Berlin - Freundlich wendet sich die Gynäkologin Mandy Mangler der jungen Mutter zu. Sie fragt Sheila Jungnischke nach ihrem Befinden und dem Wohlergehen des kleinen Can, der gerade ein Schläfchen macht. Die 29-Jährige Altenpflegerin hat ihr Kind vor drei Tagen im Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikum (AVK) zur Welt gebracht. Es klingt wie ein ganz normales Arzt-Patient-Gespräch in einer Geburtsklinik, aber die Mariendorferin ist etwas befremdet: Vor ihrem Bett steht ein Roboter, das Gesicht der Chefärztin erscheint auf dem Bildschirm eines Tablet-Computers. Die Ärztin selbst befindet sich ein paar Zimmer weiter.

Double Robot heißt der elektronische Helfer, den Mandy Mangler mit ihrem Smartphone steuert. Für das Gespräch mit der Patientin blickt sie in dessen Kamera. Das Gerät, eng verwandt mit einem Segway, ist Teil einer Digitalisierungskampagne im landeseigenen Vivantes-Krankenhauskonzern.

Mandy Mangler, die als Chefärztin eine 45-Betten-Abteilung mit 40 Ärzten und Pflegekräften leitet, ist hingerissen von ihrem elektrischen Helfer, den sie seit einem Monat als Mietgerät testet und danach für 3000 Euro kaufen wird. Er ermöglicht es ihr, selbst von zu Hause, von einem Kongress oder wie kürzlich vom Flughafen aus in Kontakt zu einer Patientin zu treten: „Wenn ich jemanden operiert habe und am Tag danach nicht in der Klinik sein kann, macht der Roboter möglich, dass ich die Patientin sprechen kann“, sagt die 42-jährige Chefärztin, die seit drei Jahren in der Gynäkologie des AVK tätig ist.

Digitalisierungskampagne von Vivantes 

Allein kommt Double Robot, der in den USA für Videokonferenzen ohne starre Kameras entwickelt wurde, nicht ins Zimmer. Nicht nur, weil er keine Tür öffnen kann. „Es geht immer eine Schwester oder ein Arztkollege mit“, sagt Mandy Mangler, „denn ich kann die Patientin zwar von allen Seiten über die Roboter-Kameras sehen, bin aber gewissermaßen eine armlose Ärztin. Ich kann dann beispielsweise der Begleiterin des Roboters sagen, den Leib der Patientin für mich abzutasten.“

Doch Double Robot ist nur ein Teil der Digitalisierungskampagne von Vivantes. „Wir haben hier im Jahr 5000 stationäre und 800 ambulante Patientinnen sowie 1700 Geburten.

Es ist wirklich viel zu tun“, sagt Mandy Mangler. Das betrifft nicht nur die eigentliche Geburtshilfe und Operationen, sondern auch die vielen Dokumentationsaufgaben. Double Robot ist da zunächst nur eine Erleichterung, nach Bedarf eine Visite zusätzlich zu machen, ohne den Schreibtisch zu verlassen. Bedeutender ist die Digitalisierung der Dokumentation.

Beispielsweise habe jeder Patient eine Akte, die aber häufig und zeitraubend gesucht werden müsse, weil eine Schwester oder ein Arzt mit ihr auf der Station unterwegs sei, sagt die Ärztin. Speziell bei der Betreuung werdender Mütter fällt viel Papier an. Der Streifen, auf den das EKG die Herztöne des ungeborenen Kindes schreibt, kann bis zu 30 Meter lang sein. Er muss archiviert werden, ein Mitarbeiter verbringt viel Zeit damit, die Papierschlangen zu falten, um sie in den Aktenordner zu bekommen.

Vivantes hat sich für die AVK-Gynäkologie und Chirurgie im Humboldt-Krankenhaus entschieden

Deshalb, und damit alle befugten Mitarbeiter auf den Computern sämtliche Daten und Messwerte zur Verfügung haben, werden Anamnesen, Befunde und Medikation elektronisch festgehalten. Das spart zwar kein Geld, aber Zeit, die dann den Patientinnen gewidmet werden kann. Diesen wird auch erspart, wechselnden Ärzten immer wieder das Gleiche berichten zu müssen.

Vivantes hat sich in einem internen Wettbewerb für die AVK-Gynäkologie und die Chirurgie im Humboldt-Krankenhaus entschieden, um dort die Klinik-Prozesse binnen 18 Monaten zu digitalisieren. Das AVK hat bereits acht Monate hinter sich. Die Idee ist, auch Skeptiker zu überzeugen. „Wenn es eine Klinik gut macht, wollen es die anderen auch“, sagt Chefärztin Mandy Mangler.

So sei es auch in ihrer Abteilung gewesen, wo Kollegen, die eine Tastatur im Zwei-Finger-Suchsystem bedienen, zunächst nicht sehr begeistert gewesen seien. Bei den Patientinnen sei Double Robot ebenfalls gut aufgenommen worden – auch wenn Sheila Jungnischke die leibhaftige Anwesenheit der Ärztin noch immer bevorzugt.