Rüdiger Barney, langjähriger Leiter einer Sportschule.
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BerlinIm Schulbildungs-Ranking der Bundesländer belegte Berlin 2019 den unrühmlichen letzten Platz. Nach neun Jahren, in denen das Bildungsressort von der SPD-Senatorin Sandra Scheeres geleitet wird, sind selbst die drei staatlich besonders geförderten Eliteschulen des Sports nicht mehr erfolgreich. Seit Jahresbeginn ist die Verwaltung dabei, auch noch den Ruf des letzten Berliner Leuchtturms zu zerstören, den der Staatlichen Ballettschule. Die genoss bisher internationales Renommee, war zudem gerade wieder bestes berufliches Gymnasium Berlins. Indessen wird öffentlich gefragt, ob es diese Schule überhaupt braucht. Ein Gespräch mit Rüdiger Barney, der über Jahrzehnte die Poelchau-Sportschule leitete, über Eliteförderung an Berliner Schulen.

Berliner Zeitung: Herr Dr. Barney, auf die wenigen Plätze an der Staatlichen Ballettschule gab es immer einen Ansturm von bis zu 2000 Bewerbern – jeder war stolz, hier angenommen zu werden. Die drei Eliteschulen des Sports in Charlottenburg, Hohenschönhausen und Köpenick dagegen leiden unter Schülermangel. Was ist da los?

Rüdiger Barney: Tatsächlich haben die 7. Klassen in den drei Schulen zusammen 280 Plätze, aber nur 195 Neuanmeldungen. Dabei sind diese Schulen personell besonders gut ausgestattet. Ein Platz am Gymnasium kostet jährlich etwa 5500 Euro, an der Sportschule 9000 Euro, an der Ballett- und Artistikschule knapp 16.000 Euro. Aber den Sportschulen fehlt Attraktivität. Alle drei sind Sekundarschulen, während bürgerliche Eltern oft Wert legen auf ein Gymnasium. Ich wollte das an meiner Schule durchsetzen, aber es war politisch nicht gewollt. Die Schulen ruhen sich auf früheren Lorbeeren aus, machen keine sichtbaren Fortschritte – leider!

Was genau fehlt?

Eltern fragen als Erstes: Was passiert mit meinem Kind, wenn es die Leistung nicht bringt? Dafür machen diese Schulen keine Angebote. Der geschasste Ballettschulleiter Ralf Stabel, dessen Engagement für die Schule ich immer geschätzt habe, hat für diese Fälle den Bildungsgang „Tanz-Theater-Theorie“ eingeführt und eine Konzeption für die Spezialisierung Musical/Showtänzer entwickelt. Das gibt es an den Sportschulen nicht. Schüler werden nicht aufgefangen durch ein anderes Curriculum, das damals an unserer Schule immerhin schon probiert wurde, etwa Sportmanagement und Schiedsrichterscheine. Auch Sporthistorie und Sportethik wären denkbar, stießen aber in der Verwaltung nie auf Interesse und wurden nach meinem Weggang nicht mehr verfolgt. Wer die Leistung nicht schafft, verlässt also die Schule.

Sie mussten im März 2013 gegen Ihren Willen mitten im Schuljahr in Pension gehen. Schüler, Eltern, Kollegen schickten Protestbriefe, die Presse berichtete, nichts half. Senatorin Scheeres kannte kein Pardon. Warum nicht?

Ich wollte das Schuljahr unbedingt beenden, auch ohne Bezahlung, zumindest noch das Abitur abnehmen. Mein Antrag wurde abgelehnt. Ich stand auf Kriegsfuß mit der Bildungsverwaltung, weil ich den immer stärkeren Einfluss des Profi-Vereins Hertha BSC auf die Schule drosseln wollte. Die Verwaltung stand aufseiten des Sports, ignorierte die pädagogischen Ansprüche der Schule. Sport generiert Wählerschaft. Im Landessportbund sitzen ehemalige Politiker, es gibt endlose alte West-Berliner Verbindungen. Man kennt sich, telefoniert, wenn eine Schule Probleme macht. Ich nehme für mich in Anspruch, stets die Interessen meiner Schülerinnen und Schüler im Focus gehabt zu haben.

Die Poelchau-Oberschule, die Sie geleitet haben, bildet vor allem Fußballer aus, vielleicht künftige Multimillionäre. Brauchen sie überhaupt öffentliche Förderung?

Ganz klar: Nein. Das sollte Aufgabe der Vereine sein.

Es war Ihre Schule.

