerte unter Migranten zeigen. Das liegt zum Teil an statistischen Verzerrungen, zum Beispiel weil viele Flüchtlinge zur besonders gefährlichen Gruppe der Männer unter 30 in schwieriger Lage gehören.

Auch wenn Statistiken mit Vorsicht zu betrachten sind, weisen sie darauf hin, dass jenseits aller Mutmaßungen und Ressentiments, aber auch jenseits aller Beschönigungen reale Probleme bestehen. Werden sie nicht benannt, bleiben sie ungelöst. Das hilft niemandem, keinem Eingeborenen, keinem Einwanderer.