Bäume vor dem Bundeskanzleramt in Berlin.
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BerlinDie trockenen, heißen Sommer haben massive Auswirkungen auf den Zustand der Bäume in Berlin: In manchen Park- und Grünanlagen von Steglitz Zehlendorf zum Beispiel hat sich die Zahl der abgestorbenen Bäume in diesem Jahr vervielfacht: Zwar habe der Bezirk auch in den vergangenen Jahren immer wieder Bäume verloren, sagt die Maren Schellenbach, Bezirksstadträtin für Immobilien, Umwelt und Tiefbau: „Was wir nun erleben, hat aber eine komplett andere Qualität.“ Auf dem Friedhof Bergstraße zum Beispiel seien im vergangenen Jahr rund 25 Bäume abgestorben. In diesem Jahr registrierte der Bezirk dagegen bereits 220 tote Bäume – also rund das Zehnfache, teilt Schellenbach mit: „Das bestätigt die langjährige Erfahrung, dass Trockenschäden erst im Folgejahr oder noch später in vollem Umfang zu erkennen sind.“

Pankow meldet mehr abgestorbene Bäume als 2018

Der Bezirk hat erst vor wenigen Wochen begonnen, Hochrechnungen über Trockenschäden zu erstellen. Allein für 2019 wurden dabei 350 abgestorbene Straßenbäume ermittelt, betroffen seien vor allem Birken, Linden und Hainbuchen – zum Vergleich: zwischen 2012 und 2017 lag diese Zahl im Schnitt bei 50. In den Grünanlagen seien 3300 Bäume zusätzlich abgestorben oder wiesen starke, dürrebedingte Schäden auf. Hier hätten vor allem Nadelbäume und Rotbuchen „extrem gelitten.“

In Pankow meldet das Umwelt- und Naturschutzamt insgesamt 448 abgestorbene Bäume für 2019 – im Vergleich zu 237 im Vorjahr, verweist aber darauf, dass die Ursache für den Anstieg unklar sei. Auch aus Charlottenburg-Wilmersdorf heißt es, man wisse nicht, welcher Anteil der Schäden auf Hitze oder Trockenheit zurückzuführen sei. „Außerdem werden sich die Folgen der diesjährigen Trockenheit erst noch zeigen.“ Reinickendorf will sich ebenfalls nicht auf konkrete Zahlen festlegen.

Trockenheit ist nicht der einzige Grund für Baumsterben

Der Bezirk Mitte teilt mit, dass 2018 175 Straßenbäume aufgrund von Trockenheit und hohen Temperaturen eingegangen sind. Aussagen zu 2019 könne der Bezirk erst Mitte kommenden Jahres treffen. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg haben die Baumexperten eine erheblich erhöhte Zahl von abgestorbenen Bäumen in 2018 und 2019 festgestellt – um etwa das Vierfache der Vorjahre. Auch hier kann keine Ursachen benannt werden.

Aus Neukölln heißt es, dass Trockenheit beim Absterben von Bäumen meist nicht der einzige Grund sei, hinzu kämen Nährstoffmangel, Pilze, Krankheiten oder Schädlinge. Erst im Frühjahr werde eine Einschätzung der Folgen möglich sein: „Wir gehen davon aus, dass ca. 5% des Bestands auf jeden Fall erheblich beschädigt sind.“

Bäume stellen sich auf die Notsituation ein

Die übrigen Bezirke legten bis Redaktionsschluss keine Zahlen vor. Berlinweite Statistiken fehlen, die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz verweist auf die Bezirke. Ein Problem dabei ist, dass diese die Zahlen auf Grundlage unterschiedlicher Kriterien erheben und auch bei der Erfassung unterschiedlich weit sind. „Die Regelkontrollen finden jetzt noch statt; die Bezirke gehen Straße für Straße vor“, sagt Christian Hönig, Fachreferent für Baumschutz beim BUND Berlin; verlässliche Angaben erwartet er erst im kommenden April. „Grundsätzlich aber sind die Schäden immens.“ Aucg Hönig sagt, dass zu den direkten Folgen des Flüssigkeitsverlusts weitere Schäden kommen: So werden die Bäume anfälliger für Krankheiten, Parasiten, Insektenbefall.

Mehr noch: Die Bäume stellen sich auf die Notsituation ein, indem sie ihre Blattoberfläche verringern. „Manche Bäume rollen ihre Blätter ein oder werfen sie ganz ab, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen“, sagt Hönig. Nur führt das dazu, dass der Baum im folgenden Jahr gleich weniger Laub ausbildet – und in der Folge Substanz, Robustheit und Kraft einbüßt.

Ressourcen für regelmäßige Gießdienste fehlen

Der BUND-Experte fordert daher von Bezirken und Land mehr Einsatz zum Schutz der Bäume. Im Moment stünden pro Baum im Jahr im Schnitt 48 Euro zur Verfügung. Nötig dagegen seien 80 bis 100 Euro. „Wir können uns darauf einstellen, dass solche Wetterextreme jetzt häufiger kommen. Und mit der gegenwärtigen Minderausstattung werden die Bezirke die Probleme nicht auffangen können“, sagt Hönig. Viele Bezirke hätten in den vergangenen Jahren in den Grünflächenämtern Personal eingespart und Mittel gekürzt – jetzt fehlten die Ressourcen, um etwa regelmäßige Gießdienste einzurichten.

Dabei seien gerade Straßenbäume wichtig, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Der Schatten, den sie werfen, trage dazu bei, dass sich die Stadt nicht zu stark aufheizt; im Schatten der Baumkronen sei es im Sommer bis zu 10 Grad kühler als außerhalb. „Wir brauchen gerade jetzt große, starke Bäume“, sagt Hönig, „damit wir von dieser Funktion profitieren können.“