Berlin - Über 100 Sensoren, verteilt auf 3,4 Kilometer Straße – das ist die Infrastruktur, die die Straße des 17. Juni in Charlottenburg zur Teststrecke für autonomes und vernetztes Fahren macht. Am Donnerstag wurde der Abschnitt zwischen Ernst-Reuter-Platz und Brandenburger Tor dafür übergeben. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatten die Strecke gestern offiziell eröffnet. Ein bisschen GroKo im Autopilot-Modus.

Zweieinhalb Jahre haben Wissenschaftler der TU Berlin an dieser Strecke gearbeitet. Das Ergebnis bezeichnete TU-Präsident Christian Thomsen gestern als ein „Schaufenster für die Wissenschaft“. Berlin habe ein Reallabor mit internationaler Strahlkraft. Müller nannte die Teststrecke gar „weltweit einmalig“.

Tatsächlich hat Berlin nun ein Freiluft-Digitallabor, das Unternehmen die Möglichkeit bietet, automatisiertes und autonomes Fahren in einer realen urbanen Kulisse zu erforschen und anzuwenden. Dafür, so Projektleiter Sahin Albayrak, sei der ausgewählte Streckenabschnitt und insbesondere der Ernst-Reuter-Platz ideal. „Wenn ein Auto dort zurechtkommt, kommt es überall zurecht“, sagte der TU-Professor.

Sensor- und Kameranetz entlang der Teststrecke in Berlin

Wer also künftig auf der Straße des 17. Juni unterwegs ist, muss darauf gefasst sein, neben einem Auto zu fahren, dessen Fahrer mit verschränkten Armen hinter dem Lenkrad sitzt. Möglich ist das durch ein Sensor- und Kameranetz entlang der Strecke, das jedes Auto und jeden Lkw, jeden freien Parkplatz, jeden Fußgänger, jeden Radfahrer und selbst jeden zu Herrchen oder Frauchen gehörenden Hund registriert und die Informationen an die auf der Strecke fahrenden Autos sendet. Zudem sind die Ampeln mit Funksendern ausgestattet, die dem Auto die jeweilige Ampelphase mitteilen.

Die Technische Universität verfügt zunächst über fünf Testautos, die auf der Strecke unterwegs sein werden, um vor allem Daten zu sammeln. So sollen die Systeme immer besser lernen, mit dem Verkehr, wechselnden Witterungssituationen, Ampelschaltungen sowie Fußgängern und anderen Fahrzeugen umzugehen. Die Versuche mit den voll vernetzten Autos könnten bis zu 50 Terabyte Daten pro Tag liefern.

Einzigartige Citylage in Berlin

Im besten Fall wird die Teststrecke wegen ihrer tatsächlich einzigartigen Citylage die Ansiedlung oder Neugründung weiterer Mobilitätsunternehmen auslösen. Der Bedarf ist jedenfalls vorhanden. „Die Zukunft sind Autos, die voll autonom fahren können“, so Projektleiter Albayrak.

Allerdings wird wohl noch viel Zeit vergehen, bis das rein autonom fahrende Automobil zum Alltag gehört. Ulrich Eichhorn, Chef des mit 7.000 Beschäftigen sehr großen und am Teststrecken-Projekt beteiligten Berliner Automobil-Entwicklungsdienstleisters IAV, mag sich jedenfalls nicht auf einen Zeitpunkt festlegen, zu dem Roboter-Pkw durch den Berliner Stadtverkehr surren werden. „Wir waren bislang zu optimistisch und haben mögliche Fehlerquoten unterschätzt“, sagte Einhorn gestern. Denn selbst wenn man eine Zuverlässigkeit von 99,9 Prozent erreichen würde, bedeutete das restliche Promille bei 47 Millionen zugelassenen Pkw in Deutschland 47.000 Unfälle im Jahr. „Und im schlimmsten Fall Zehntausende Tote.“