Wir waren zunächst eine staatliche Eliteschule des Sports mit sechs Sportarten, darunter einigen Fußballern, begleitet vom Deutschen Olympischen Sportbund. Die Zusammenarbeit mit Hertha BSC ließ sich zur Jahrhundertwende anfangs produktiv an. Ich ahnte nicht, in welche Kalamitäten das die Schule später bringen würde. Hertha hat uns unterstützt, aber auch gefordert, bis zur Kollision mit dem Bildungsauftrag der Schule. Bei Hertha, überhaupt beim bezahlten Fußball, geht es immer um Geld, es gab ständig Probleme. Ein Beispiel? Schüler wurden im Unterricht zum Schneeschippen abgestellt, damit die Profis mit 80.000 Euro Monatssalär nachher ordentlich trainieren können. Ich fand: Nee, Schnee schippen – ja, wenn es sein muss, aber dann zusammen mit den Fußballern.

Die Kinder- und Jugendsportschulen in der DDR haben sich durch ihr Zwangsdoping völlig diskreditiert. Waren sie nur deshalb erfolgreich?

Nein, die Erfolge auf Doping zu reduzieren wäre falsch. Dann hätte die Bundesrepublik ähnliche Erfolge haben müssen, denn da wurde auch gedopt, vielleicht nicht unbedingt weniger. Aber in der DDR passierte Doping gezielt und staatlich gelenkt, oft ohne Wissen der Schüler und Eltern, selbst bei Kindern. Das ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber die DDR hatte außerdem ein viel feineres und umfangreicheres Sichtungssystem, Talente wurden tatsächlich entdeckt. Es war eine Ehre, an der Sportschule einen Platz zu bekommen. Und es gelang, die Kinder zu motivieren. In Interviews hörte ich oft, dass die ehemaligen Schüler ihre Leistungen auch für ihr Land brachten. Das mag rückwirkend geschönt sein, aber jeder wusste, warum er an der Schule war. Das führt zu Motivation und damit zu Leistung.

Was muss eine gute Sportschule heute leisten?

Es muss klar sein, dass Bildung an erster Stelle steht. Das war an Kinder- und Jugendsportschulen nicht immer der Fall, da ging es zuerst um sportliche Leistungen. Neben dem täglichen Training ist unerlässlich, dass die Schüler im Kopf klarbekommen, warum sie alles auf sich nehmen. Warum sich Überwindung lohnt, was zu tun ist, wenn man keine Lust hat. Weiter, höher, schneller ist nicht immer besser. Ich behaupte, Erfolg ist zu 70 Prozent Kopfarbeit und 30 Prozent Training. Das mag überzogen klingen, aber es ist Aufgabe der Schule, diese Motivation zu vermitteln. Das passiert zu wenig. Fußballer können sich bis rauf in die Bundesliga kaum artikulieren, werden nicht zu kritischem Hinterfragen erzogen. Die Potsdamer Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportschule scheint mir insoweit vorbildlich, weil sie Schülern Angebote macht, die die Leistungen nicht schaffen. Die Nachfrage ist riesig. In Berlin dagegen sind die Probleme alle hausgemacht.

So wie der Umgang mit der Ballettschule. Angebliche sexuelle Übergriffe wurden behauptet, ohne dass bis heute ein konkreter Fall genannt wurde. Dem Leiter wurde mit immer neuen peinlichen Begründungen gekündigt.

Diese Arroganz der Verwaltung macht mich sprachlos: So etwas hat es meines Wissens in Berlin noch nie gegeben, dass Konflikte einer Schule ungeprüft veröffentlicht werden. Empörend auch, dass die sogenannte Expertenkommission einen Zwischenbericht publizierte, ohne die betroffenen Leiter gehört zu haben. Der Abschlussbericht lässt jede Methodik vermissen, hier hat sich etwas verselbstständigt. Noch im Januar hat ein professionelles Potsdamer Institut die Schulprobleme wissenschaftlich untersucht und kam zu einem völlig anderen Ergebnis. Dieses Gutachten hält die Verwaltung unter Verschluss. Zugleich schafft sie es offensichtlich nicht mal, zwei Problemlehrer zu disziplinieren. Der Leiter der Ballettschule wurde jahrelang von der Verwaltung hofiert wegen seiner Erfolge. Ihn plötzlich fallen zu lassen legt nur die Ignoranz dieser Verwaltung offen, ihr gescheitertes Krisenmanagement.

Das Gespräch führte Birgit Walter.

Zur Person

Rüdiger Barney, Jahrgang 1948, studierte Mathematik, Erdkunde und Sport in Göttingen. 1996 wurde er Schulleiter einer Gesamtschule, die er zu einer Eliteschule des Sports und Fußballs ausbaute. Er promovierte zum Thema „Kinder- und Jugendsportschulen der DDR“.

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