Macht Tempo 30 die Luft wesentlich sauberer? Professor Thomas Koch ist skeptisch. „Am wichtigsten ist, dass der Verkehr fließt“, sagt der Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Jede Verflüssigung ist hilfreich.“ Wenn Autos selten halten und anfahren, müssten die Motoren weniger Arbeit leisten und entlassen weniger Schadstoffe in die Luft. Wenn der Verkehr dann gleichmäßig rollt, sei „Tempo 50 besser als Tempo 30“, so der Motorenexperte. Filter und Katalysatoren, die Abgase reinigen sollen, arbeiten bei hoher Temperatur wirkungsvoller. „Je höher die Last, desto besser. Die Temperatur ist das A und O. Ein Fahrzeug mit niedriger Temperatur tut sich schwer.“

So gesehen dürften die Tempo-30-Versuche des Senats nicht allzu viel für die Berliner Luft bringen. Doch Regine Günther bleibt dabei. „Wir fangen jetzt an“, sagte die Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am Montag. Die parteilose, von den Grünen nominierte Politikerin kam am Vormittag in die Leipziger Straße in Mitte.

Neben ihr parkte ein Diesel-Oldie auf dem Gehweg, der Mercedes-Benz 612 D von 1998 ist der Luftmesswagen des Senats. Auf den 1160 Metern zwischen der Markgrafenstraße und dem Leipziger Platz begann der erste von fünf Tests, von denen für viele andere Dieselfahrer einiges abhängt. Wo die Versuche klappen, werden sie weiterhin fahren dürfen. Wo sie fehlschlagen, drohen Fahrverbote.

"Um bis zu zehn Prozent" soll die Belastung sinken

Auf fünf Hauptverkehrsstraßen untersucht der Senat ein Jahr lang, ob sich mit Tempo 30 die Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid senken lässt. Die Leipziger Straße gab nun den Auftakt, bis August folgen die Potsdamer, Haupt- und Kantstraße sowie der Tempelhofer Damm – insgesamt 8,2 Kilometer.

Günther: „In Berlin fanden solche Tests bereits statt, etwa in der Schildhorn- und Beusselstraße“ – mit ermutigenden Ergebnissen. Jetzt werde noch etwas anderes erprobt: Sinkt die Belastung zusätzlich, wenn neue Ampelschaltungen den Verkehr flüssiger machen?

„Wir wollen weniger Stop-and-go“, sagte Günther. Eine Ankündigung, die Grüne irritiert. Doch die Senatorin hält eine Verstetigung weiter für sinnvoll. Sie erwartet, dass die Belastung sinkt – „um bis zu zehn Prozent“. Kritiker fordern stattdessen , dass weniger Autos fahren. „Der Tempo-30-Versuch kann nur ein erster Schritt sein, die Emissionen zu verringern“, so Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum. „Die Stadt braucht eine Deckelung der Menge an Kraftfahrzeugen, eine konsequente Parkraumbewirtschaftung und eine Ausweitung der Sharingangebote für alternative Antriebe.“ Berlin müsse ein „regulatorischer Experimentierraum“ werden, in dem stärker als bisher umweltfreundliche Verkehrsarten erprobt werden.

Wir das Limit sogar bis zum Spittelmarkt ausgedehnt?

„Es gibt viele Menschen, die ihr Auto brauchen“, entgegnete die Verkehrssenatorin. Sie will die Gesundheit schützen – aber Fahrverbote möglichst vermeiden.

Die Autolobby erkennt die Strategie des Senats an. „Der ADAC begrüßt das Verfahren grundsätzlich, Maßnahmen einem Test zu unterziehen“, sagte Jörg Becker, Leiter der Abteilung Verkehr und Technik. Falls die Tests nichts bringen, werde er darauf achten, dass die Tempo-30-Schilder entfernt werden. Allerdings erwartet der ADAC zusätzlichen Stau – vor allem außerhalb der Hauptverkehrszeit, in der bisher höheres Tempo möglich war. „Dann ist zu befürchten, dass sich die Durchlassfähigkeit der gesamten Ost-West-Trasse verschlechtert“, so Becker. „Es könnte zu Rückstaubildungen in den angrenzenden Bereichen kommen.“

Dagegen forderten die Interessengemeinschaft Leipziger Straße und das Netzwerk fahrradfreundliche Mitte, Tempo 30 bis zum Spittelmarkt auszudehnen – um auch dort den Verkehr zu zähmen.

Es gibt technische Lösungen für weniger Abgas

Am ersten Test-Tag schien in der Leipziger Straße auch auf den zweiten Blick alles wie sonst auszusehen. Autos und Lkw stauten sich, Fußgänger mussten viele Abgase einatmen, Radfahrer wurden an den Rand gedrängt. Immer wieder unterbrachen Ampeln den Verkehrsfluss, und manch ein Autofahrer meinte, dass es an der Kreuzung Mauerstraße sogar weniger flüssig vorangehe als bisher.

Zum Hintergrund der Tempo-30-Versuche gehört die Klage der Deutschen Umwelthilfe, die auch in Berlin vor dem Verwaltungsgericht Fahrverbote erstreiten will. Technische Lösungen für weniger Abgase seien da, so Forscher Koch. Für ihn sei es nur noch eine Frage der Zeit, dass Fahrzeuge mit alter Technik verschwinden. Doch die Umwelthilfe wolle den Städten diese Zeit nicht gönnen, „aus ideologischen Gründen“, kritisierte Koch. So bleibe auch Berlin nichts anderes übrig als „Aktionismus“.