Die Idee klingt vollkommen irrsinnig: Ein Kanu aus Beton zu gießen und mit so einem Gewichtsungetüm bei einer Regatta anzutreten. Der beste Weg, baden zu gehen, bevor man überhaupt die Startlinie überquert. Gelächter und Spott des Publikums inklusive. Möchte man meinen. Im Keller der Fakultät für Bauingenieurwesen der Technischen Universität (TU) wird man eines Besseren belehrt.

Im Untergeschoss eines früheren AEG-Gebäude am Humboldthain stehen Studenten und junge Wissenschaftler an einem großen Trog, in dem sie Zement mit Wasser verrühren. Es ist ein wichtiger Moment. „Wir wollen heute die richtige Betonmischung für unser Boot finden“, sagt Hannes Mielke, der im 6. Semester Bauingenieurwesen studiert. Das Boot soll ein Kanu werden, mit dem wollen Mielke und etwa 40 weitere TU-Studenten am 23. Juni bei der 14. Deutschen Betonkanu-Regatta in Nürnberg antreten. Die Berliner rechnen sich gute Chancen aus, zumindest bei der Wertung der leichtesten Boote auf den ersten Plätzen zu landen.

Geringere Dichte als Wasser

Beton und „leicht“ – ist das nicht ein Widerspruch? Henning von Daake, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät, zeigt auf einen grauen pflastersteingroßen Würfel, der in einem Wasserbecken schwimmt – an der Oberfläche. „Das ist Infraleichtbeton“, sagt er. „Der Würfel schwimmt da seit drei Stunden aber geht nicht unter.“ Und tatsächlich: Drückt man den Würfel unter Wasser, taucht er sofort wieder auf, ähnlich wie ein Stück Styropor. Der Betonwürfel ist ein Prototyp für das Material, aus dem das Kanu gegossen werden soll. „Die Idee ist, ein Material zu entwickeln, das allein schwimmt“, sagt von Daake. Auch ein Boot aus normalem Beton sei schwimmfähig. Allerdings aufgrund seiner Form und nicht wegen des Materials.

Auf einer Tafel am Ende des Raumes hat jemand mit Kreide Formeln für die physikalische Dichteberechnung geschrieben. Das Ziel der Studenten ist es, eine Betonmischung mit einer Dichte kleiner als eins zu finden. Das entspricht der Dichte kalten Wassers. Bei normalem Beton ist sie um das Zweieinhalbfache größer – er geht im Wasser also sofort unter. Deshalb mischen sie leichtes Ton-Granulat und Holzspäne in den Zement. Die Konsistenz der grauen Masse in der Mischmaschine erinnert an Schlagsahne.

Die Tests zeigen, dass das Rezept stimmt, der Bootsrumpf kann gegossen werden. Er wird aus zwei Schichten bestehen: innen der Infraleichtbeton als Auftriebskörper, außen eine dünne Lage schweren Betons, für die Stabilität. „Wir haben drei Monate gebraucht, um die richtige Abstimmung zu finden“, sagt Baustoffprüfer und Laborleiter Heiko Bartl.

Weniger als 180 Kilogramm

Eine Etage höher steht schon die Schalung für das Kanu bereit – in der Peter-Behrens-Halle, wo die AEG früher Generatoren herstellte. Nebenan lagern für Materialtests der TU-Wissenschaftler Rotorblätter einer Windkraftanlage und eine Fußgängerbrücke aus Karbonfaser. Die Rumpfschalung haben Hannes Mielke und die anderen Studenten selbst gebaut. Auch Form und Design haben sie entwickelt. „Die Wandstärke muss möglichst dünn sein. Das Boot soll am Ende nicht mehr als 180 Kilo wiegen“, sagt Mielke. Gefahren wird es von zwei Personen, die bei dem Gewicht gehörig zu tun haben werden.

Für die ausgefallene Regatta in Nürnberg haben sich dieses Jahr 117 Teams von Universitäten aus ganz Deutschland und den Niederlanden angemeldet. Rund 70 Kanus werden ins Rennen geschickt. Veranstalter ist die Deutsche Zement- und Betonindustrie. Für sie ist das Spektakel auch Werbung, eine Art Leistungsschau der besten Materialien.

Den TU-Studenten geht es nicht nur darum, am Ende als erste im Ziel zu sein. „Unser Boot wird wohl nicht das Schnellste sein“, sagt Henning von Daake freimütig. „Da waren die Holländer zuletzt immer vorn.“ Dafür sei das TU-Kanu von der Materialtechnik her einzigartig. „Nicht alle entwickeln Beton mit einer Dichte unter eins“, sagt er. Konstruktionsidee, Verarbeitung und Bootsform gehen auch in die Wertung mit ein. Sogar der Bootsname. „Berliner Luft“ haben die Studenten ihr Kanu genannt. Wenn das mal keine Punkte bringt.