Zählt man all seine Touren zusammen, dann hat er jede einzelne Straße Berlins fast 40 Mal vom Anfang bis zum Ende befahren, die großen Alleen ebenso wie die kurzen Sackgassen. Sascha Bors ist Taxifahrer, Blogger und Buchautor. 200 000 Kilometer hat der 31-Jährige in den vergangenen Jahren abgespult und Tausende Menschen ans Ziel gebracht. Zu unserer Verabredung in einem italienischen Restaurant in Biesdorf lässt sich der Zwei-Meter-Mann selbst chauffieren. Er kommt mit dem 192er-Bus und entscheidet sich dann zuerst für eine große Cola. Schließlich müsse er noch fahren, sagt er.

Herr Bors, besitzen Sie ein Fahrrad?

Nein, schon lange nicht mehr.

Schade, Sie hätten der radelnden Leserschaft ein paar Tipps zur Vermeidung schmerzhafter Erfahrungen geben können, quasi Insiderwissen aus dem gegnerischen Lager.

Das klingt ja, als wäre Krieg.

Ist es nicht so?

Nein. Und deshalb sollte auch jeder, der sich als Gegner versteht, sein Auto oder Rad besser stehen lassen.

Wo ist Berlin für Radfahrer am gefährlichsten?

Ich schätze Warschauer-, Ecke Mühlenstraße. Da ist bis tief in die Nacht viel los. Für Rechtsabbieger ist es dort extrem schwierig.

Sie selbst fahren nur nachts. Warum eigentlich?

Anfangs wollte es mein Chef so, und ich habe mich darauf eingelassen, weil ich nicht gerade der Prototyp des Frühaufstehers bin. Heute kann ich es mir kaum anders vorstellen. Außerdem: Es gibt Pizza zum Frühstück.

… und nachts die lukrativeren Touren.

Das kommt hinzu.

Wer nutzt in dieser Stadt das Taxi?

Jeder. Geschäftsführer und Hungerlöhner. Ich wundere mich schon lange nicht mehr, wer bei mir alles einsteigt. Wenn nichts mehr fährt, wir fahren immer. Wir schließen eine Versorgungslücke.

Wohin wollen die Leute?

Ab 2 Uhr wollen die meisten nur noch nach Hause. Bestimmt vier von fünf Fahrgästen. Der Rest will in Clubs und Kneipen. Jede hundertste Tour ist eine Bordellfahrt.

Sehen Sie einem Fahrgast an, wenn er sich von seiner Geliebten nach Hause zu seiner Frau fahren lässt?

Nein, die meisten erzählen von sich aus, dass sie gerade ihre Frau betrogen haben. Oder sie turteln mit ihrer Affäre am Telefon und sagen, dass sie jetzt heim müssen und die Frau sonst Ärger macht. Mitunter werden sie auch einfach von unterschiedlichen Partnerinnen verabschiedet und begrüßt.

Ist das eine allnächtliche Erfahrung?

Das nicht, aber es passiert ziemlich häufig. Da muss der Glaube an die Treue schon ziemlich stark sein.

Taxifahren ist teuer.

Das ist relativ. Klar, von Kreuzberg nach Ahrensfelde kommt man auch für weniger als für 35 Euro. Aber wenn ich auf der anderen Seite fünf Touris zu ihrem Hostel kutschiere, muss jeder einzelne nicht mehr zahlen als für ein BVG-Ticket.

Im vergangenen Jahr gab es 120 Strafanzeigen wegen überhöhter Rechnungen gegen Taxifahrer. Wie ehrlich ist der Berliner Taxikutscher?

Ich habe unter Kollegen noch niemanden erlebt, der damit geprahlt hat, einen Touristen abgezogen zu haben. Andererseits sind Taxifahrer ein ziemlich bunter Haufen. Also muss es unter uns schon rein statistisch den einen oder anderen Schwerkriminellen geben.

Anzeigen sind der eine Teil. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Möglich. Ich lass mich auch öfter mal mit dem Taxi vom Ostbahnhof nach Hause bringen. Erstaunlich, wie viele Routen es für die paar Kilometer gibt. Den eigentlich vorgeschriebenen kürzesten Weg ist noch keiner gefahren.

Weil man hört, dass Sie kein Berliner sind.

Ich kann es nicht ausschließen.

Wo wohnen Sie?

Marzahner Promenade, Platte in ihrer reinsten Art.

Sie kommen aus Stuttgart. Nie über Prenzlauer Berg nachgedacht?

