„Und wie geht es euch so?“ Die Frage dehnt mein Herz zu einem Ballon. Echtes Interesse klingt in der hellen Stimme, Heiterkeit und blanke Freude am Fragenstellen. Das Kind lungert seit einer Stunde in seinem Sitzsack herum und telefoniert mit seiner Oma. Digitales wird erörtert und die Vorzüge von weißer respektive dunkler Schokoladensoße auf Eisbechern. Man berichtet einander von den Erlebnissen der Feiertage und der Zeit zwischen den Jahren, wie anders es dieses Mal war, ohne Schwere, sachlich. Zwischendurch herrscht lange Stille, denn auch die Großmutter erzählt gerne. Nachdem die beiden das Telefonat beendet haben, stellt das Kind den Hörer auf seinen Schreibtisch. Dort steht er wie ein kleiner Leuchtturm. Fähig, Licht zu senden in dunkler Zeit.

Auch mir sind die abendlichen Telefonate mit Freundinnen und der Familie ein täglicher Blick in eine hellere Zukunft. Viele Monate scheute ich die Berührung mit den Apparaten, umkreiste sie wie ein scheues Tier, um mich letztendlich zwischen Buchseiten zusammenzurollen. Ich fürchtete das immer gleiche Thema, die neuen dröhnenden Worte, schlechte Nachrichten und Traurigkeit. Eine verständliche Furcht, doch wie froh bin ich, sie bezwungen zu haben. Die Stimmen der vertrauten Menschen sind die Musik dieser Tage und wir sind Meister geworden darin, Vokabeln zu ignorieren. Man darf ihnen keine Macht verleihen, nicht zulassen, dass sie den Verstand vergiften.

Wenn ich dann abends auf der Terrasse stehe und eine letzte Zigarette rauche, sehe ich all die erleuchteten Fenster und frage mich, was hinter den Vorhängen und Scheiben vor sich geht. Wird telefoniert? Aufgeregt? Unter Gelächter? Flüstern sich zwei Liebende Berührungen ins Ohr, auf die sie schon so lange verzichten müssen? Oder ringen sie mühsam um Nähe, welche die Distanz aufzufressen droht? Wird am Ende gestritten? Alles wirkt so friedlich. Verletzende Worte wollen nicht passen in die nächtliche Szenerie.

Wie Augen schauen die Fenster mich an. Häuseraugen. Ihre Blicke erzählen von ungezählten Stunden, die Familien in diesem Jahr zusammen verbracht haben. Familien, die sich darin eingerichtet hatten, dass die Einzelnen ihre Wege gehen. 2020 war eine Schule der Nähe, aber auch der Enge. Das schöne Setting kann die Lektüre der Berichte in der Zeitung nicht vergessen machen. „Häusliche Gewalt“. Eines von Hunderten Worten des Jahres. Dennoch glaube ich, will ich glauben, dass hinter den meisten Fenstern gespielt wird, gelacht, geliebt und gelesen, gekocht und gegessen. Gute-Nacht-Küsse landen im ganzen Bezirk auf Kinderwangen wie Insekten auf Lavendelbüschen. Mit einem leisen Klicken löschen Eltern das Licht. Sie wissen, dass der Spross gut schlafen wird. Schließlich hat er mit Oma telefoniert.