Seit zehn Jahren existiert das Café Seestraße am Hultschiner Damm in Mahlsdorf. „Eine Goldgrube“, sagt Inhaber Martin Jaenichen. Das große Problem: Er und sein Bruder Robert, die in Köpenick auch noch eine Bäckerei betreiben, finden kein Personal mehr für das Café. Deshalb soll es nun geschlossen werden.

Seit Anfang Juni sind die Öffnungszeiten bereits drastisch gekürzt, nur noch von Freitag bis Sonntag hat das Café geöffnet. „Im August können wir wegen Personalmangels und Urlaubs überhaupt nicht öffnen“, sagt Martin Jaenichen. Jungen Leuten sei oft der Weg zur Arbeitsstelle zu weit, und ein Job in der Gastronomie sei ihnen generell zu stressig.

Mindestens zwei Verkäufer und einen Konditor bräuchten die Jaenichens, um das beliebte Café mit seinen 90 Plätzen wieder zu eröffnen. Die Anforderungen an seine neuen Kollegen hat der leidenschaftliche Bäcker weit heruntergeschraubt. „Sie müssen sich halbwegs mit der Kundschaft verständigen können und pünktlich zur Arbeit kommen. Mehr erwarte ich nicht.“ Auch bezahlt Jaenichen mehr als den Mindestlohn. Neun Euro pro Stunde beträgt der Anfangslohn, später sind es zehn. Das Trinkgeld dürfen die Verkäufer behalten.

Dass Fachkräfte in der Gastronomie fehlen, ist nicht neu. Seit Jahren klagt die Branche über nicht besetzte Ausbildungsplätze. Allerdings geht es nicht nur um gut ausgebildetes Fachpersonal. Aushilfe halten insbesondere in der Hotellerie oder im Einzelhandel so manches Unternehmen am Laufen. In weniger zentral gelegenen Bezirken der Stadt haben es die Firmen allerdings schwerer, die Jobs zu besetzen als in der Innenstadt.

Jobangebote aufs Handy

Bei der Firma Zenjob in der Rosenthaler Straße in Mitte weiß man sehr genau, was auf dem Berliner Nebenjob-Markt geschieht. Das erst im vergangenen Jahr gegründete Unternehmen vermittelt Aushilfsjobs in der Region. Inzwischen hat Zenjob rund 400 Firmen in der Kundenkartei.

Kamps-Bäckereien gehören ebenso dazu wie Hotels von Sheraton und Best Western. Allein in Berlin vergibt das Unternehmen täglich 1 500 Aushilfsjobs. Es geht um Arbeiten in Restaurants, Supermarkt-Ketten oder Lagern. Vermittelt werden die Arbeitsangebote per Smartphone-App. Wer einen Nebenjob sucht, registriert sich bei Zenjob und bekommt die Offerten direkt auf sein Handy. Wer zuerst reagiert, hat den Job.

Dass solche am Stadtrand schwerer zu vermitteln sind als im Zentrum, kann Firmenchef und -gründer Fritz Trott auf dem Computer ablesen. Während ein Angebot in Kreuzberg oder Mitte meist in weniger als einer Stunde vergeben ist, vergehen in Marzahn oder Niederschöneweide schon mal fünf Stunden und mehr. Nicht selten könnten Jobs gar nicht vergeben werden, sagt Trott.

Die Lage ist alles

„Letztlich ist die Lage alles“, so der 34-Jährige. Nach seiner Einschätzung ist der Ort oft wichtiger als die Arbeitszeit. Wenn ein Job bis Mitternacht geht, man dort dann auch noch schlecht wegkommt, kann das ein Ausschlussgrund sein. An der Bezahlung liegt es dagegen offenbar nicht. „Wir zahlen immer mindestens zehn Euro pro Stunde“, so Trott.

Auch der Biesdorfer CDU-Abgeordnete und frühere Wirtschaftsstadtrat Christian Gräff weiß von den Schwierigkeiten vieler Unternehmen im Außenbezirk. „In Marzahn-Hellersdorf fehlen nicht nur Fachkräfte, sondern allgemein Arbeitskräfte“, sagte er der Berliner Zeitung. Der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), sagte, dass die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt in gewissem Maß Abhilfe schaffen könne. „Das hilft ihnen auch, schneller die Sprache zu erlernen.“

Bei der Arbeitsagentur zeichnet man ein differenziertes Bild der Lage. Zwar sei die Zahl der offenen Stellen im Einzelhandel und in der Hotellerie im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Allerdings sei die Zahl der Arbeitslosen, die diesen Berufen zugeordnet werden könnten, immer noch deutlich höher. Einen Engpass gebe es in diesen Branchen noch nicht, sagte ein Sprecher der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. In Bereichen wie der Pflege sei der Mangel an Arbeitskräften deutlich gravierender.