Berlin - Selbst in den härtesten Western gibt es diesen einen Moment der Ruhe und Behaglichkeit, der den Betrachter einlädt: das Lagerfeuer. Die Nacht ist lau, das Feuer knackt, die Männer mümmeln auf ihren Decken und haben genügend zu trinken dabei. Jetzt könnte ich Gedichte rezitieren, sagt einer, und das tut er dann auch.

So hat man sich es immer vorgestellt, das perfekte Raki-Dinner. Der Vergleich hat seine Grenzen, aber „Tepenin ardi“ ist eine Art metaphysischer Western, auch wenn er in den Bergen Anatoliens spielt. Und es ist ein Männerfilm. Faik heißt der bärtige Patriarch, dem alles gehorcht, verkörpert vom unglaublichen Schauspieler Tamer Levent. Man muss schon einen John Huston bemühen, um diese ungebrochen selbstgewisse Männlichkeit zu beschreiben. Faiks Sohn Nusret ist zu Besuch mit den Enkeln; er hält sie allesamt für Idioten. Die Gewissheit, dass der Stammbaum vor seinen Augen verdorrt, macht schließlich das Wesen des Patriarchen aus. Er allein muss das Land bestellen, die Bedrohungen abwenden, auch wenn sonst weit und breit keiner zu sehen ist. Nicht nur Faik sieht genau das anders.

Biblischer Sündenbock

Auch Enkel Zafer, traumatisiert heimgekehrt aus einem ungenannten Krieg, kann Einbildung und Realität nicht mehr trennen. Nomaden von jenseits der Grenze, heißt es immer wieder, nutzen unser Land, lassen ihre Ziegen darauf weiden. In fulminanten Panoramaschwenks wird die einsame Berglandschaft zum mentalen Gefängnis der Bewohner, bald wittert man selbst hinter jedem Hügel Gefahr. Wird das etwa noch ein Horrorfilm?

Regisseur Emin Alper verfügt allemal über die Mittel, diese latente Bedrohung jederzeit zu evozieren. Eigentlich passiert nicht viel. Was jedoch passiert, führt in konzentrischen Kreisen immer wieder zurück zur Gruppe der Männer, entspringt dem komplexen Familiengeflecht böser Worte und dummer Taten. Als Faik von einem dubiosen Racheakt mit einem Ziegenbock heimkehrt und diesen schlachtet, macht das die Lage nicht klarer. Die Mehrdeutigkeit ist zugleich Stärke und Schwäche des Films, der sich auch im Wettbewerb nicht verstecken müsste. Mit Klarsicht und Ironie legt Alper offen, wie mit Feindbildern Politik gemacht und eine disparate Gemeinschaft zusammengeschweißt wird. Im Falle der Türkei liegt es nahe, hinter dem unsichtbaren Gegner die Kurdenproblematik zu vermuten – den Westen und den Islam, Deutsche und Griechen, oder eben Cowboys und Indianer könnte man genauso einfügen. Man braucht den Anderen, um sich des Eigenen zu vergewissern, den Stamm beisammen und die Gewehre geputzt zu halten. Die Bergwelt suggeriert Weitsicht, beschränkt aber nur den Blick.

In der grandiosesten Einstellung stehen die Männer Hunderte Meter voneinander entfernt, nur verbunden durch das Echo – ihre Rufe sind weniger Kommunikation als Selbstgespräch, doch sie stehen auf derselben Seite. Und was da über dem Lagerfeuer brennt, ist der biblische Sündenbock. Man fühlt sich doch nicht so wohl dabei.

Tepenin Ardi

18. 2.: 20.15 Uhr, Arsenal 1.