Sie geben nicht auf. Mit ihrem ersten Versuch, den Stadtverkehr zu verändern, haben sich die Strategen von Uber eine blutige Nase geholt. Jetzt plant das milliardenschwere US-Unternehmen für Berlin ein anderes, nicht minder revolutionäres Verkehrskonzept – das ebenfalls für Debatten sorgen wird. „Unser Ziel ist es, UberPool möglichst bald auch in Berlin zu etablieren“, sagte Christian Freese, der Deutschland-Chef von Uber, der Berliner Zeitung. UberPool, das es bereits in 30 Städten gibt, erinnert an das Prinzip Sammeltaxi. Fahrgäste, die dieselben oder benachbarte Ziele haben, nutzen gemeinsam Autos. Am Steuer sitzen professionelle Fahrer.

„Wir haben gelernt“, sagt Freese, 36 Jahre alt und gebürtiger Niedersachse. Er ist wie jeden Morgen mit der Straßenbahn zur Arbeit gekommen. Nun sitzt er in der „Moonbase“ auf dem Sofa, hinter sich eine Wand mit Klebezetteln, Überbleibsel einer internen Diskussion. Mondbasis – so haben die Betreiber der „Factory“, die im Karree zwischen der Bernauer und der Rheinsberger Straße in Mitte diverse Start-ups beherbergt, den gesichtslosen Neubau genannt. Warum er so heißt, wissen die Uber-Leute nicht. Sie wollen auf der Erde, in Deutschland, bleiben – und schon bald kräftig expandieren.

In drei Minuten ist das Taxi da

„Wir haben gelernt“, bekräftigt Freese. „UberPop ist hier kein Thema mehr für uns. Uber hat sich in Deutschland vollständig davon verabschiedet, Fahrten an Privatpersonen ohne Personenbeförderungsschein zu vermitteln.“ Mit dem Geschäftsmodell Ridesharing, mit dem sie in ihrem Heimatland viel Geld gemacht hatten, waren die US-Amerikaner hierher gekommen – und umgehend angeeckt.

Als Uber 2014 auch in Berlin damit begann, über eine App Fahrgäste an Privatleute zu vermitteln, rief das die Taxibranche auf den Plan. Wer andere für Geld im Auto befördert, brauche einen Personenbeförderungsschein, so die Kritiker.

Damals reagierte Uber kaltschnäuzig und machte einfach weiter. Aber dann schickte das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten eine Untersagung, die das Oberverwaltungsgericht unanfechtbar bestätigte. UberPop und UberBlack, bei dem Fahrgäste in Limousinen reisen, sind verboten.

Das Unternehmen zog sich nicht zurück. Aber es wich in Berlin erst einmal auf ein legales Geschäftsfeld aus. Seit 2015 vermittelt Uber Fahrten in ganz normalen Taxis. „Rund tausend Taxis sind über unsere App erreichbar und mit unserer technologischen Plattform verbunden“, sagt Freese. Im Durchschnitt dauert es zwei bis drei Minuten, bis das Taxi da ist – Rekord bei Uber in Europa.

Freese: Taxifahrer würden Uber mögen

Berechnet wird der Berliner Taxitarif, die Fahrgäste zahlen bargeldlos. „Für die Vermittlung erhalten wir sieben Prozent Provision, das ist der übliche Satz“, berichtet Freese. Taxifahrer würden Uber mögen. „Denn die Chance ist groß, dass sie mit Hilfe unserer Technologie-Plattform schon vor dem Ende einer Fahrt die nächste vermittelt bekommen. Für die Fahrer bedeutet das, dass sie ihr Tageseinnahmenziel mit uns schneller erreichen.“

Auf Dauer will sich das Unternehmen aber nicht damit begnügen, eine Art Taxizentrale zu betreiben. Es plant einen strategischen Neuanfang in zwei Stufen. Erste Stufe: UberX, das es hierzulande bereits in München gibt, soll auch in Berlin etabliert werden. Freese: „In München arbeiten wir mit professionellen Mietwagenunternehmen zusammen, die Fahrer haben alle einen Personenbeförderungsschein.“ Die Provision für Uber: 20 Prozent.

Die zweite Stufe würde auf dieses Angebot aufsetzen, doch sie wäre etwas Neues. Ein Paukenschlag. Der Titel steht schon fest: UberPool. „Da geht die Reise hin. Das ist das Angebot, das es mittelfristig in allen Uber-Städten geben soll“, sagt der Deutschland-Chef. Will jemand von A nach B, sucht der Uber-Computer Mitfahrer mit ähnlichen Strecken.

„Wir verringern die Zahl der Autofahrten“

Auch hier wären die Fahrer Profis, die bei Mietwagenunternehmen angestellt sind. „Aber hier haben sie die Chance, mehr zu verdienen“, so Freese. Die Fahrgäste wiederum können sparen: Pro Person zahlen sie maximal die Hälfte des regulären Uber-Tarifes. Berlin wäre für UberPool ein „extrem fruchtbarer Boden“. Ohnehin sei Berlin eine ideale Stadt, schwärmt Freese. Der Motorisierungsgrad sei so niedrig wie in kaum einer anderen europäischen Metropole, rund die Hälfte der Haushalte habe kein eigenes Auto.

Das neue Angebot könnte den Stadtverkehr verändern, meint er. „UberPool wird das Auto effizienter machen. Wir verringern die Zahl der Autofahrten insgesamt.“ Die Stadt profitiere, indem weniger Verkehrsraum und weniger Parkplätze benötigt würden. Es gebe weniger Parksuchverkehr, der 30 Prozent des Verkehrs ausmachen kann, und weniger Leerfahrten. „Für andere, stadtverträglichere Nutzungen und Verkehrsarten wird Platz frei.“

Das ist ein Ziel, das auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verfolgt. Trotzdem zeigt man sich dort noch skeptisch. Wenn Uber ein Konzept vorlege, werde es geprüft, sagt Sprecher Martin Pallgen. „Bis dahin gilt der Rechtsrahmen, und der heißt: Personenbeförderungsgesetz. Vom Unternehmer organisierte Sammelbeförderungen für Fahrgäste mit individuellen Fahrtwünschen sind vom Gesetz in seiner aktuellen Fassung nicht vorgesehen.“ Sitzplatzweise Vermietungen sind nicht zulässig. Für Änderungen wäre der Bund zuständig.

„Wir sind im Dialog mit der Politik und der Verwaltung, weil wir Neues ausprobieren wollen“, sagt Christian Freese. Er regte zumindest eine Ausnahmegenehmigung an – für ein Pilotprojekt. „Experimentieren! UberPool wäre ideal geeignet.“