Freitag, kurz vor zwölf, Mittagessenzeit: Der Tisch ist gedeckt auf der Vereinsterrasse des Tennis-Clubs Grün-Weiß Nikolassee. Die Sonne scheint, das Essen ist fertig. Ein paar Vereinsmitglieder stehen um die lange Tafel herum, plaudern über dieses und jenes, warten gespannt auf ihre Gäste.

Dann kommen sie: Etwa zwanzig Kinder und Jugendliche, die in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe der Greifswalder Straße wohnen. Viele von ihnen wohnen dort allein, ohne ihre Eltern, die es nicht bis nach Deutschland geschafft haben.

Am Tisch stellen sich Kinder und Erwachsene erst einmal gegenseitig vor. Die Erwachsenen tragen Namen wie Harry oder Nick, die Kinder heißen Zane, Abdullah oder Ramazan. Manche, so stellt sich im Gespräch heraus, kommen aus Syrien, andere aus Albanien. So richtig interessiert ihre Herkunft hier aber niemanden – erst recht nicht, ob sie aus sogenannten sicheren Herkunftsländern kommen. Heute geht es um den Sport, nicht um Politik.

Bevor es auf den Platz geht, gibt es eine Stärkung für die Kinder: Nudeln mit Tomatensoße oder Bolognese. Die Bolognese ist ohne Schweinefleisch gemacht, damit alle, auch die muslimischen Kinder, sie essen können. Das Essen scheint den Kindern zu schmecken, viele nehmen sich einen Nachschlag. Während des Essens erzählen sie von der Schule oder dem Sprachunterricht, machen Witze, kichern, trinken Fanta, Cola, Sprite.

Dann geht es endlich auf den Platz. Tennis-Shirts werden verteilt, ein Trainer holt Schläger und Bälle. Während die Kinder sich umziehen, erzählt Sportwart Harald Heidecke, den hier alle nur Harry nennen, wie das Tennis-Camp für Flüchtlinge zustande kam. „Als ich vor zweieinhalb Wochen bei einem Tennisspiel im Tiergarten zuguckte, sah ich eine dieser Traglufthallen, die wir im Winter auf den Tennisplatz benutzen“, erinnert sich der 49-Jährige, der im Hauptberuf Geschäftsführer eines Biotechnologieunternehmens ist. „Dann kam mir eine Familie mit Kindern aus der Halle entgegen, und ich wusste, das ist eine Flüchtlingsunterkunft.“

Schon im Winter sei es in diesen aufblasbaren Hallen unerträglich warm, sagt Heidecke. Eigentlich sollte man keine Menschen darin unterbringen. „Als ich die Unterkunft gesehen habe, ist mir klar geworden, dass wir als Gesellschaft mehr für die Flüchtlinge tun müssen, auch die Sportvereine.“ Da habe es sich gut getroffen, dass der Grün-Weiß-Spieler, dem er an diesem Tag im Tiergarten beim Spielen zugesehen hatte, gleichzeitig Vorsitzender der evangelischen Jugendfürsorge sei, die vier Flüchtlingsunterkünfte betreibe.

Mittlerweile haben die Jungen und Mädchen, die in einer der Flüchtlingsunterkünfte der Jugendfürsorge wohnen, sich auf den Tennisplätzen des TC Grün-Weiß verteilt. Noch bevor das eigentliche Training begonnen hat, holt einer der Jungen zu einem eindrucksvollen Schlag über mehrere Plätze aus. „Ganz ruhig, Amigo“, ruft ihm ein athletischer junger Mann im Trainingsanzug zu. Das ist Nicolas Bruns, der von den Kindern nur Nick genannt werden möchte. Er ist der Cheftrainer des Vereins.

Einfach mal auf andere Gedanken kommen

„Wir fangen ganz langsam an. Wenn man Tennisanfänger ist, kann man nicht einfach drauflos spielen“, erklärt der 34-jährige Tennisprofi, der bereits sieben Mal die Berliner Tennismeisterschaften gewonnen hat und auch schon einmal auf der Weltrangliste stand, die heutige Trainingsmethode. Die Kinder müssten erst einmal ein Gefühl für den Ball und den Schläger entwickeln, bevor sie über das ganze Feld spielen könnten.

Dann beginnen die Kinder mit den ersten Übungen: Sie jonglieren die Bälle mit der Vorhand, dann mit der Rückhand. Dann Vorhand, Rückhand, Vorhand, Rückhand. Immer abwechselnd. Zum Schluss die schwerste Übung: Den Ball mit der Schlägerkante jonglieren.

Sportwart Harald Heidecke steht am Rand der Tennisanlage und sieht den Kindern beim Trainieren zu. Er ist zufrieden mit dem Verlauf des Camps: „Ich habe mir gewünscht, dass die Kinder einfach mal auf andere Gedanken kommen“, sagt er. „Das ist uns scheinbar gelungen.“ Und er hoffe, dass möglichst viele Berliner Sportvereine die Aktion nachahmen würden.