Berlin - Zuhören, einfach zuhören. Darum geht es, wenn Helga Wagner am Heiligabend zur Arbeit geht. Die 61-jährige Charlottenburgerin ist an Weihnachten für jene da, die Hilfe bitter nötig haben, während sich Familien in Festtagsstimmung vor ihren geschmückten Tannenbäumen versammeln. Seit fünf Jahren arbeitet die Rentnerin zwölf Stunden pro Monat ehrenamtlich bei der Berliner Telefonseelsorge. Seit drei Jahren legt sie ihren Dienst auch auf den 24. Dezember – ganz bewusst. Weihnachten versteht sie vor allem als ein Fest des „sozialen Ausgleichs“, sagt sie.

An Weihnachten ist die Einsamkeit intensiver

Heiligabend ist nicht nur ein Tag der Freude und der Familie, es ist auch der Tag der Einsamen. Menschen wie Helga Wagner sind für sie besonders wichtig. Viele Engagierte in Berlin arbeiten freiwillig und unentgeltlich an den Weihnachtsfeiertagen. Sie helfen in Notunterkünften für Obdachlose, organisieren Weihnachtsfeiern für Alleinstehende oder schmieren Brote in der Bahnhofsmission.

Helga Wagner und ihre 150 Kollegen beim Verein Telefonseelsorge Berlin geben Menschen Halt, die oft besonders verzweifelt sind, keinen Ausweg aus ihren Depressionen wissen und manchmal sogar über Selbstmordgedanken sprechen. Weihnachten macht es für viele schwerer, die Einsamkeit wird noch intensiver erlebt. In der Adventszeit, sagt Helga Wagner, sprächen die Anrufer vor allem über ihre Ängste angesichts des nahenden Festes. „Ich bin ganz allein, wie soll ich das überstehen?“ Diese Frage würden sich vor allem viele alte Menschen stellen. Nach Weihnachten meldeten sich dann die vielen Ernüchterten und Enttäuschten. Die Dienste vor und nach Weihnachten seien deshalb die anstrengenderen, sagt Helga Wagner.

Der Wunsch nach Einsamkeit

Die Zahl der Anrufe ist zu Weihnachten nicht größer, dafür aber deren Schweregrad, sagt sie. Die beiden Hauptgruppen der Anrufer seien Einsame und Menschen, die Probleme mit ihrem Partner haben. Oft käme dann die Angst vor einer Störung des Familienfriedens zur Sprache. Der hohe Erwartungsdruck, mit den Angehörigen ein harmonisches Fest zu feiern, löst bei vielen Menschen Stress aus.

Helga Wagner erzählt von einer Mutter Ende 60, die große Angst hatte, dass ihre Tochter sie zu Weihnachten besuchen kommt. „Spätestens am zweiten Tag würden sie sich wieder streiten, 30 Jahre lang sei das immer so gewesen, erklärte sie mir.“ In diesem Fall war es gerade die Einsamkeit, die sich die Frau wünschte.