Nach dem Terrorangriff in Barcelona setzten Bundesregierung und Berliner Senat die Flaggen auf halbmast. Ein wichtiges Zeichen des Mitgefühls! Aber erinnern Sie sich an den Terroranschlag in der St. Petersburger U-Bahn? Dabei starben vor bald fünf Monaten 15 Menschen. Bis dahin pflegte man bei solchen Anlässen das Brandenburger Tor in den Farben des betroffenen Staates anzustrahlen. Den hingemordeten Russen erwies man diese Ehre nicht; die Senatssprecherin Claudia Sünder begründete diesen Akt ostentativer Missachtung gefühlsstumpf so: St. Petersburg „ist kein Ort, zu dem Berlin besondere Beziehungen hat“.

Weil zugleich mitgeteilt wurde, die solidarische Beleuchtung gebe es künftig nur für Partnerstädte, wich man jetzt auf die Halbmastvariante aus. (Den ermordeten St. Petersburgern war auch diese versagt worden.) Ich bin gespannt, wie sich unsere Offiziellen demnächst verhalten, wenn Terroristen Menschen töten, „die hinten, weit, in der Türkei“, in Teheran, Wolgograd oder sonstwo arglos ihrem Alltag nachgehen.

Umsichtiges Verhalten in der Solidaritätssymbolik

Die gespaltene Solidarität dokumentiert Doppelmoral, Dünkel und verhängnisvolle Blindheit. Anders als England, Russland, Frankreich und Italien haben Deutsche in der islamischen Welt keine kolonialen Verbrechen begangen, keine Eroberungskriege geführt. Sie haben sich weder an den Irakkriegen noch am Libyenkrieg beteiligt. Die insoweit friedliche Vorgeschichte erleichtert es unseren Diplomaten zu vermitteln, kriegerische Zuspitzungen zu bremsen.

Im Fall Russland liegen die Dinge komplizierter. Gerade wegen der schmerzvollen, aber kulturell so reichen gemeinsamen Vergangenheit bestehen seit 300 Jahren spezielle Beziehungen zwischen Deutschen und Russen: zuletzt zwischen Chruschtschow und Adenauer, Brandt und Breschnew, Kohl und Gorbatschow. Diese – geschichtlich auf tragische Weise gewachsene – Tradition gilt es zu wahren, für tragfähige Kompromisse und eine bessere Zukunft zu nutzen. Auch deshalb sollten sich unsere Regierungen in der Solidaritätssymbolik umsichtig verhalten.

Mit Geld und Waffen gefüttert

Realitätsfern betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Wochenende ihren Leitartikel zum IS-Terror „Der Krieg gegen den Westen“. Wenn es nur das wäre! In erster Linie terrorisiert der IS Muslime, Alawiten, Schiiten, Jesiden, gerne auch Juden und alle die, die ihn bekämpfen, egal welcher politischen Weltsphäre oder Religion sie sich zurechnen. Etwas versteckt hatte dieselbe Zeitung vor kurzem über eine Umfrage unter jungen Syrern berichtet, die in den Libanon und nach Jordanien geflüchtet sind.

Gefragt hatte die in Dubai ansässige, seriös arbeitende Agentur ASDA’A Burson-Marsteller, was die wichtigste Voraussetzung für die Rückkehr nach Syrien sei: 47 Prozent nannten das Ende des Krieges, 25 Prozent den Abzug der Terrormiliz IS, hingegen meinten nur sieben Prozent, der syrische Präsident (Machthaber) Baschar al Assad müsse das Land verlassen.

Nur sieben Prozent! Damit erlischt die zentrale Rechtfertigung der westlichen Syrienpolitik. Es war ein von Wunschdenken geleitetes Verbrechen, „die Rebellen“ – darunter den IS, Milizen der Al-Kaida und scheinpolitisch marodierende blutdürstige Banden – jahrelang anzufeuern, sie direkt oder indirekt mit Geld und Waffen zu füttern.