Berlin - Seit Tagen gibt es Protest gegen die Testpflicht an Schulen, die seit Montag in Berlin gilt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Berlin (GEW) kritisierte, es gebe keine klaren Vorgaben, wie die Testungen durchgeführt werden sollten. Der Kinderschutzbund Berlin schimpfte, das Testkonzept sei nicht durchdacht: „Kinder haben Ängste und sind bei einem positiven Testergebnis im Klassenraum großer Scham ausgesetzt.“ Und der Landeselternausschuss schrieb einen wütenden offenen Brief, dass die Schulen doch lieber individuell entscheiden sollen.

Man könnte es sich jetzt leicht machen und auf die Bildungsverwaltung einschlagen. Doch Sandra Scheeres, die zuständige Senatorin, ist in einer unangenehmen Lage. Alles, was sie entscheidet, ist eigentlich falsch. Sie steht einerseits unter Druck, den Präsenzunterricht zu ermöglichen, das ist in der Koalition nicht nur der SPD, sondern auch den Grünen besonders wichtig und dafür gibt es ja von allen möglichen Fachleuten wie Kinderärzten und Jugendpsychologen gute Argumente.

Andererseits ist sie auch unter Zeitdruck, sie kann jetzt nicht warten, bis jede Schule da eine Regelung durch alle Gremien für sich gefunden hat. Und dann die Lehrer. Die Lehrer – das könnte man polemisch sagen – halten ihren Arbeitsplatz für den gefährlichsten der Welt. Und wenn man sich den aktuellen Covid-Lagebericht in Berlin anschaut, dann sieht man, dass die höchsten Inzidenzen gerade bei den Kindern zwischen zehn und 19 Jahren zu verzeichnen sind. Da kann man diese Angst auch nicht von der Hand weisen. Es wäre schlau gewesen, wenn Scheeres ihre neue Regelung mit einem neuen umfassenden Impfangebot für Lehrer verbinden hätte können, doch dazu fehlt der Impfstoff. Auch da waren ihr die Hände gebunden.

Corona-Tests in den Schulen: Die Nerven der Lehrer liegen blank

Man kann verstehen, dass bei den Lehrern die Nerven blank liegen, sie mussten sich schon auf so viele Veränderungen einstellen, und dann kommt schon wieder was Neues.

Aber wenn man sich die Kritikpunkte genauer anguckt, dann wirkt doch manches etwas übertrieben. Erst wurde geschimpft, weil es an den Schulen keine Tests gab, dann galt ja Scheeres Ansage, dass zu Hause getestet werden soll, um Infektionsrisiko vor Ort vorzubeugen, wenn alle im Klassenzimmer sitzen und niesen. Dagegen hatten auch viele Schulen protestiert, vor allem aus den Brennpunktkiezen, weil man den Eltern misstraute, dass sie den Test korrekt durchführen.

Jetzt sind die Tests in die Schule verlegt worden, es gibt einheitliche Regeln, jetzt gibt es auch wieder Gründe, warum das nicht geht.

Utopische Forderungen: Mehr Personal zum Testen an die Schulen

Manche Forderungen wirken dabei utopisch: Wenn die GEW mehr medizinisches Personal zum Testen fordert, wissen alle Beteiligten, dass die Verwaltung das nicht aus dem Hut zaubern kann. Und auch das Argument vom Kinderschutzbund wirkt an den Haaren herbeigezogen, die Kinder würden traumatisiert, wenn sie in der Schule positiv getestet werden, weil sie dann von ihren Mitschülern gemobbt werden könnten oder eine halbe Stunde in einem anderen Raum warten müssen, bevor sie von den Eltern abgeholt werden. Das sind Probleme, keine Frage, aber die könnte man mit Sensibilität und pädagogischem Feingefühl lösen. Es drängt sich aber der Verdacht auf, dass manchmal krampfhaft nach Gründen gesucht wird, warum etwas nicht geht.

An diesem Mittwoch soll im Bundestag die neue Bundesnotbremse beschlossen werden, da steht drin, dass die Schulen bei einem Inzidenzwert von 165 zumachen sollen, in Berlin sind wir bei 152, wahrscheinlich ist die ganze Diskussion eh bald vorbei.