Nee, ist nicht meine Preisklasse. Außerdem muss doch jemand die unsäglichen Schwaben-Klischees widerlegen. Ich fühle mich wohl in Marzahn. Nette Leute, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wie hoch ist Ihr Stundenlohn?

Inzwischen sind es etwa acht Euro brutto.

Ist das typisch für Berlin?

Überhaupt nicht. Ich arbeite in den besten Zeiten. Eine normale Acht-Stunden-Schicht bringt vielleicht 100 Euro Umsatz. Das sind 45 Euro brutto für den Fahrer. Wir reden also über einen Stundenlohn von fünf Euro. Das ist normal.

Wie kann ein Familienvater davon leben?

Wenn er so viel arbeitet, dass seine Familie nichts mehr von ihm hat. Ein Kollege hat fünf Kinder, seine Frau ist arbeitslos. Der fährt sieben Tage die Woche zwölf Stunden und hat am Ende ein paar hundert Euro mehr als Hartz IV.

Plus Trinkgeld.

Das gleicht die Abzüge aus. Im Schnitt sind es etwa zehn Prozent.

Wären Sie für einen Mindestlohn im Taxigeschäft?

Ich glaube schon. Nur würden dabei einige Taxiunternehmen auf der Strecke bleiben, und ich bin mir leider nicht sicher, dass die Besten die Gewinner wären oder die, die am meisten am Fiskus vorbei arbeiten lassen.

Es gibt derzeit rund 3.200 Unternehmen mit knapp 7.500 Taxis. Ist das zu viel für diese Stadt?

Absolut.

Warum werden dann jährlich 700 neue Konzessionsanträge gestellt?

Weil jeder glaubt, es irgendwie besser zu können als die Konkurrenz. Da kommen Selbstüberschätzung und Unbelehrbarkeit zusammen. Tatsächlich werden Taxifahrer ständig gesucht. Wer einen Taxischein hat, kann sich aus fünf Jobangeboten das beste aussuchen.

Wie kann die Rechnung aufgehen?

Sie geht ja nicht auf. Aber die Firmen müssen die Rechnung auch nicht bezahlen.

Wieso?

Weil die Kutscher nach ihrem Umsatz bezahlt werden. Das heißt, wenn ich drei Stunden rumstehe, kriege ich auch nichts. Das Auto braucht nicht mal Sprit.

In anderen Städten wird die Zahl der Konzessionen beschränkt. Wäre das auch für Berlin besser?

Hier wird das über die Ortskundeprüfung geregelt, ist doch klar. Wir schreiben fast das Jahr 20 nach Erfindung des mobilen Navigationssystems. Da kann die Ortskundeprüfung doch nur noch den Sinn haben, den Taximarkt unter Kontrolle zu halten. Es ist jedenfalls auffällig, dass manchmal für einen großen Zeitraum gar keiner die Prüfung besteht, und dann wieder ein Schwung durchkommt.

Genügt das als Regularium?

Man sollte es schon dem Markt überlassen, wie viel Taxis unterwegs sein können. Aber die meisten Taxifahrer fänden es gut, wenn sie selbst mehr kontrolliert werden würden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Schwarzarbeit blüht und etliche ohne Schein fahren. Ich bin noch nie nach meinem P-Schein gefragt worden. Von keiner Behörde und von einem Fahrgast sowieso nicht.

Was schätzen Sie, wie viele Schwarztaxis unterwegs sind?

Keine Ahnung. Auf jeden Fall gibt es Tausende Touren, die in keiner Abrechnung auftauchen.

Ist Taxifahrer Ihr Traumberuf?

Definitiv. Ich kann arbeiten, wann ich will. Ich treffe nette und interessante Leute und bekomme dafür dann noch’n Zehner. Dass ich mich über einen Fahrgast ärgere, kommt ein bis zwei Mal im Monat vor. Das ist okay. In anderen Berufen haben das die meisten schon am Montagmorgen hinter sich, wenn sie ihrem Chef begegnet sind.

Wie ist eigentlich der ideale Fahrgast?

Nett und großzügig.

Wenn Sie nicht fremde Menschen durch die Stadt chauffieren, schreiben Sie über ihre nächtlichen Erlebnisse. Warum tun Sie das?

Aus Freude am Schreiben, auf der Suche nach Anerkennung und, um weniger fahren zu müssen.

Der Internet-Blog bringt was ein?

Ein bisschen kommt aus der Werbung. Vor allem aber schustern mir meine Leser oft lukrative Touren zu. Das zahlt sich aus. Neulich klingelte mich jemand aus Hamburg an, als er hier war. Wir waren zwei Stunden in der Stadt unterwegs. Das Taxameter lief.

