Von Montag an darf auf einer weiteren Hauptverkehrsstraße in Berlin nur noch Tempo 30 gefahren werden. Betroffen ist die Potsdamer Straße in Mitte und Tempelhof-Schöneberg, teilte die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am Freitag mit. Das Tempolimit wird für den gesamten 2 630 Meter langen Straßenverlauf zwischen der Potsdamer Straße und Kleistpark gelten. Die Umstellung von Tempo 50 auf Tempo 30 ist für 9 Uhr geplant.

Die Potsdamer Straße ist die zweite Straße in Berlin, auf der nun untersucht wird, ob Tempo 30 und eine Verstetigung des Verkehrs die Belastung der Luft mit Stickoxiden senken. Die Schadstoffe werden vor allem frei, wenn Kraftfahrzeuge nach einem Stopp wieder anfahren. Damit Stopps vermieden werden und der Verkehr flüssiger wird, wurden in der Potsdamer Straße mehr als ein Dutzend Ampelanlagen angepasst. Vier Anzeigetafeln („Dialog-Displays“) messen die Geschwindigkeit und weisen die Fahrer darauf hin, ob sie das Tempolimit einhalten. „Verkehrskontrollen sind vorgesehen“, hieß es außerdem.

Bis Herbst drei weitere Tempo-30-Teststrecken

Der erste Versuch dieser Art hatte am 9. April in der Leipziger Straße in Mitte begonnen. Dort gilt auf dem 1160 Meter langen Abschnitt zwischen Potsdamer Platz und Markgrafenstraße Tempo 30. Im Gegensatz zur Potsdamer Straße, wo es nur „Passivsammler“ gibt, ermittelt dort der einzige Luftmesswagen des Senats den Schadstoffgehalt der Luft – ein Diesel-Oldie von Mercedes-Benz (612 D) aus dem Jahr 1998.

Bis Herbst werden drei weitere Tempo-30-Teststrecken eingerichtet, bekräftigte der Senat. Dabei handelt es sich um den Tempelhofer Damm zwischen Alt-Tempelhof und Ordensmeisterstraße (1110 Meter), um die Hauptstraße, ebenfalls in Tempelhof-Schöneberg (1620 Meter) sowie die Kantstraße zwischen Savignyplatz und Amtsgerichtsplatz in Charlottenburg-Wilmersdorf (1720 Meter).

Der Tempelhofer Damm wird allerdings im kommenden Jahr durch einen umfangreichen Schienenersatzverkehr belastet. Ende 2019 wird die U-Bahn-Linie U6 zwischen Tempelhof und Alt-Mariendorf zehn bis zwölf Wochen gesperrt, teilte die BVG mit. Geplant sind umfangreiche Gleisbaumaßnahmen und Abrissarbeiten für den Bau eines Aufzugs. Die Busse, die als Ersatz für die U-Bahnen fahren, könnten die Verflüssigung des Verkehrs wieder rückgängig machen.

Keine Kapazitäten mehr

Falls die Umstellungen Erfolge zeigen, will der Senat 2019 in rund einem Dutzend weiterer Straßen Tempo-30-Schilder aufstellen, zum Beispiel in der Frankfurter Allee, der Oranien-, Kolonnen- und Elsenstraße sowie in der Prinzenallee. Auf der Liste stehen auch Abschnitte der Martin-Luther-Straße und des Hindenburgdamms.

Damit der Verkehr tatsächlich flüssiger rollt, müssen Fahrbahnen und Busspuren auf Falschparker hin kontrolliert werden. Die Bezirke weisen allerdings darauf hin, dass ihre Ordnungsämter mehr Personal bräuchten. Tempelhof-Schöneberg, wo sich drei der fünf ersten Teststrecken befinden, hat einen Bedarf von zehn Beschäftigten errechnet. Kritisch gesehen wird auch, dass die Verkehrslenkung als obere Straßenverkehrsbehörde mit der Vorbereitung der Versuche so gut wie ausgelastet ist. Insbesondere die Umstellung der Ampelanlagen fordere viel Kraft. Für andere Maßnahmen fehle Kapazität, klagen Beobachter.

„Jede Verflüssigung ist hilfreich“ 

Der Senat will Dieselfahrverbote möglichst vermeiden, auch die FDP lehnt sie ab - nicht nur, weil sie viele Bürger und den Wirtschaftsverkehr treffen würden. Derzeit gibt es keine Möglichkeit, "saubere" Dieselfahrzeuge verbindlich zu kennzeichnen. Zwar lässt Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) prüfen, ob das Land Berlin eine blaue Plakette einführen könnte. Doch die Verwaltung schätzt einen solchen Alleingang als kaum umsetzbar ein.

Frühere Versuche mit Tempo 30 haben nach Angaben des Senats gezeigt, dass sich dadurch die Belastung der Luft mit Stickoxiden verringern lässt. Wie berichtet gibt es aber auch skeptische Stimmen. "Am wichtigsten ist, dass der Verkehr fließt", sagte Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Jede Verflüssigung ist hilfreich." Wenn Autos selten halten und anfahren, müssten die Motoren weniger Arbeit leisten und entlassen weniger Schadstoffe in die Luft. Wenn der Verkehr dann gleichmäßig rollt, sei "Tempo 50 besser als Tempo 30", so der Motorenexperte. Filter und Katalysatoren, die Abgase reinigen sollen, arbeiten bei hoher Temperatur wirkungsvoller. "Je höher die Last, desto besser. Die Temperatur ist das A und O. Ein Fahrzeug mit niedriger Temperatur tut sich schwer."