Berlin - Begonnen hat alles hat mit dem Seminar „Tempelhof: Das Feld“ im Sommersemester 2013. Damals bot Wolfgang Kaschuba, Direktor am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität (HU) Berlin, seinen Master-Studenten ein eher ungewöhnliches Studienprojekt an. Die Studenten sollten trainieren, was zum Handwerkszeug eines jeden Ethnologen gehört: Feldforschung – in zwar in diesem Fall ganz buchstäblich, an einem realen Feld mitten in der Stadt.

Zwölf angehende Kulturwissenschaftler zogen einmal wöchentlich aufs Tempelhofer Feld. Sie beobachteten die rasenden Kite-Surfer, Jogger und Griller. Sie kamen mit urbanen Gärtnern ins Gespräch. Während sie Eindrücke und Informationen sammelten, betrachteten sie das Feld als einen symbolischen Ort. Denn das Tempelhofer Feld lässt sich nicht nur als Brache mit den Ausmaßen von 355 Hektar beschreiben. Vielmehr beflügelt es die Vorstellungskraft seiner Besucher mit der Vokabel Freiheit. Die Weite des Felds erlaubt einen unverstellten Blick.

Das Motto „Tempelhofer Freiheit“, erklärt Kaschuba, vermarkte sich überaus erfolgreich. Und es beweise im „internationalen Wettkampf um die Ströme von Kapital und Touristen“ viel Magnetkraft.

Freiheit, aber nicht für alle

Allerdings stellte das Ethnologen-Team schnell fest, dass die imaginierte Freiheit nicht für alle gilt. Alte Menschen und Frauen mit Kinderwagen besuchen das Tempelhofer Feld nicht, weil es dort weder Bänke zum Ausruhen noch Schatten gibt. „Auf dem Feld trifft sich nur eine bestimmte Szene“, moniert der Stadtforscher Kaschuba. „Freiheit bedeutet aber, dass es ein Angebot gibt, das für alle Menschen zugänglich ist.“

Die Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“ und der Berliner Senat könnten bei Bänken und schattenspendenden Bäumen eventuell noch einen Konsens finden. Dagegen gibt es erbitterte Kämpfe und festgefahrene Positionen, was die künftige Bebauung der Fläche betrifft. Die Kulturwissenschaftler bescheinigen den Kontrahenten eine fundamentalistische Streitkultur: Argumentiere „100 % Tempelhofer Feld“ mit der Ökologie, mit dem Lebensraum für Füchse und Vögel, so bestücke der Senat seine Werbung für die Zentralbibliothek mit ausländischen Studierenden und deklariert den Bau von Sozialwohnungen.

„Da wird moralisiert, die eigene Position als die dienlichste für das Gemeinwohl dargestellt und keine Verhandlung mit der Gegenseite akzeptiert“, sagt Kaschuba. Er plädiert für eine organisierte Debatte und verlangt von beiden Seiten Kompromissbereitschaft.

Laut Masterplan will der Senat 40 Prozent des Feldes mit Wohnungen, Gewerberäumen und einer Bibliothek bebauen. Die Bürgerinitiative hingegen möchte die Brache als Ganzes erhalten. „Bebaut man die Hälfte der Fläche, ist der Charakter des Feldes dahin. Über ein Viertel der Fläche kann man reden“, sagt Kaschuba. Das wäre ein Mittelweg. Die geplante Randbebauung stockte der Senat von vier- auf fünf- bis neunstöckige Häuser auf. Und er lässt gleichzeitig die Anzahl der Sozialwohnungen zu Gunsten von Wohnungen im oberen Preissegment schrumpfen. „Wir wissen alle, wie Politik läuft, da muss man dem Senat auf die Finger klopfen.“

Differenzierung statt Polarisierung

Der Stadtethnologe Kaschuba nimmt die Perspektiven beider Parteien ein, analysiert die einzelnen Argumente, balanciert aus und äußert sich zwiespältig: Indem die Bürgerinitiative das Feld „einfrieren“ wolle, blocke sie alle äußeren Einflüsse und Ansprüche ab. „Auf diese Weise entsteht ein Denkmal.“ Erhalte man das Tempelhofer Feld als „urbanen Urwald“, hindere es die Stadt daran, sich zu verdichten, zu wachsen und zu kapitalisieren. Es sei aber wichtig, dass der Stadtraum verbessert und aufgewertet werde. Zugleich lobt Kaschuba die Natur als Stadtkapital und freut sich, dass Berlin überhaupt solch eine Debatte führt: „In Paris oder New York würde die Fläche einen Ertrag von fünf bis zehn Milliarden für die Stadt bedeuten, weil sofort privatisiert würde.“

Kaschuba ist kein Politiker. Sein abwägendes Hin und Her polarisiert nicht, sondern es differenziert. Dem Wissenschaftler erscheint der Prozess einer Diskussion auf breiter Basis viel wichtiger als das eigentliche Resultat.