Ein interessantes Marketingmodell.

Ich versuche, von dem leben zu können, was mir Spaß macht.

Aber es ist auch ein einsamer Job.

Das stimmt auch, ja.

Welchen Anteil haben die Standzeiten.

50 Prozent. Wenigstens.

Reden wir über die andere Hälfte. Macht es Spaß, in Berlin zu fahren?

Nachts schon. Aber wenn man nicht gerade morgens im Berufsverkehr von Marzahn nach Zehlendorf muss, ist das auch sonst okay. Da sind einige kleine Städte nerviger.

Wie viel Punkte haben Sie in Flensburg?

Keinen einzigen.

Weil Sie wissen, wo die Fallen stehen.

Weil ich vernünftig fahre. Den Funk habe ich eigentlich nie an.

Braucht man den Funk überhaupt noch?

Man kann unauffällig auf Überfälle hinweisen. Dafür gibt es noch keine App. Das war's dann aber auch. Die Funkzentralen haben irgendwann den Schuss nicht gehört, hielten sich für unverzichtbar und streuten gerne viel Schlechtes über die Apps. Das war als Reaktion ziemlich armselig.

Was ist für Sie die bessere Nachricht? Dass in den nächsten vier bis fünf Jahren in Berlin über 40 neue Hotels entstehen sollen oder dann voraussichtlich die S-Bahn wieder immer zuverlässig fahren wird?

Die Hotel-Meldung. Logisch.

Sie freuen sich, wenn die S-Bahn ausfällt?

Jeder Taxi-Fahrer feiert, wenn es die S-Bahn mal wieder nicht gebacken kriegt. Gerade als das Chaos vor gut drei Jahren begann, waren das goldene Zeiten für uns.

Dafür vermiesen Ihnen jetzt Carsharing-Anbieter das Geschäft, oder?

Quatsch. Ich merke davon jedenfalls nicht. Vielleicht sind die Leute, die das nutzen, früher auch nicht mit dem Taxi gefahren, oder es sind ein paar Tausend Touristen mehr in die Stadt gekommen und haben das ausgeglichen. Allerdings hat Carsharing für uns auch einen entscheidenden Vorteil: Die Leute müssen selber fahren, was 70 Prozent meiner Fahrgäste definitiv nicht können. Manchmal können sie nicht mal mehr laufen.

Und die Limousinen-Dienste?

Ist auch keine Konkurrenz. Berliner Taxis haben etwa 100.000 Fahraufträge pro Tag. Blacklane hat als größter Limousinen-Serviceanbieter rund 150 Fahrzeuge unter Vertrag. Wenn jedes zehn Fahrten am Tag macht, nehmen die uns eineinhalb Prozent der Aufträge. Geschenkt.

Aber es sind die lukrativen Fahrten vom und zum Airport.

Richtig, aber es gibt auch etliche Taxifahrer, die Stammkunden haben.

Was hielten Sie von einer Preisfreigabe?

Nichts, und den Kunden würde es auch nicht gefallen. Silvester würden die Preise nach oben gehen, weil die Nachfrage steigt. Ich könnte dann eine kurze Fünf-Euro-Tour ablehnen, auf die ich keine Lust habe, wenn ich zwei Stunden am Bahnhof gewartet habe.

Solche Kurztouren werden auch jetzt gern mal abgelehnt.

Das ist 'ne Sauerei. Jeder hat mal Pech und darf auch enttäuscht sein. Aber lange Wartezeit ist in unserer Branche nun mal keine Garantie für eine 30-Euro-Tour. Was lange währt, muss bei uns nicht gut werden.

Was taugen Restaurant-Tipps von Taxifahrern?

Wenn einer Ahnung hat, ist das hilfreich. Allerdings legt die Einkommenssituation des durchschnittlichen Taxifahrers die Vermutung nahe, dass dessen Erfahrungen mit ausgesuchter Küche begrenzt sind. Skepsis ist also angebracht. Dennoch kann man dem mehr trauen als den Bordell-Tipps.

Warum?

Weil nicht wenige Bordelle gut dafür bezahlen, wenn Taxifahrer ihnen Kundschaft bringen. Wer da mit einem vollen Auto vorfährt, bekommt schon mal den kompletten Schichtumsatz bar auf die Hand. Die Tipps sind in erster Linie für den Kutscher lukrativ.

Dann ist der Ortsunkundige also doch im Nachteil.

Nur, wenn er ins Bordell will.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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