Die Trauerfeier für die Opfer der blutigen Amokfahrt in Münster hatte am Sonntag noch gar nicht stattgefunden, da sorgte schon die nächste Terrormeldung für Aufsehen. Die Polizei Berlin habe sechs Verdächtige festgenommen und einen Anschlag auf den Halbmarathon in der Hauptstadt verhindert, hieß es in ersten Meldungen.

Einen Tag später ist klar, dass nur der erste Teil der Nachricht stimmt. Die Polizei Berlin hat sechs Verdächtige aus der islamistischen Szene festgenommen. Einen Anschlag hat sie aber vermutlich nicht verhindert, ganz einfach deshalb, weil wohl keiner geplant war. Jedenfalls keiner am Sonntag auf den Halbmarathon. Für einen Haftbefehl gegen die Verdächtigen reichten die Verdachtsmomente vom Sonntag jedenfalls nicht aus, der Staatsanwalt verzichtete denn auch auf einen entsprechenden Antrag. Die Freilassung der sechs jungen Männer erfolgte noch am Montag. Auch wenn sich einige Medien offenbar nur ungern von der Terrorgefahr verabschieden wollten.

Von allen Seiten Lob für die Polizei

Noch am Montagnachmittag war auf den Webseiten von Zeitungen und Online-Diensten Zitate von nicht näher benannten Polizisten zu lesen, die angeblich immer noch spekulierten, das Ganze könnte „wahrscheinlich knapp“ gewesen sein. Sensationsgier ist so alt wie die Boulevardpresse und wird – Twitter sei Dank– vermutlich auch dann nicht aussterben, wenn dermaleinst die letzten gedruckten Zeitungen Geschichte sein sollten.

Tratsch und Spekulation sind eben Teil der menschlichen Gesellschaft, auch wenn das nicht gerade ein sympathisches Bild auf uns alle wirft. Obwohl die Polizei – wie besonders eindringlich in Münster – immer wieder darum bittet, keine Spekulationen zu verbreiteten, kam in Münster sofort die Mär vom islamistischen Täter auf. Und in Berlin war schnell von Sprengstoff die Rede. Beides erwies sich schnell als gegenstandslos.

Doch jenseits der Übertreibung der Sachlage ist es vor allem das einhellige Lob für die Polizei, das Unbehagen aufkommen lässt. So wertete der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Aktion als Erfolg und dankte der Berliner Polizei für ihren Einsatz. Auf den ersten Blick ist man geneigt, ihm recht zu geben. Schließlich hatte es ja einen Anfangsverdacht gegeben. Die Verdächtigen seien am Vorabend des Halbmarathons beobachtet worden, wie sie die Strecke des Volkslaufes abgegangen seien.

Man könnte nun zynisch sein und konstatieren, dass die Berliner Ermittler mindestens eine Sache aus dem verheerenden Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gelernt haben: Observiert werden verdächtige mutmaßliche Attentäter nun auch abends, sogar am Sonnabend. Der Attentäter Anis Amri war bekanntlich aus Personalgründen nicht rund um die Uhr beschattet worden, obwohl man auch ihn als Gefährder eingestuft hatte.

Wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, ist Vorsicht immer besser als Nachsicht, ist nun die Devise der Polizei. Wer die Bilder vom Anschlag im Dezember 2016 noch im Kopf hat, wird wohl keine Probleme mit der Tatsache haben, dass Verdächtige eine Nacht im Gefängnis verbringen mussten, auch wenn sich der Verdacht gegen sie nicht erhärtete.

Die wahre Gefahr lauert vielleicht woanders

Der Polizeieinsatz war vermutlich nicht unverhältnismäßig, doch er lässt trotzdem einen unguten Geschmack zurück. Die Ermittler kennen ihre üblichen Verdächtigen offenbar genau, bleiben ihnen auf den Fersen, nehmen sie fest. Und können ihnen dann doch nichts nachweisen. Immerhin haben die Fahnder in jüngster Zeit einige präventive Maßnahmen durchgeführt, ohne dass es zu nennenswerten Anklagen gekommen wäre.

Wer spielt da mit wem? Sind diese 18 bis 21 Jahre alten Männer so schlau, dass man ihnen nichts nachweisen kann? Oder sind sie nur großmäulige Mitläufer des Salafistenszene, die sich wichtig machen? Nützt dieses Katz- und Maus-Spiel in Wahrheit der Polizei, die so den Nachweis erbringt, dass sie wachsam ist und sich ein zweiter Terroranschlag in Berlin nicht wiederholen wird?

Wir könnten damit zufrieden sein, wenn sich nicht im Geheimen das unangenehme Gefühl breitmachte, dass die wahre Gefahr vielleicht irgendwo anders lauert. Dass es eben nicht die üblichen Verdächtigen sind, von denen die wahre Gefahr ausgeht. Dass sich irgendwo ein Mohammed Atta verbirgt. Der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA lebte ziemlich unauffällig als Student in Hamburg, bevor er zu seiner Wahnsinnstat aufbrach. Vielleicht macht die Polizei alles richtig. Vielleicht haben wir in Berlin seit Dezember 2016 einfach Glück gehabt.