Die Kernfrage, die die Grünen am Sonnabend beantworten müssen, ist eigentlich simpel: Helfen wir der Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“ und empfehlen den Berlinern, beim Volksentscheid für den kompletten Erhalt der Freifläche zu votieren? Oder sagen wir „Nein“ zu dem Anliegen und machen einen Abstimmungserfolg am 25. Mai unwahrscheinlicher?

Noch vor wenigen Wochen schien die Antwort klar zu sein. Das frühere Flughafengelände so zu lassen wie es heute ist, kam für die Grünen nicht infrage. Wie der Senat und alle anderen Fraktionen im Abgeordnetenhaus waren sie der Meinung, dass am Rande der rund 300 Hektar großen Freifläche Wohnungen gebaut und Gewerbebetriebe angesiedelt werden dürfen. Die Initiatoren konnten also nicht damit rechnen, durch Plakate oder Aufrufe von Parteien unterstützt zu werden.

Nach dem Willen des Grünen-Vorstands soll der Parteitag an diesem Wochenende einen Kurswechsel beschließen. Die Vorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener haben einen sechs Seiten umfassenden Antrag zum Tempelhofer Feld vorgelegt, der sich wie eine einzige Kampfansage an den Senat liest. Die Bebauungspläne der Koalition müssten gestoppt werden – „und das geht nur mit einem Nein zum rot-schwarzen Masterplan und einem Ja zum Gesetzentwurf der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld“, lautet der Kernsatz des Textes. Sollte er in dieser Form eine Mehrheit erhalten, würden die Grünen sich klar auf die Seite der Bebauungsgegner schlagen.

Ob es dazu kommt, ist allerdings offen. In der Partei regt sich erheblicher Unmut gegen den Antrag der Grünen-Spitze. Ein einfaches „Ja“ zu „100 Prozent Tempelhof“ wollen viele nicht mittragen, maßgebliche Mitglieder der Abgeordnetenhausfraktion haben bereits Änderungsanträge vorgelegt. „Es muss deutlich werden, dass die Grünen das Tempelhofer Feld entwickeln wollen“, sagte der bau- und wohnungspolitische Sprecher Andreas Otto. Auch wenn man die Senatspläne ablehne, „muss eine Bebauung an den Rändern grundsätzlich möglich sein“.

Der Abgeordnete hält den Antrag der Parteispitze zudem für widersprüchlich. Einerseits wird darin ein „Ja“ zum Gesetzentwurf der Bürgerinitiative empfohlen, andererseits wird deren Ziel als „zu einfach“ abgelehnt. Die Maxime „alles soll so bleiben wie es ist“ löse keines der realen Probleme, heißt es in dem Text. Berlin wachse und brauche dringend bezahlbaren Wohnraum auch in der Innenstadt. Dieses Ziel müsse klarer herausgestellt werden, forderte Otto. Und was würde er den Berlinern empfehlen, wie sollen sie am 25. Mai nun abstimmen? „Konsequent wäre ein doppeltes Nein“, sagte er. Dann bekäme weder „100 Prozent Tempelhof“ eine Mehrheit, noch der alternative Gesetzentwurf der Koalition.