Tegel-Offenhaltung: Das Volksbegehren war die Stunde der Egoisten

Der Flughafen Tegel soll also offen bleiben. Dafür sind zumindest jene Menschen, die im Rahmen des Volksbegehrens „Berlin braucht Tegel“ unterschrieben haben. Mehr als 200.000 Menschen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn im Herbst auch ein Volksentscheid zum Flughafen eine solide Mehrheit finden würde. Und dann? Was passiert dann?

Ich denke, wir sollten die Gelegenheit nutzen und auch gleich über eine Wiedereröffnung von Tempelhof abstimmen lassen. Das wäre jedenfalls konsequent. Der Lärm würde dann nahezu gleichmäßig über die ganze Stadt verteilt. Jeder hätte seinen Flughafen der Herzen gleich um die Ecke, und in Tempelhof gibt es sogar einen U-Bahn-Anschluss. Sie glauben, ich scherze? Stimmt. Ich wünsche mir das nicht wirklich. Aber es geht in der Flughafen-Standort-Frage ja auch schon seit langem nicht mehr um Sinnfragen.

Was die Stadt braucht

Die Debatte um das Öffnen und Schließen der Flughäfen in Berlin war noch nie sachlich. Nie ging es um die Frage, was Berlin wirklich braucht. Die Motive, auf deren Grundlage Menschen sich äußern sind rein egoistisch, bis hin zur Abgeordnetenhaus-Partei FDP, die vollkommen durchschaubar aus wahltaktischen Gründen diese Debatte voran treibt.

Ich bin aus ganz egoistischen Motiven für eine Schließung des Flughafens Tegel. Ich wohne im äußersten Westen der Stadt, dort, wo die Stadt endet und Brandenburg beginnt. Flugzeuge, die in Tegel starten und landen, fliegen direkt über mein Haus. Ich habe es zu einem Zeitpunkt gekauft, als gerichtsfest überprüft war, dass Tegel geschlossen werden wird. Dies war ein wesentlicher Punkt für die Kaufentscheidung. Sollte das, aus welchen Gründen auch immer, nicht eintreten, werde ich meine Klagemöglichkeiten prüfen. Wenn ich mich zum Flughafen äußere, schwingt also dabei immer mit, dass ich den Fluglärm lieber heute als morgen loswerden würde.

Eigene Bequemlichkeit ist kein Argument

So geht es auch anderen. Dem SPD-Abgeordneten Robert Schaddach zum Beispiel. Er hat sich schon einigen Ärger eingehandelt, weil er sich dafür ausgesprochen hatte, über einen Weiterbetrieb Tegels zumindest nachzudenken. Damit weicht er von der Parteilinie ab. Er begründet sein öffentliches Nachdenken mit der Vermutung, dass die Kapazitäten am BER nicht ausreichen könnten. Schaddach kommt aus Grünau und vertritt im Parlament die Interessen südöstlicher Ortsteile. Ein Gebiet also, das vom Fluglärm des neuen Hauptstadtflughafens massiv betroffen sein wird. Ich finde es vollkommen verständlich, dass er Tegel gern offen halten würde. Vielleicht bekäme der Südosten dann etwas weniger Lärm ab. Mir gefällt allerdings nicht, dass er diese Motivation nicht offenlegt, sondern mit Kapazitätsengpässen argumentiert.

Ausgesprochen egoistisch sind auch die Motive jener Berliner, die den Flughafen Tegel so lieben, weil er gleich um die Ecke von ihrem Wohnort ist. Ja, es ist bequem, von dort zu fliegen. Das geht mir auch so. Ich fahre mit dem eigenen Auto in wenigen Minuten dort hin, stelle es vollkommen legal und kostenlos im Straßenland ab und nach drei Wochen Strandurlaub lade ich die Koffer einfach wieder ein und bin im Handumdrehen zu Hause. Nach Schönefeld dauert die Anreise über eine Stunde. Und Parken kostet pro Woche 70 Euro. Aber ernsthaft, ist das ein Argument? Dafür, dass ich bequem in den Strandurlaub komme, sollen andere den Fluglärm aushalten?

Ein Relikt aus der guten alten Zeit

Gern wird in dieser Debatte auch das Argument bemüht, Schönefeld sei sowieso der falsche Standort. Genau wie bei Tegel seien dort tausende Menschen von Fluglärm betroffen. Vielleicht ist es wirklich der falsche Standort. Natürlich hätte man in Sperenberg weniger Menschen belästigt. Die Entscheidung wurde aber im Jahr 1996 getroffen.

Jetzt ist der neue Flughafen fast fertig. Mir ist auch unklar, warum die Erkenntnis, dass mit dem BER in Schönefeld viele Menschen unter Lärm leiden müssen, für den Weiterbetrieb von Tegel spricht. Damit es gerecht zugeht? Lärm für Alle? Leiden für Alle?

Es ist erschreckend, wie wenig es noch sachlich zugeht. Wer sich zu Wort meldet, verspricht sich entweder einen Vorteil davon oder führt Gefühle ins Feld. Denn es gibt ja auch noch die Liebe zum Flughafen. Tegel fanden die West-Berliner zu West-Berliner Zeiten ja doch eher spießig. Ein monumentaler Bau, die Ästhetik eher dem Zeitgeist geschuldet, als wirklich schön. Jetzt aber lieben ihn manche regelrecht. Aus nostalgischen Gründen. Gefühlt war dieser Flughafen schon immer da, zuverlässig, überschaubar. Er ist ein Relikt aus der guten alten Zeit. Vollkommen egal, was dort alles nicht funktioniert und vielleicht auch noch nie richtig funktioniert hat.

Was die Stadt fühlt

Eine Entscheidung pro Tegel aus Gefühlsgründen würde in die Zeit passen. Nein, es würde mich nicht wundern, wenn ein Volksentscheid zugunsten von Tegel ausgeht.

Bei mir hat diese Debatte über die Jahre einen Vertrauensverlust bewirkt. Ich glaube heute nicht mehr, dass eine Entscheidung auch eine Entscheidung bleibt. Egal was Gesetze, Verordnungen und Gerichte bestimmen, irgendjemand wird eine Möglichkeit finden, die Sache noch zu drehen. Das wird dann der eigentliche Schaden sein, sollte es so weit kommen. Denn dann könnte man sich wirklich auf gar nichts mehr verlassen. Vielleicht sollte die Landesregierung auch über dieses Gefühl mal nachdenken.