Tempo 10 oder 20: Warum Straßenbahnen in Berlin derzeit so oft langsam fahren

Ex-BVG-Chef Rüdiger vorm Walde nannte sie scherzhaft „Schotterschnecke“. Doch nicht nur ungünstige Ampelschaltungen und Falschparker halten die Berliner Straßenbahn auf. Eine aktuelle Übersicht zeigt, dass auch viele Langsamfahrstellen die Züge ausbremsen – auf Tempo 20 oder gar auf Tempo 10. Das bringt das Fahrpersonal, das einen engen Fahrplan beachten muss, in Nöte.

Berlin wächst, die Zahl der Fahrgäste auch. Um sie zu befördern, gibt der Senat immer mehr Straßenbahnfahrten in Auftrag. „Mehr Fahrzeuge und dichterer Verkehr bedeuten einen schnelleren Verschleiß aller Anlagen“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Damit die Bahnen trotzdem sicher fahren, muss teilweise ihr Tempo gedrosselt werden. Mit spürbaren Folgen, wie Fahrer berichten: Die Verspätungsanfälligkeit steigt. Verspätungen nerven nicht nur die Fahrgäste, sie verkürzen auch die Pausenzeiten des Fahrpersonals.

Wenn das Gleis pumpt

In der vergangenen Woche gab es 36 Langsamfahrstellen im Netz, so Reetz. 27 Tempolimits wurden wegen aktueller Schäden angeordnet, fünf Beschränkungen gehen auf Vorgaben der Technischen Aufsichtsbehörde des Landes zurück. In vier Fällen war Lärmschutz der Anlass. Und dann sind da noch die Tempo-30-Bereiche, die alle Fahrzeuge betreffen, nicht nur Straßenbahnen – sie werden hier nicht mitgerechnet.

Wo bremsen Gleisschäden die Straßenbahn? Beispiele: In der Hauptstraße in Hohenschönhausen darf die M5 eine Weiche nur mit Tempo 10 befahren, weil zwei Herzstücke gebrochen sind. In der Langhansstraße in Weißensee gibt es ein „stark pumpendes Rahmengleis“ – der Untergrund hat sich abgesenkt, Schienen schwingen beim Überfahren. In Höhe der Hausnummer 146 müssen die M13 und die 12 mit Tempo 10 dahinschleichen. In Friedrichshagen kann die 60 nicht zum Wasserwerk fahren, weil die Gleisstrecke im Müggelseedamm nach Schienenbrüchen gesperrt werden musste. Zuvor behalf sich die BVG mit Tempo 5, aber dann ging es einfach nicht mehr.

Das größte Straßenbahnstreckennetz Deutschlands misst 194 Kilometer, 400 Kilometer Gleise sind in Betrieb – angesichts dessen mutet die Zahl der Langsamfahrstellen niedrig an. Doch Straßenbahnfahrer warnen davor, das Problem zu unterschätzen. „Einhellige Meinung ist, das sich neben der Anzahl auch die Dauer der Geschwindigkeitsbegrenzungen erhöht hat“, so ein BVG-ler.

Nicht selten vergehen Monate, bis Schäden behoben werden. So sei das Tempolimit in der Langhansstraße 146 am 27. April angeordnet worden, hieß es. In immer mehr Fällen wirke es sich aus, dass der für die gesamte Infrastruktur der BVG zuständige Bereich VBI nicht hinterher kommt. Früher hat sich der Straßenbahnbereich selbst um seine Anlagen gekümmert, was besser funktionierte, sagte der Fahrer. Es sei aber auch so, dass Bauingenieure und Gleisbauer zu BVG-Gehältern immer schwerer zu bekommen seien.

„Die Auftragslage bei den Baufirmen ist sehr gut, manches Mal treten längere Vergabezeiten auf“, sagte Reetz. Auch die Auftragsbücher der Gleis- und Weichenhersteller sind voll. So konnte der Knotenpunkt Greifswalder/Danziger Straße im vergangenen Jahr nicht vollständig erneuert werden, weil die Gleiskreuzung noch nicht lieferbar war.

Drängelei morgens und abends

In der Langhansstraße sei die Situation besonders gravierend, so der Fahrer. Dort gebe es nicht nur drei Geschwindigkeitsbeschränkungen, die aus Gründen der Verkehrssicherheit angeordnet wurden, sondern auch drei Langsamfahrstellen wegen baulicher Mängel. „Wenn man berücksichtigt, dass der Abschnitt als Ein- und Aussetzrouten für vier Linien genutzt wird, kann man sich die Drängelei morgens und abends vorstellen“, sagte der BVG-Mitarbeiter.

Ein weiteres Problem: Mehrere elektrische Weichen sind kaputt, sie müssen von Hand gestellt werden, was den Verkehr aufhält. Dazu zählen die Weichen 254 und 255 vor dem Betriebshof Lichtenberg, hieß es. Wenn nach den Stoßzeiten besonders viele Bahnen ins Depot zurückkehren, gebe es oft Stau. Aber auch auf freier Strecke zwingen defekte Weichen dazu, auszusteigen und den Fahrweg von Hand einzustellen.
„Dann verlieren wir wieder Zeit, und es gibt Ärger mit Fahrgästen“, sagte der Fahrer. „Was immer der Grund ist: Wir müssen es ausbaden.“