Berlin - Der Sonntag ist für immer mehr Berliner Kneipenwirte ein Segen. Jedenfalls für die, die sich in den vergangenen Jahren einen Beamer samt größerer Leinwand angeschafft haben und sich auf diese Weise ein treues Publikum herangezogen haben. Denn Sonntag ist „Tatort“-Abend. Und tatsächlich geht es da in vielen Berliner Bars, Cafés und Kneipen überraschend bürgerlich zu. Pünktlich zur „Tagesschau“ ist der Laden voll, Bier und Wein sind bestellt. Es herrscht Sofa-Atmosphäre.

Dutzende Kneipen gibt es stadtweit, die den „Tatort“ Sonntag für Sonntag zeigen. Zum Beispiel die Volksbar in der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte: Rund 50 Besucher haben es sich gemütlich gemacht und warten auf den Einsatz der Fernsehkommissare. Die Kneipe unweit des Kinos Babylon hat mit 24 Quadratmetern die wohl größte Leinwand der Stadt. Das bedeutet Public Viewing in Kinoqualität. Das Publikum ist jung, keiner ist älter als 40 Jahre.

Zum Beispiel die Filmbar in der Schliemannstraße in Mitte: 40 bis 60 Gäste kommen an jedem „Tatort“-Sonntag, erzählt Betreiber Arne Grüß. „An diesen Abenden herrscht immer eine ganz eigene Atmosphäre, sehr konzentriert, überhaupt nicht lärmig, wie sonst in Bars“, berichtet er. Da kann es passieren, dass das Barpersonal sich böse Blicke einfängt, wenn es in der Stille die Kaffeemaschine blubbern lässt. „Mit dem Gong der Tagesschau verändert sich das Café immer komplett“, sagt Grüß. Das zeigt sich auch an der Ausstattung. Grüß legt „Tatort“-Bierdeckel bereit. Auf dem Fußabtreter steht: „Bitte betreten Sie den Tatort.“

Zum Beispiel der Frannz-Club in der Kulturbrauerei: An schönen Sonntagabenden finden sich bis zu 150 Leute im Innenhof der ehemaligen Brauerei ein. „Das hat sich im Laufe der Jahre so etabliert. Und wir sind natürlich sehr glücklich darüber“, sagt Alex Knoke, Booker im Frannz-Club. Doch auch bei schlechtem Wetter wird ermittelt. Dann läuft der „Tatort“ drinnen. Oder das Dai Ragazzi in der Winterfeldstraße in Schöneberg: Am Eingang des Italieners prangt das „Tatort“-Logo, schon um viertel vor acht sind die gut 20 reservierten Plätze alle besetzt. Zuvor wird bestellt, Kartoffelgnocchi mit Bärlauch oder Ravioli mit Artischocken.

Glücksfall für die ARD

45 Minuten nach Filmbeginn sammelt der Kellner Kärtchen ein, auf denen die Besucher ihren Täter getippt haben. Der Sieger bekommt eine „Tatort“-Tasse. „Das ist cool, es macht Spaß, zu sehen, wer den Täter schon nach so kurzer Zeit gefunden hat“, sagt Calotta Dörner. Die Studentin der Wirtschaftsmathematik ist mit Freund, Mutter und deren Lebensgefährtem gekommen. Alle ihre Tipps in Sachen Mörder sind zwar falsch, aber das ist egal. Die Familie tippt auch auf dem heimischen Sofa, erzählt die 19-Jährige. „Bei uns ist ,Tatort‘ Pflicht.“

Für die ARD ist das ein absoluter Glücksfall, denn selten sitzen so viele junge Menschen bei einer ihrer Sendungen vor der Glotze. Läuft der Tatort, können das schon mal deutlich mehr als fünf Millionen in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen sein. Das ist eine außerordentlich gute Quote, für eine TV-Serie, die im Schnitt zwischen acht und zwölf Millionen Zuschauer hat. Den Spitzenwert des Dauerbrenners, der seit 1970 läuft, die zwölf Millionen, hat die ARD übrigens Til Schweiger zu verdanken.

Sein Einstieg als Hamburger Hauptkommissar Nick Tschiller Anfang des 2013 avancierte zum Straßenfeger. Doch selbst altgediente Kommissar-Paare wie die Kölner Ballauf und Schenk (personifiziert von Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) machen bei jungen Zuschauern noch richtig Quote, oder zumindest einen guten Eindruck: „Tatort“-Profi Calotta Dörner jedenfalls zieht sie sogar noch Til Schweiger vor, erzählt sie. Noch besser finde sie allerdings Wotan Wilke Möhring, der Ende April debütierte. Immerhin zehn Millionen Zuschauer sahen seinen Erstling, der ebenfalls in Hamburg spielte – und wurde beim Public Viewing für seine coolen Sprüche gefeiert.

Vorsichtig modernisieren

Bei der ARD wird dieser Trend hin zu mehr und vor allem jüngeren Zuschauern genau verfolgt. „Wir versuchen natürlich, viel junges Publikum anzuziehen“, sagt Sprecher Lars Jacob. Dennoch bleibe die Krimiserie ein Familienereignis. Also wird nur vorsichtig modernisiert, etwa mit schnelleren Bildschnitten oder härteren Geschichten, wie etwa im Falle Schweiger, dessen Weg gleich nach wenigen Minuten mehrere Leichen pflasterten. Aber durchaus auch mal mit jüngeren Ermittlern.