Seit einigen Jahren ist die Gentrifizierung auch in Berlin ein flächendeckendes Phänomen. Je nach Standpunkt des Betrachters geht damit die ökonomische Aufwertung der Stadtviertel oder die soziale Verdrängung von weniger vermögenden Anwohnern einher. Der Schillerkiez in direkter Nachbarschaft zum Tempelhofer Feld gilt unter Soziologen als „Brennpunkt der Gentrifizierung“. Bei seinen Exkursionen in den Schillerkiez beobachtete das Forscherteam, wie sich aus Wohnungen mit vernünftigen Mieten plötzlich Wohnungen mit Parkanschluss entwickelten und die Preise explodierten. Die Ethnologen spürten, welcher Druck auf dem Berliner Wohnungsmarkt lastet, und verstanden, wie Menschen ihre vier Wände verlieren.

Projektleiter Kaschuba untersucht seit vielen Jahren, wie städtischer Raum aufgewertet wird. „Die Spiralwirkung der Kapitalisierung lösen wir alle durch unsere Wünsche aus“, sagt er. Kaum einer gebe sich mit einem Etagenklo zufrieden, die meisten Menschen träumten von etwas Besserem, etwa einer Maisonette-Wohnung. Hinzu komme eine Mediterranisierung der Innenstädte. „Früher war es undenkbar, aber heute ist es völlig normal, dass nachmittags bis zu 300 000 Berliner mit Bier oder Coffee-to-go im Park oder am Stadtstrand sitzen.“ Die daraus resultierende Ökonomisierung ist oft unbeabsichtigt. Der 64-Jährige gibt ein Beispiel: „Wenn jemand auf dem Tempelhofer Feld eine Volksküche aufmacht, dann will er spätestens nach drei Jahren davon leben.“ Dieser Professionalisierung folge die Kapitalisierung auf dem Fuß.

Trotzdem glaubt Kaschuba nicht, dass Stadtbewohner der urbanen Ökonomisierung hilflos ausgeliefert sind. Verdrängungsprozesse hätten viel damit zu tun, wie sich die Stadtgesellschaft organisiere, sagt er. Er fordert eine aktive Zivilgesellschaft, die im Kiez hinschaut, fragt und interveniert: Was passiert mit diesem Haus? Du kannst nicht einfach jedem kündigen! Du kannst die Miete nicht um ein Vielfaches erhöhen! „Wenn das gelingt, entsteht ein urbanes Ethos, dann ist viel gewonnen.“

Aus der Sicht Kaschubas müssen die Stadtbewohner eine Balance herstellen. „Es ist unmöglich alle urbanen Veränderungen aufzuhalten, aber wir können überlegen, wo wir Grenzen setzen.“ Wie im Falle des Tempelhofer Felds. Hier haben sich zivilgesellschaftliche Kräfte organisiert, behindern die Politik des Senats und bringen ihn in Erklärungsnot. Der Stadtethnologe schwärmt: „Wenn daraus fruchtbare Debatten entstehen, können wir von einer effektiven, historisch einmaligen Stadtgesellschaft sprechen.“

Expertentum „von unten“

Die Diskussion um das Tempelhofer Feld wirft eine grundsätzliche Frage auf: Gehört der Berliner Boden allen? Ja, antwortet Kaschuba. Gerade die Idee des Gemeinguts liefere die Basis für eine engagierte Zivilgesellschaft. Er erinnert sich an ein Beispiel aus dem eigenen Kiez, wo die Berliner Wasserbetriebe zu Gunsten eines Abwasserkanals zahlreiche Bäume fällen wollten. Als die Fälltrupps eintrafen, stellten sich die Anwohner schützend vor die Bäume. Erfolgreich, denn die Trupps rückten wieder ab. Die Wasserbetriebe gruben den Abwasserkanal daraufhin mit einer Tunnelbohrmaschine. „Manchmal muss der Dialog erpresst werden“, sagt der Ethnologe.

Bemerkenswert findet Wolfgang Kaschuba, dass der Vorschlag für den Tunnel-Vortrieb von einem Anwohner kam. Das führt ihn zu einer weiteren Entdeckung der Ethnologen. Sie begegneten vielen Menschen mit Fachwissen. Kannte sich der eine mit der Feldlerche aus, konnte der nächste einen Vortrag zur Flughafengeschichte halten, Der dritte wusste alles über das einstige Konzentrationslager am Rand des Tempelhofer Feldes. „Historisch gesehen bietet die Stadt vor allem Beispiele für Expertentum von oben. Aber hier lässt sich beobachten, dass die Zivilgesellschaft Fachkompetenz von unten entwickelt.“ Solche Wissenskulturen seien stadtpolitisch etwas völlig Neues. Kaschuba ist begeistert.

Die Innenstädte von Paris, Moskau oder London, bedauert er, hätten ihre soziale und kulturelle Identität verloren. „Doch auf dem Tempelhofer Feld zeigt sich, dass die Zukunft von Berlin verhandelbar ist.“