Berlin - Die Lichterketten in den Straßen der Stadt leuchten hell, die Fenster sind festlich dekoriert. Mit jedem Tag steigt die Vorfreude auf Weihnachten. Doch besonders für viele ältere Menschen in Berlin ist der Gedanke an das bevorstehende Fest quälend, weil sie einsam sind. Die Telefonhotline „Silbernetz“ will ihnen helfen und in dieser Zeit rund um die Uhr für sie da sein.

„Viele fallen in der Weihnachtszeit in ein tiefes Loch, weil die Tage bis zum Jahresende von Gemütlichkeit und Geselligkeit geprägt sind. Sie spüren das Gefühl der Einsamkeit dann umso mehr“, sagt Elke Schilling. Die 74-Jährige hat das Hilfsprojekt ins Leben gerufen, um genau diese Zielgruppe zu erreichen und zu unterstützen. Seit Ende September ist das Telefon von 8 bis 20 Uhr besetzt. In der Weihnachtszeit, von Heiligabend bis Neujahr, sogar rund um die Uhr. Finanziert wird Silbernetz vor allem durch Spenden. Träger ist der Humanistische Verband Deutschland.

Ein Anruf erreicht die Zentrale an der Wollankstraße im Stadtteil Gesundbrunnen an einem verregneten grauen Dezembermorgen. „Können Sie mir sagen, wo ich in Berlin hingehen kann, um andere Menschen zu treffen? Ich lebe in Mitte“, sagt eine ältere Dame. Peter T.* blättert in einer Liste und nennt der Anruferin ein paar Anlaufstellen. „Leben Sie ganz allein in ihrer Wohnung?“, fragt er.

Idee stammt aus Großbritannien 

Peter T. spricht mit ruhiger Stimme und hört aufmerksam zu. Er ist 38 Jahre alt, ausgebildeter Fotograf und kümmert sich bei Silbernetz überwiegend um Social Media. In der Vorweihnachtszeit hilft er auch am Telefon aus.

Fünf fest angestellte und 23 ehrenamtliche Mitarbeiter stehen zur Verfügung, um sich die Sorgen und Nöte der Anrufer an den Festtagen und zwischen den Jahren anzuhören. 

Die Idee der Senioren-Hotline stammt aus Großbritannien. Das dortige Projekt „The Silver Line“ ließ Elke Schilling nach einer Recherche im Internet nicht mehr los. „Die sind in einem Einzugsgebiet in Manchester mit 370.000 Menschen gestartet und nun in ganz Großbritannien für einsame Senioren erreichbar. Bis zu 1500 Anrufe gehen dort täglich ein“, sagt sie.

Das Thema Einsamkeit ist ihr oft begegnet, als sie die letzten sieben Jahre als Seniorenvertreterin in Mitte aktiv war. Doch den Stein ins Rollen gebracht, wie sie sagt, hatte ein Erlebnis, das sie bis heute nicht los lässt. Ihr Nachbar lag drei Monate tot in seiner Wohnung. Ihr fiel auf, dass ein Werbeprospekt zwei Wochen an seiner Tür hing. Schon Monate vorher hatte Schilling bemerkt, dass er Probleme hat und ihm Hilfe angeboten. Er lehnte aber ab. „Dass jemand so allein ist, so etwas darf nicht sein“, sagt sie energisch.

Bis zu 15 Anrufe am Tag gehen ein 

Solche Schicksale wie das ihres Nachbarn sind in der Großstadt keine Seltenheit. Beinahe jede zweite Frau, die älter als 65 ist, lebt nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes allein in Berlin. 2017 wohnten in Deutschland 45 Prozent aller Seniorinnen ohne Partner in einem eigenen Haushalt. Bei den Männern in der gleiche Altersgruppe sind es nur 20 Prozent.

Genau diese Menschen will Schilling mit Silbernetz erreichen. Bis zu 15 Anrufe pro Tag gehen in der Adventszeit in den frisch renovierten Räumen in der Zentrale nahe des S-Bahnhofs Wollankstraße ein. Im Schnitt dauern die Gespräche etwa 20 Minuten, manchmal auch länger. Wer möchte, kann sich auf Wunsch auch an einen festen Ansprechpartner vermitteln lassen. Bisher sind nach Aussagen von Schilling schon 15 solcher Verbindungen zu Ehrenamtlichen entstanden. Sie nennt sie Freundschaften.

Ihre Mitarbeiter werden zuvor alle in einem zweitägigen Seminar ausgebildet. Dort lernen sie, wie man ein „empathisches Gespräch führt“ und „wie man Menschen ermutigt, Dinge über sich preis zu geben, die sie zuvor noch niemanden erzählen konnten, weil sie niemanden mehr haben.“

Die Anrufe unterscheiden sich meistens von denen der Telefonseelsorge, wo Schilling selbst vor 12 Jahren noch mitgearbeitet hat.

„Niemand spricht gern an, dass er einsam ist“

„Unser Angebot viel niedrigschwelliger“, sagt sie. Da könne es auch schon mal vorkommen, dass jemand anruft und fragt, wo er einen Schrank bestellen kann. Doch oft verbirgt sich mehr hinter solchen Anrufen, weiß die Expertin, denn Einsamkeit ist in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabu. „Niemand spricht gern an, dass er einsam ist“, sagt sie. Dabei sei genau das so ungeheuer wichtig.

Die eigene Bedürftigkeit auszudrücken, ein erster entscheidender Schritt, um der Einsamkeit zu entkommen. Aus Einsamkeit sind auch Mitarbeiter ans Silber-Telefon gekommen. „Eine Kollegin wurde am Heiligabend von ihrer Freundin versetzt. In diesem Jahr arbeitet sie Weihnachten bei uns mit“, sagt Schilling.

Ihr Herzensprojekt beschäftigt die alleinstehende, inzwischen fünffache Großmutter, fast rund um die Uhr. Das Schönste ist, so sagt sie, „wenn ein Anrufer das Gespräch mit einem Lachen beendet.“

*Name geändert.