Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat erneut eine Wohnbebauung des Tempelhofer Feldes und der Elisabeth-Aue in Pankow ins Gespräch gebracht – und damit eine Debatte über die Zukunft der riesigen Areale ausgelöst. „Diese Flächen kommen wieder“, sagte Müller am Mittwoch in der Industrie- und Handelskammer. Gegen Ende der laufenden Wahlperiode, also 2021 oder kurz danach, werde das Thema wieder eine Rolle spielen. „Die Diskussion beginnt wieder, weil der Druck wächst“, verwies Müller darauf, dass die Einwohnerzahl Berlins weiter steigt. 

Vor vier Jahren hatte ein Volksentscheid die Baupläne des Senats für das frühere Flughafengelände in Tempelhof gestoppt. Müller bekannte am Mittwoch: „Der Fehler war, dass wir zu viel wollten.“ Außer 4700 Wohnungen sollten damals Gewerbeflächen sowie ein Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek entstehen. Und auch die Pläne für den Bau von 5000 Wohnungen auf der Elisabeth-Aue waren in den rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen 2016 auf Eis gelegt worden. 

Müller hatte eine Bebauung des Tempelhofer Feldes immer wieder angesprochen. Erst im April bezeichnete er Tempelhof als Gebiet, das man für die Stadtentwicklung nicht aufgeben kann – und war damit auf Protest bei der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld gestoßen, die den Volksentscheid initiiert hatte.

Widerspruch der Initiative

Der Widerspruch zu Müllers jüngsten Äußerungen ließ nicht lange auf sich warten. Dass das Tempelhofer Feld nicht bebaut werden soll, sei „die Entscheidung von fast 740.000 Berlinerinnen und Berlinern“, gewesen, „die im Mai 2014“ für das Gesetz zum Erhalt des Areals gestimmt haben, sagte Michael Schneidewind, Vorstandsmitglied der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld. Die Entscheidung für den Erhalt des Feldes sei gefallen, „nicht, um es 2021 wieder für die Bebauung freizugeben, sondern um es für alle Zeiten als einzigartigen Ort für die Stadt, ihre Geschichte und ihre Bevölkerung zu sichern“, so Schneidewind.

„Der Regierende Bürgermeister Müller sollte mit der von ihm immer schon propagierten Bebauung des Tempelhofer Feldes nicht davon ablenken, dass das denkmalgeschützte Flughafengebäude einen Sanierungsstau von mehreren Hundert Millionen Euro hat und damit auch nach wie vor nicht wirtschaftlich vermietbar ist“, kritisierte Schneidewind. Deshalb sei es wichtiger, die Kraft Berlins auf das denkmalgeschützte Flughafengebäude zu konzentrieren und es besser mit seinem Umfeld zu vernetzen.

Koalitionspartner äußern sich zurückhaltend

Der Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Tilmann Heuser, sagte, das Tempelhofer Feld sei einer der „zentralen identitätsstiftenden Orte der Stadt“. Wer es nur als Bauland betrachte, der verstehe die Bedeutung des Feldes mit seinem Freiraumcharakter nicht. Die Landesregierung sollte ihre Kraft besser darauf verwenden, die bereits geplanten neuen Stadtquartiere zu realisieren. Außerdem sollte überlegt werden, ob dort, wo bisher Ein- und Zweifamilienhäuser geplant sind, nicht besser Mehrfamilienhäuser entstehen sollten.

Die Koalitionspartner der SPD – Linke und Grüne – äußerten sich zurückhaltend bis distanziert. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagte: „Das Tempelhofgesetz schließt eine Bebauung klar aus.“ Diese ließe sich nur durch einen Volksentscheid oder einen Parlamentsbeschluss ändern. Im Fall der Elisabeth-Aue habe sich die Koalition darauf verständigt, „dass die Bebauung des Gebietes in dieser Legislaturperiode nicht weiter verfolgt“ werde. Als Wohnungsbau-Potenzialstandort bleibe das Gebiet jedoch bestehen, sagte Lompscher.

Opposition unterstützt Müller

Ähnlich äußerte sich die Fraktionschefin der Grünen, Antje Kapek: „Wieder einmal wird die Debatte um eine mögliche Bebauung des Tempelhofer Feldes aus der Mottenkiste geholt“, sagte sie. „Dabei ist es ganz einfach: Wer eine Bebauung will, muss ein Volksbegehren pro Bebauung starten und gewinnen.“ Bis dahin gelte das Volksgesetz, das die Freifläche sichere.

Unterstützung bekommt Müller dagegen von der Opposition. Der CDU-Abgeordnete Christian Gräff sagte: „Wir müssen über eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes diskutieren, unbedingt.“ Das gelte auch für die Elisabeth-Aue. „Ich traue diesem Senat und diesem Regierenden Bürgermeister diesen Mut aber nicht mehr zu“, so Gräff.

„Warum auch erst nach 2021? Der Wohnungsmarkt verschärft sich spürbar, wir dürfen nicht noch mehr Zeit verlieren.“ Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) erklärte: „Angesichts der sich zuspitzenden Baulandknappheit in Berlin wäre es wichtig, dass der Senat als Ganzes das Thema Tempelhofer Feld und Elisabeth-Aue aktiv voranbringt.“ Entwicklungen in der Stadtgesellschaft brauchten ihre Zeit. „Umso notwendiger ist es, den Dialog dazu frühzeitig zu suchen“, so BBU-Sprecher David Eberhart.

Berlin fehlen Flächen

Flächen sind in Berlin knapp. Bis zum Jahr 2030 müssen rund 194.000 Wohnungen errichtet werden, um den Bedarf der wachsenden Stadt abzudecken. Doch bisher gibt es nur Flächen für 179.000 Wohnungen. Es fehlen also rein rechnerisch Areale für 15.000 Wohnungen. Tatsächlich sind es noch sehr viel mehr, weil nicht jedes bebaubare Grundstück wirklich bebaut wird. Sollte der Flugbetrieb in Tegel fortgesetzt werden, wie es die Mehrheit der Berliner per Volksentscheid gefordert hat, gingen der Stadt sogar noch Flächen für 5000 Wohnungen auf dem Airportareal verloren.

In Anbetracht des knappen Baulandes will die rot-rot-grüne Koalition die vorhandenen Flächen optimal nutzen. So sollen Baulücken geschlossen, Dächer aufgestockt und Supermärkte mit Wohnungen überbaut werden.

Am Mittwoch trafen sich Vertreter der Wirtschaft, der Bezirke und des Senats zum zweiten Supermarktgipfel. Dabei tauschten sie sich über Beispiele einer Überbauung aus. „Die mehrgeschossige Grundstückausnutzung oberhalb von Läden ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, sagte Stadtentwicklungssenatorin Lompscher. „Für die wachsende Stadt wird Platz für neue Wohnungen, Büroflächen, Praxen und soziale Einrichtungen geschaffen, und für die Unternehmen entstehen langfristig stabile Standorte.“ Nach Angaben der Stadtentwicklungsbehörde ist derzeit die Überbauung von 20 Märkten konkret geplant. Darüber hinaus könnten eventuell 70 weitere Vorhaben umgesetzt werden. (mit dpa)