Robert Havemann – regimekritischer Intellektueller und Künstler.
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GrünheideVielleicht wird der Name Grünheide in ein paar Jahren vor allem mit Elektroautos verbunden sein – wenn Tesla hier die neue Autofabrik betreibt. Immerhin will der US-Elektroauto-Hersteller hier bis zu vier Milliarden Euro in die geplante „Gigafactory“ investieren und Grünheide damit zum Automobilstandort ausbauen. Noch aber lässt der Ort im Südosten von Berlin bei älteren, vornehmlich Ost-Deutschen ganz andere Assoziationen aufscheinen. Robert Havemann lebte hier, einer der klügsten und mutigsten Oppositionellen, die es in der DDR je gab. Sein kleines Haus am Möllensee steht bis heute fast unverändert in der Burgwallstraße.

Die fallenden Blätter der Kastanien auf dem Grundstück leuchten an diesem regnerischen Vormittag hellgelb durch das Novembergrau, manche bleiben auf dem vor Jahrzehnten gezimmerten Holzbriefkasten liegen, der noch immer den Namenszug HAVEMAN trägt, mit einem Strich über dem N, um zu zeigen, dass dort noch ein zweites hingehört. Den Namen der neuen Bewohner liest man auf einem kleinen bescheidenen Schild daneben. Aus Respekt vor dem berühmten Vorgänger haben sie hier alles so belassen wie zu seiner Zeit.

Heute erinnert noch der Schriftzug am Briefkasten an den ehemaligen Bewohner.
Holger Schmale/BLZ

Führender Naturwissenschaftler der DDR- und Systemkritiker

Während der Nazijahre gehörte der als Chemiker an einem Giftgasprojekt der Wehrmacht beteiligte Kommunist zu einer Widerstandsgruppe. Er wurde verhaftet und 1943 vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt. Kollegen konnten seine Hinrichtung verhindern, indem sie auf seine „kriegswichtige“ Forschung verwiesen, die er auch im Gefängnis von Brandenburg fortsetzen konnte. Hier traf er auf den Mitgefangenen Erich Honecker. In den ersten Jahren der DDR gehörte Havemann zu den führenden Naturwissenschaftlern und war Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an der Humboldt-Universität. Er wurde Volkskammerabgeordneter und inoffizieller Mitarbeiter von Stasi und KGB.

Doch Ende der Fünfziger wuchs seine Kritik am Aufbau des Sozialismus in der DDR, die er im Wintersemester 1963/64 in einer Vorlesungsreihe zum Thema „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“ offen behandelte. Es kamen immer mehr Zuhörer aus der ganzen DDR angereist, die seinen Gedanken über echte Freiheit, Demokratie und einen revolutionär reformierten Sozialismus lauschten. Es war Systemkritik von links, mit der die SED nur schwer umgehen konnte. Havemann verlor seine Posten, wurde aus der SED ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot. Doch seine Vergangenheit als Widerstandskämpfer und seine Gefängnisbekanntschaft mit Erich Honecker schützten ihn vor weitergehenden Repressalien.

Freundschaft mit Wolf Biermann und bald Repressionen des Staates

Er zog sich auf seine Datsche in Grünheide zurück, die nun zusehends zu einem Anziehungspunkt regimekritischer Intellektueller und Künstler wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei Wolf Biermann, der sich ebenfalls als Kommunist bekannte, mit seinen Liedern aber bei der SED zunehmend aneckte. Die beiden verband bald eine enge Freundschaft. Biermann nannte sie „ideale Komplizen: alter Fuchs und junger Wolf“. In Biermanns Wohnung in der Chausseestraße lernte Havemann seine spätere Frau Katja kennen. Alle trafen sich im Sommer gern auf dem Grundstück in Grünheide. Auch der kritische Schriftsteller Stefan Heym kam zu Besuch, er reiste per Motorboot von seinem Haus in Grünau an. Havemann liebte es, mit seinem Boot „Kuddeldaddeldu“ über die Seen der Umgebung zu brausen. So musste sich auch die Stasi Sportboote zulegen, um das Treiben jederzeit im Blick behalten zu können.

Die Lage eskalierte nach der Ausbürgerung Biermanns 1976. Robert Havemann protestierte in einem offenen Brief an Honecker, den der Spiegel veröffentlichte. Er wurde unter Hausarrest gestellt und erhielt Kontaktverbot zu westlichen Journalisten. Nun wurde die kurze Burgwallstraße in Grünheide zu einer Art Belagerungsgebiet. Lastwagen versperrten die Zufahrt, vor Havemanns Haus parkten demonstrativ die Autos der Bewacher. Anwohner wurden auf dem Weg in ihre Häuser streng kontrolliert. Doch Havemann ließ sich nicht einschüchtern. Er nahm die Familie des inhaftierten Schriftstellers Jürgen Fuchs in seinem Gartenhaus auf und veröffentlichte 1982 gemeinsam mit dem Pfarrer Rainer Eppelmann den „Berliner Appell“ für eine unabhängige gesamtdeutsche Friedensbewegung.

Dieses Haus am Möllensee in Grünheide war Robert Havemanns Rückszugsort.
Holger Schmale/BLZ

Havemanns Haus als das einzige bauliche Überbleibsel

Wenig später erreichte Biermann die Nachricht, dass sein Freund im Sterben liege. Er wandte sich in einem persönlichen Schreiben an Honecker mit der Bitte, Havemann besuchen zu dürfen. Das Unerwartete geschah: Der Ausgebürgerte durfte noch einmal in die DDR reisen, um sich von seinem Freund zu verabschieden. Biermann nahm die eigentlich so beschauliche Burgwallstraße als Stasi-Gebiet wahr. „Etliche Bewacher waren in die Nachbarhäuser sogar mit Familie eingezogen und gärtnerten Radieschen“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Heute ist Havemanns weiß gestrichenes Ziegelhäuschen eines der letzten baulichen Überbleibsel jener Jahre. In der Nachbarschaft stehen nun schicke neue Villen auf den attraktiven See-grundstücken.

Gerade in diesen Wochen sind die Gedanken vieler noch einmal hierher zurückgekehrt. Am 10. September 1989 hatte Katja Havemann andere Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Ingrid Köppe, Sebastian Pflugbeil und Jens Reich in ihr Haus in der Burgwallstraße 4 eingeladen. Sie formulierten die Erklärung „Die Zeit ist reif“ und riefen dazu auf, Mitglieder des „Neuen Forums“ zu werden. Es ist die Gründungserklärung der wichtigsten Gruppierung der friedlichen Revolution. Man kann sagen, dass dieses Häuschen in Grünheide einen Wendepunkt der deutschen Geschichte markiert. Robert Havemann ist heute Ehrenbürger der Gemeinde, die sich nun anschickt, ein wichtiger Ort der Industriegeschichte zu werden.