Sie sind pünktlich, so wie es Derk Ehlert vermutet hat. Krähen sind zuverlässige Tiere. Sie haben einen geregelten Tagesplan. Es ist nachmittags gegen halb vier, der Himmel wird jetzt dunkler, in der Dämmerung nähert sich aus Richtung Lichtenberg ein Schwarm Krähen. Die Vögel landen auf einem Hochhaus an der Jannowitzbrücke, und es werden immer mehr.

Die Vögel bleiben ein paar Minuten, gegen 16 Uhr brechen sie auf, als große Gruppe geht's rüber zum Alex, zur Kuppel des Berliner Dom und des neuen Stadtschlosses. Aus allen Richtungen kommen die Vögel, „es ist jeden Abend das gleiche Prozedere“, sagt Derk Ehlert, der Wildtierexperte der Senatsumweltverwaltung. Seit Jahren beobachtet er wie sich Wildtiere in der Stadt zurechtfinden. Er weiß, wie Füchse, Waschbären, Biber und Falken in der Metropole leben. Und Krähen.

Wintergäste aus Osteuropa

Und jetzt ist ihre Zeit. Deswegen führt Ehlert in der Dämmerung Besuchergruppen an der Spree entlang bis zum Schlossplatz. Jedes Jahr kommen Tausende Krähen in die Hauptstadt, um hier zu überwintern. Es sind Saatkrähen, sie kommen aus Osteuropa, meist aus Polen und der Ukraine. Wenn es dort zu kalt wird, siedeln sie nach Berlin um und sorgen hier zusammen mit den einheimischen Nebelkrähen für ein Naturschauspiel am Himmel über Berlin. Vor allem rund den Alex und den Lustgarten kann man bis zu 4000 Vögel von Dezember bis Februar beobachten. Dann ist dort ihr tausendfaches „Kräh, kräh“ der Nebelkrähen und das „rab, rab“ der Saatkrähen zu hören. Die krächzenden Rufe finden viele nicht attraktiv, trotzdem sind Krähen Singvögel und damit geschützte Tiere.

In früheren Wintern kamen noch viel mehr Krähen in die Stadt. Müllkippen am Stadtrand waren für sie „gigantische Futterquellen“, sagt Ehlert. Vogelkundler schätzten die Zahl der Krähen auf mehr als 60.000. Sie übernachteten in Jungfernheide, Tegel und Siemensstadt, am Potsdamer Platz und im Tiergarten. Warum sie heutzutage dort nicht mehr hinfliegen, wissen selbst Experten wie Ehlert nicht. Am Dienstag sieht man Krähenschwärme fast nur noch rund um den Alex. Sie wühlen dort in Mülleimern, sammeln weggeworfene Essensreste, reißen Müllsäcke an Imbissbuden auf und fressen tote und kranke Tiere, etwa Ratten.

Kabelbinder oder Drahtkleiderbügel in Neste geflochten

In den Bäumen am Fernsehturm und am Berliner Dom ist ihr Schlafplatz, gegen 22 Uhr ist Nachtruhe. „Krähen lieben das Stadtzentrum“, sagt Derk Ehlert. „Berlin zieht diese Tiere magisch an. Sie lieben das Licht, den Lärm und die Menschen.“ Nicht mal die lauten Weihnachtsmärkte mit ihren Fahrgeschäften, Karussells und den vielen Menschen verschrecken die Tiere. Im Gegenteil: Krähen nutzen die Technik der Großstadt. Sie sammeln Nüsse und legen sie an Kreuzungen bei roter Ampel vor die Reifen der Autos. In der nächsten Rotphase sammeln sie die überfahrenen und geknackten Nüsse ein.

Wenn Nebelkrähen im Frühjahr ein Nest bauen, flechten sie Kabelbinder, Scheibenwischergummis und Drahtkleiderbügel ein, die sie zuvor von der Straße und von Balkonen geklaut haben.

„Krähen sind intelligente, soziale, listige und sprachbegabte Tiere“, sagt Ehlert. Und sie machen Blödsinn: Vor ein paar Jahren haben Krähen das Silikon vom Glasdach des Hauptbahnhofs aus den Fugen gehackt. Danach regnete es durch. Die Tiere ließen auch geklaute Schrauben auf die Scheiben fallen. Die Deutsche Bahn musste über hundert Scheiben austauschen, jede war eine Maßanfertigung und kostete etwa 10.000 Euro.

Gemeinschaft bietet Krähen Sicherheit

Auch im Radisson Hotel hatten Krähen Dachkies auf das Glasdach darunter geworfen, sie gingen zu Bruch, ein teurer Spaß. Das Hotel tauschte den Dachkies gegen größere Steine aus, die waren den Krähen schließlich zu schwer. In vielen Dingen ähneln Krähen Menschen. Ornithologen bescheinigen ihnen den höchsten Vogel-Intelligenz-Quotienten. Manche fürchten sich dennoch vor den schwarzen Vögeln, die Hitchcock in seinem Horrorfilm „Die Vögel“ in furchteinflößende Tiere verwandelt hat. Dabei sind Krähen kluge Tiere, sie lernen voneinander, merken sich Gesichter und Abläufe, etwa wann die Müllabfuhr kommt. Und sie kommunizieren viele miteinander.

Auch am Alex. Dort geht es um sichere Rastgebiete, gute Futterstellen und mögliche Gefahren in der Luft. „Die Stadt bietet den Tieren nachts großen Schutz“, sagt Ehlert. Die Gemeinschaft gibt ihnen Sicherheit, im Schwarm können Krähen ihre Feinde verjagen, etwa den Habicht und den Wanderfalken.

Doch am Tag sind Krähen nur in Kleingruppen unterwegs. Morgens fliegen sie in Familienclans von etwa 15 Tieren ins Umland. Auf den Feldern, Wiesen und Äckern in Brandenburg suchen sie Nahrung. Bis zu 60 Kilometer legen sie mit Hin- und Rückflug am Tag zurück. Krähen sind die Pendler der Lüfte. Morgens raus aus der Stadt, abends rein. So geht das jeden Tag. Und alles läuft nach Plan. „Krähen lieben die Regelmäßigkeit“, sagt Derk Ehlert. Er hat aber auch beobachtet, dass Krähen jedes Jahr nach Silvester ein paar Tage die Stadt verlassen. Denn diese Knallerei schockt selbst Krähen, die die Großstadt lieben.