Blumen für die Opfer vom Breitscheidplatz. Bei dem Anschlag eines Islamisten starben am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen, etwa 70 wurden teils sehr schwer verletzt. Der Täter raste mit einem Laster in den Weihnachtsmarkt.
Foto: Berliner zeitung/Paulus Ponizak 

BerlinAls erstes sieht der Weihnachtsmarktbesucher rotweiß-gestreifte Poller. Ihm fallen nicht die vielen Lichter auf. Und auch nicht die weihnachtlich dekorierten Holzhütten. Es sind hüfthohe Schwerlast-Metallpoller, die als erstes ins Auge fallen. Man muss zwischen ihnen durchlaufen, um auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu gelangen. Und das hinterlässt dann erst mal ein ungutes Gefühl.

Drei Jahre sind vergangen, seit der Terrorist Anis Amri einen 40 Tonnen schweren Lastwagen, beladen mit Edelstahl, in diesen Weihnachtsmarkt steuerte. Zwölf Menschen wurden dabei getötet und mehr als 70 zum Teil sehr schwer verletzt. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Wer an jenem Tag nicht selbst auf dem Breitscheidplatz war, wer nicht persönlich oder beruflich mit den Auswirkungen des Anschlags zu tun hatte, hat die Bilder und Erzählungen vermutlich mittlerweile irgendwo in seinem Kopf abgelegt, überlagert von anderen Dingen.

Von dort können sie allerdings ganz schnell wieder zurückkehren. Schwupps sind sie wieder da. Ein Schritt auf die Rampe zu und zwischen den Metallpfosten hindurch reicht zum Beispiel aus, und schon sieht man alles wieder vor sich.

Den Laster zwischen den Trümmern der Bretterbuden. Der Weihnachtsschmuck, den er bei seiner zerstörerischen Fahrt durch die Menge irgendwo abgerissen hat, hängt aus der zersplitterten Frontscheibe heraus. Da ist eine umgekippte Tannenpyramide. Persönliche Dinge liegen verstreut auf der Straße wie ein Sinnbild für die Tatsache, dass an diesem Ort echte Menschen – zufällig gerade sie – mit ihrem Leben einen hohen Preis in einem doch eher abstrakten Konflikt bezahlt haben, der mit ihnen persönlich gar nichts zu tun hat. Sie waren halt gerade dort – am falschen Ort zur falschen Zeit. Es hätte jeden treffen können. Und es kann jeden treffen.

Diese Pfosten lösen etwas aus. Und dabei standen sie noch gar nicht da am 19. Dezember 2016.

„Schutz öffentlicher Räume“

Wir haben viel diskutiert über die Sicherheit auf den öffentlichen Plätzen der Stadt in den vergangenen drei Jahren. Diese Pfosten sind ein Teil der Antwort auf die Frage, wie wir uns schützen können vor Menschen wie Anis Amri, die uns stellvertretend töten, verstümmeln, verunsichern wollen, um eine politische Idee zu proklamieren, und den Anspruch zu erheben auf eine absolute Wahrheit und die allein zulässige Form zu leben und zu glauben.

Nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz wurde in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport eine Projektgruppe gegründet, die untersucht, in welchem Umfang und auf welche Art und Weise öffentliche Räume in Berlin vor Überfahrtaten mit Kraftfahrzeugen wirkungsvoll geschützt werden können. Die Gruppe gab sich den Namen „Schutz öffentlicher Räume“. Verschiedene Senatsverwaltungen, Polizei, Feuerwehr und Bezirksverwaltungen schickten Vertreter in diese Einsatzgruppe.

Es ging darum, den Breitscheidplatz, aber auch andere Plätze und große Festzonen wie die Silvestermeile erst mal provisorisch, aber später auch dauerhaft vor ähnlichen Anschlägen wie dem in der City-West zu schützen. „Wegen der besonderen Geschichte des Breitscheidplatzes, dem Schauplatz des schwersten islamistischen Anschlages in der Geschichte der Bundesrepublik, hat die Projektgruppe diesen Platz als erstes in den Fokus genommen und ein Sicherheitskonzept erarbeitet, welches erstmalig 2018 realisiert wurde“, sagt ein Sprecher der Innenverwaltung.

Die Sicherheitspoller

Alles, was am Breitscheidplatz auch in diesem Jahr wieder zur Sicherung aufgestellt wurde, ist provisorisch. Aber es ist gewaltig. Es handele sich um einen einzigartigen Zufahrtschutz mit zertifizierten, temporären Sperrmitteln, heißt es aus der Senatsverwaltung für Inneres. Die rund um den Breitscheidplatz verwendeten Sperrtypen seien auf Basis eines detaillierten Zufahrtschutzkonzeptes unter Berücksichtigung physikalischer Berechnungen speziell ausgewählt worden. Aus diesem Grund würden unterschiedliche, in ihrer Wirkung aufeinander abgestimmte Typen von Sperren eingesetzt, die alle nach einschlägigen Normen zertifiziert seien und den Energien von Anschlägen wie dem vom 19.12.2016 standhalten.

