Für die einen ist es die größte Spielwiese Berlins, ein Schatz, das Berliner Symbol für Freiheit. Für die anderen ist das Tempelhofer Feld kaum mehr als totes Land, eine ungenutzte halbvertrocknete Grasfläche – mit Potenzial für allerlei stadtplanerische Visionen und Investitionen.

Das Tempelhofer Feld, über das anlässlich des 70. Jubiläums der Luftbrücke die alten Rosinenbomber hinwegflogen, steht wieder im Zentrum. Nicht geografisch, aber die Debatte über eine Randbebauung ist eröffnet. Erneut.

Vor fünf Jahren entschieden die Berliner per Volksentscheid, dass sie das 450 Fußballplätze große Areal nicht bebauen wollen. 64 Prozent, eine klare Mehrheit. Doch die Stimmung in der Stadt kippt. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung sprechen sich inzwischen 65 Prozent der 1.001 Befragten aufgrund der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt für eine Randbebauung aus.

Tempelhofer Feld darf momentan nicht bebaut werden

Interessant dabei auch, dass die Anhänger aller sechs Parteien mit dieser Ansicht eine Mehrheit bilden. Selbst bei den Grünen (60 Prozent) und den Linken (58 Prozent) ist die Mehrheit für eine Randbebauung eindeutig. Bei den Anhängern der CDU sind es sogar 85 Prozent. Vor allem bei den älteren Berlinern ab 60 Jahren ist die Zustimmung mit 77 Prozent sehr hoch.

Doch welcher Handlungsauftrag für die Politik ergibt sich aus diesen Umfrageergebnissen?

Erst einmal: Das Tempelhofer Feld darf momentan nicht bebaut werden. Das vom Abgeordnetenhaus beschlossene und vom Volk initiierte Gesetz ist bindend. So steht es auch im Koalitionsvertrag. Aber natürlich könnte das Parlament das Gesetz jederzeit kippen. Aus allen Parteien aber heißt es, dass der Wille des Volkes respektiert werde.

Und wenn sich der Wille nun aber geändert hat?

Dann müsste ein neuer Volksentscheid her, doch für den gibt es zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keinen Initiator.

Volksbefragung zur Bebauung

Die SPD will deshalb eine Volksbefragung von oben einsetzen, um sich die Bebauung und damit das Aufheben des Gesetzes quasi vom Volk legitimieren zu lassen. Dafür müsste die Berliner Verfassung geändert werden, denn so ein Instrument gibt es bisher gar nicht. „Ich halte so eine Volksbefragung von oben in zwei Jahren zur nächsten Wahl für ein geeignetes neues Instrument“, sagt Sven Kohlmeier, stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in Marzahn-Hellersdorf. Kohlmeier gehört zu einer Reihe von SPD-Politikern, die verstärkt für eine Bebauung des Feldes werben. So hatten sich kürzlich auch der Fraktionsvorsitzende der SPD, Raed Saleh, und der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, im Interview der Berliner Zeitung für eine moderate Bebauung ausgesprochen.

Kohlmeier findet, dass die Debatte zu wichtig sei, um sie nicht führen zu dürfen. „Es muss zulässig sein, in einer Koalition seine Meinung zu sagen, die den anderen Parteien nicht gefällt“, betonte er. Schon auf ihrem Parteitag im November 2018 hatte sich die SPD zu einer sozialverträglichen Randbebauung bekannt.

Die Grünen und Linken empfinden das Beharren der SPD auf einer Bebauung des Feldes als Affront – und sogar als eine „bodenlose Unverschämtheit“, wie es der klima- und umweltpolitische Sprecher der Grünen, Georg Kössler, ausdrückt. Obwohl sich auch eine Mehrheit der Grünen-Anhänger für eine Bebauung ausspricht.

Diskussion um Tempelhofer Feld: Grüne und Linke gegen SPD und CDU

Ähnlich scharf formuliert es Parteikollegin Susanna Kahlefeld: Hier gehe es um Politik und nicht um das Tempelhofer Feld, glaubt Kahlefeld und fragt: „Was ist das für ein Verhalten der Bevölkerung gegenüber?“ Die SPD sei unehrlich. „Nur weil das Feld frei ist, kann man da noch lange nicht einfach bauen.“ Es sei nicht erschlossen, und ungeklärt sei auch, wo und wie viel Munition noch im Boden läge. „Saleh und Kohlmeier wollen sich nur wichtigmachen“, sagt die Grünen-Politikerin.

Carola Bluhm, Fraktionsvorsitzende der Linken, sagt, dass eine Randbebauung „real keine Probleme“ löse. Eine erneute Befragung, so Bluhm, erwecke den Anschein, dass man die vorige Abstimmung nicht ernst nehme. Auch bei den Linken ist allerdings eine Mehrheit der Anhänger für die Bebauung.

Unterstützung für die SPD kommt von der CDU. „Ich bin für eine Randbebauung“, sagte Christian Gräff, baupolitischer Sprecher. Daher wolle man nach dem Sommer einen Gesetzesentwurf einbringen, der zum Ziel habe, dass fünf Jahre nach einem Volksentscheid die Bürger erneut befragt werden müssen.

FDP hält Bebauung für unverzichtbar

Auch Sebastian Czaja, Fraktionsvorsitzender der FDP, hält eine Bebauung „für unverzichtbar“. Aber: Das Gelände sei durch den Volksentscheid gesperrt und könne daher auch nur durch einen solchen wieder freigegeben werden. Die Initialzündung müsse aus der Stadtgesellschaft selbst kommen, so Czaja.

Harald Laatsch, Sprecher für Wohnungsbau bei der AfD, sagte, dass das Volk habe entschieden. „Die Wohnungsbauziele werden wir weder mit dem Feld noch ohne das Feld erreichen“, glaubt Laatsch.

Mareike Witt von der Initiative 100% Tempelhofer Feld, die den Volksentscheid damals ins Leben rief, sagte: „Ich bin erschüttert, mit welcher Vehemenz die SPD seit Jahren die Bebauung des Feldes fokussiert. Wenn man anfängt das Feld zu bebauen, geht es Schritt für Schritt so weiter.“ Vielmehr sollte man darüber diskutieren, wie man das Areal unter klima- und umweltpolitischen Aspekten weiterentwickeln könne.