Am kommenden Sonntag wird nicht nur das Europäische Parlament gewählt, sondern auch über die Zukunft des Tempelhofer Feldes abgestimmt. Wir haben noch einmal zusammengestellt, was man wissen sollte, bevor man am Sonntag seine Kreuzchen macht.

Was steht zur Abstimmung?
Beim Volksentscheid geht es im Kern um die Frage, ob an den Rändern des Tempelhofer Feldes gebaut werden darf oder nicht. Die "Demokratische Initiative 100% Tempelhofer Feld" hat den Volksentscheid erzwungen. Sie will per Gesetz eine Bebauung verhindern und das Feld schützen. Die Regierungskoalition von SPD und CDU will eine nicht ganz so große Fläche in der Mitte des Feldes bewahren und eine Randbebauung möglich machen. Um den Bebauungsgegnern etwas entgegenzusetzen, stellen SPD und CDU beim Volksentscheid einen eigenen Gesetzentwurf zur Abstimmung.

Welche Flächen sollen bebaut werden?

Eine rund 230 Hektar große Freifläche in der Mitte des Tempelhofer Feldes soll nach Plänen von SPD und CDU gesetzlich als Freifläche geschützt werden. Die übrigen Flächen am Rand, etwa 70 Hektar, sollen bebaut werden können.

Was soll nach Senatsplänen entstehen?

Der Gesetzentwurf von SPD und CDU sieht "an den äußeren Rändern der großen Freifläche" eine "behutsame Entwicklung für Wohnen, Wirtschaft sowie Erholung, Freizeit und Sport" vor. Genaue Festlegungen gibt es nicht. Die finden sich dafür im Masterplan von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Danach sollen auf dem Tempelhofer Feld in drei Stadtquartieren 4 700 Wohnungen, Gewerbeflächen mit 7 000 bis 8 000 Arbeitsplätzen und die Zentral- und Landesbibliothek errichtet werden.

Warum sollen Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld gebaut werden? Es gibt doch in Berlin genug Platz zum Bau von Wohnungen.

Das ist richtig: In Berlin gibt es inklusive des Tempelhofer Feldes Bauflächen für 220 000 Wohnungen. Doch nicht alle Flächen stehen sofort zur Verfügung, unter anderem weil das Planungsrecht dies noch nicht zulässt. Was das Tempelhofer Feld aus Sicht des Senats für den Wohnungsbau interessant macht, ist die Tatsache, dass das Areal komplett in Landesbesitz ist. Berlin hat damit die Möglichkeit, innerhalb des S-Bahnrings Wohnungen durch landeseigene Unternehmen errichten zu lassen. Bei diesen Unternehmen kann der Senat Einfluss auf die Mietengestaltung nehmen.

Wie teuer werden die neuen Wohnungen?

Im ersten neuen Stadtquartier am Tempelhofer Damm sollen 1 700 Wohnungen entstehen. Mindestens die Hälfte davon soll laut Stadtentwicklungssenator Müller zu Kaltmieten von 6 bis 8 Euro je Quadratmeter angeboten werden. In den übrigen Stadtquartieren will Müller einen ähnlichen Anteil von Wohnungen zu Mieten in diesem Preissegment errichten. Ob sich das durchsetzen lässt, ist offen. Es hängt unter anderem vom Koalitionspartner CDU ab. Die CDU will dem Vernehmen nach erreichen, dass auch Eigentumswohnungen entstehen.

Wer soll in Tempelhof bauen?

Stadtentwicklungssenator Müller lehnt eine Privatisierung ab. Damit meint er den Verkauf von Flächen an renditeorientierte Privatunternehmen. Im ersten neuen Stadtviertel am Tempelhofer Damm sollen die beiden landeseigenen Wohnungsunternehmen Degewo und Stadt und Land sowie die Baugenossenschaft Ideal Wohnungen bauen. In den anderen Quartieren sollen ebenfalls landeseigene Unternehmen und Genossenschaften zum Zuge kommen. Auch Baugruppen sind im Gespräch.

Wer garantiert, dass das Tempelhofer Feld nicht irgendwann zugebaut wird?

Diese Garantie kann niemand geben. Eine Freifläche von 230 Hektar in der Mitte des Areals soll zwar per Gesetz geschützt werden. Aber Gesetze können auch geändert werden, wenn es die politische Mehrheit so will. In nächster Zeit ist jedoch nicht damit zu rechnen.

Wie teuer ist die Entwicklung des Tempelhofer Feldes?

Bis zum Jahr 2025 fallen laut einer Kosten- und Finanzierungsplanung aus dem Dezember 2013 Gesamtausgaben von 630 Millionen Euro an. Damit soll der Bau von Straßen, Leitungen und Plätzen sowie die Sanierung des alten Flughafengebäudes und der Park finanziert werden. Den Ausgaben stehen kalkulierte Einnahmen von 445 Millionen Euro gegenüber, unter anderem aus der Vermietung. Unterm Strich bleibt ein Defizit von rund 185 Millionen Euro. Dieses entsteht jedoch nicht durch die Erschließung der Baufelder, sondern vor allem aus den Ausgaben für das alte Flughafengebäude (120 Millionen Euro) und den Park (60 Millionen Euro). Die Ausgaben für das alte Flughafengebäude entstünden auch ohne die Randbebauung.

Ist die geplante Randbebauung "behutsam", wie es offiziell heißt?

Eher nicht. Die Wortwahl wirkt beschönigend. Fakt ist: Es sollen drei Stadtquartiere mit 58 Hektar Fläche bebaut werden, ein viertes Stadtquartier mit einer Fläche von acht Hektar kann ab 2025 hinzukommen. Am Ende können also mehr als 20 Prozent des Feldes bebaut werden. Das ist recht massiv. Stadtquartiere müssen allerdings auch eine bestimmte Größe haben, um zu funktionieren.

Sind die Gewerbeflächen nötig? Es stehen in Berlin doch mehr als eine Million Quadratmeter Büroflächen leer?

Der Bau von Gewerbeflächen für Bäcker, Friseure und Ärzte ist sinnvoll. Für riesige Gewerbeflächen auf der Seite zur Stadtautobahn, die als Lärmschutzwand für die Wohnungen geplant sind, muss der Bedarf hingegen erst nachgewiesen werden. Diese Flächen scheinen derzeit noch überdimensioniert. Das gilt vor allem, da große Flächen im alten Flughafengebäude noch immer leer stehen.