Die mobilen Schwerlast-Metallpoller sind nur ein Teil der Sicherungsmaßnahmen – womöglich der wirkungsvollste, allerdings auch der mit der größten öffentlichen Präsenz. Die Herstellerfirma bewirbt die Poller als Bollwerk am Breitscheidplatz und als Truck-Bloc-Barriere. Auf ihren Internetseiten führt die Firma mit einer Fotostrecke die Wirkungsweise vor. Zu sehen ist, was von einem Laster, in Größe und Gewicht dem Lkw des Anschlags vergleichbar, übrig bleibt, wenn er mit 80 Stundenkilometern im Crash-Test auf einen solchen Poller trifft. Nicht viel, muss man sagen.

In den Zertifizierungsrichtlinien der Polizeien des Bundes und der Länder ist mittlerweile detailliert geregelt, welcher kinetischen Energie so ein Poller standhalten muss, aber auch, wie weit Trümmerteile nach dem Aufprall maximal fliegen dürfen, ob sie nun zwei oder hundert Kilo schwer sind. Das ist allerdings Lesestoff für Technikfreaks.

Der Weihnachtsmarkt als Festung

Neben den Pollern gibt es am Breitscheidplatz zurzeit auch Stahlgitterkörbe mit sandgefüllten Bigbags und Stahlsockel mit Beton. Die Absperrungen wurden 2018 vom Land Berlin aus Haushaltsmitteln für rund 2,5 Millionen Euro inklusive Kosten für Transport, Auf- und Abbau gekauft beziehungsweise angemietet.

Ästhetisch und psychologisch sind die Absperrungen allerdings eine Katastrophe. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gleicht jetzt schon zum zweiten Mal einer Festung. Die eigene Verwundbarkeit wird jedem Besucher direkt beim Betreten des Platzes klargemacht. Noch so viel Tannengrün und Lichterketten können diesen Eindruck nicht verdecken.

Deshalb wird es vom kommenden Jahr an eine dezentere Form des Schutzes geben, die aber gleichzeitig nicht weniger wirkungsvoll sein darf. Auf diese Weise wird an der Kant-/ Ecke Budapester Straße ein übergroßer Berlin-Schriftzug entstehen. Zwei Meter hoch werden die Buchstaben sein. Sie stehen auf einem Sockel, der noch einen weiteren Meter an Höhe schafft. Ein Schutzwall aus Stahlbeton, der aber nicht wie ein Schutzwall aussieht.  

Entlang der Budapester Straße und Tauentzien werden Poller aufgestellt, die unter- und oberirdisch miteinander verbunden sind. Der Mittelstreifen auf der Budapester Straße und Tauentzien wird erhöht. So soll es dann erst mal bleiben – das ganze Jahr über und nicht nur zu Weihnachten. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) koordiniert die Bauarbeiten.

"Sicherheit schaffen ohne Angst zu erzeugen“

Allerdings gibt es in Berlin ja nicht nur diesen einen Platz, der möglicherweise zum Anschlagziel werden könnte. Der Breitscheidplatz war nur der erste Platz, mit dem sich die Projektgruppe befasst hat. „Der diesbezügliche Diskussionsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Nach dem Anschlag wurde mit vielen Experten gesprochen, Überlegungen ausgetauscht und in vielen Städten weltweit verschiedene Sicherungsmaßnahmen angeschaut. Es gibt keine einfache Generallösung. Jeder Ort muss mit Blick auf Verkehr, Anzahl von Menschen, Anzahl der Veranstaltungen, symbolische Bedeutung oder städtebauliche Situation bewertet werden. Das Ziel für Berlin war immer: Sicherheit schaffen ohne Angst zu erzeugen“, sagt ein Sprecher der Innenverwaltung.

Am Breitscheidplatz sei mit dem geplanten Umbau eine passende Lösung gefunden worden. „Mit dem Berlin-Schriftzug schaffen wir darüber hinaus einen neuen, ikonischen Anziehungspunkt für die Stadt“, so der Sprecher.

Letzteres klingt dann doch eher nach Wunschglauben. Diese Tat hat unsere Art zu leben verändert. Auch wenn wir uns das nicht eingestehen wollen. Wir denken jetzt den Terror mit, wenn wir auf Weihnachtsmärkte gehen. Wenn wir Konzerte besuchen und Straßenfeste. Wir lassen zu, dass unsere Taschen kontrolliert werden. Argwöhnisch betrachten wir Polizisten mit Maschinenpistolen, die durch die Menge patrouillieren. Poller und Barrieren sollen uns schützen. Sie wirken aber auch irgendwie hilflos und machen uns deutlich, wie verletzbar wir sind. Kommen sie als übergroße Buchstaben daher, werden wir vermutlich nicht mehr erschrecken. Es wird uns leichter fallen, über die Möglichkeit eines Anschlags hinwegzusehen. Vergessen werden wir nichts.