Teures Bargeld in Berlin: Unabhängige Anbieter fluten Party-Kieze mit Geldautomaten

Mittlerweile findet man sie in Touri-Bezirken fast an jeder dritten Ecke: Geldautomaten unabhängiger Anbieter. In Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und in Mitte werden die Ausgabestationen nicht nur von Wochenendbesuchern genutzt. Sie finden sich gehäuft in oder vor Spätis. Oft sind sie auch in Fassaden und Schaufensterbereichen eingelassen, stehen direkt in Geschäften. Auch Anwohner holen sich immer öfter hier Bargeld, denn Banken sind auf dem Rückzug.

Die Berliner Volksbank teilt auf Anfrage mit, man verfüge in den genannten Bezirken sowie in Schöneberg über 74 Geldautomaten. Das ist viel auf den ersten Blick. Schaut man sich aber eine eigene Standortliste des Kredithauses an, wird klar: Die meisten der Maschinen stehen in den neun Filialen und „FinanzCentern“. Die Berliner Sparkasse, traditionell das Haus mit der größten eigenen Infrastruktur, verfügt über 605 Geldautomaten im gesamten Stadtgebiet. Eine Einzelaufstellung „nach Bezirken“  könne man derzeit nicht zur Verfügung stellen. In Friedrichshain etwa ist man gemäß Filialfinder mit acht Standorten vertreten.

Die Website der Deutschen Bank zeigt auch nur ein paar Niederlassungen in den Szenevierteln an. Die zum Konzern gehörende Berliner Bank ist seit Ende 2017 gänzlich verschwunden. Insgesamt wurden 29 Filialen von Berliner und Deutscher Bank zusammengelegt. „90 Prozent des einfachen Bankingverkehrs laufen mittlerweile online“, sagt ein Sprecher. Dennoch sei die Deutsche Bank mit ihren beiden Marken – Deutsche Bank und Postbank - für die Kunden gut zu erreichen und im Stadtgebiet klar präsent, findet er. Fragt man bei den Geldhäusern nach, erwähnen diese zumeist die gleichen Faktoren hinsichtlich der Standortwahl: Wirtschaftlichkeit, Frequentierung durch Kunden, Mietkosten und Sicherheitsaspekte.

Großes Automaten-Netz von unabhängigen Betreibern

Im Gegensatz dazu unterhalten unabhängige Betreiber wie Euronet, NoteMachine und das Bankhaus August Lenz mittlerweile über 500 Automaten in Berlin und damit mindestens 200 mehr als etwa die Volksbank. Auffällig ist die Ballung an bestimmten Orten: Allein in der Sonntagsstraße, der Einflugschneise in den Friedrichshainer Kiez vom Ostkreuz, und der unmittelbaren Umgebung, stehen dreizehn Geldautomaten unabhängiger Anbieter. Elf entfallen auf den Anbieter Euronet, zwei auf das Bankhaus August Lenz.

Ortswechsel: Brückenstraße, Mitte. Auch hier reihen sich die Automaten aneinander. Ein Automat der Postbank wird im Straßenverlauf eingerahmt von fünf Unabhängigen. Wer hier abheben will, zahlt in der Regel Gebühren von 4,99 Euro. Auch auf der Sonnenallee finden sich zwischen Schönstedtstraße und dem gleichnamigen S-Bahnhof Sonnenallee acht Geldmaschinen.

„Banken wollen sich immer weniger um Bargeld kümmern. Da, wo sie sich zurückziehen, wird der Markt für uns natürlich interessanter“, sagt Bernd Romswinkel, Geschäftsführer der Firma NoteMachine aus Mainz. Und gerade in Berlins Ausgehvierteln gebe es einen erhöhten Bedarf. Die hohe Dichte der Automaten, etwa in der Sonntagsstraße, erkläre sich auch dadurch, dass die einzelnen unabhängigen Anbieter in Konkurrenz stünden.

800 Transaktionen pro Monat

„Blickweite ist für Kunden ein entscheidendes Kriterium“, sagt Mirko Siepmann vom Bankhaus August Lenz aus München. Es sind längst nicht nur ausländische Touristen, die hier Geld ziehen. „Für 70 Prozent der Transaktionen werden deutsche Giro- oder Kreditkarten benutzt“, sagt Siepmann. Im Schnitt fänden 800 Transaktionen pro Monat und Automat deutschlandweit statt. In Berlin dürften es allerdings oft deutlich mehr sein.

Beide kennen Vorbehalte gegen die Automaten – insbesondere wegen der hohen Gebühren. Allerdings, erklären Siepmann und Romswinkel, sei die Installation der Geräte mitunter sehr teuer. Wird ein Automat in die Wand eingelassen, „ist man schnell 10.000 Euro los“. Auch der monatliche Unterhalt liege oft im mittleren vierstelligen Bereich. Die Miete könne zudem oft mehrere hundert, in Spitzenlagen über tausend Euro betragen. Ein stolzer Preis für nicht mal einen Quadratmeter. Für Ladenbesitzer ist das, angesichts der rasant steigenden Immobilienpreise, eine willkommene Zusatzeinnahme.   

Gebühren in Höhe von 5,99 Euro

Interessieren sich Senat und Bezirke dafür, wo sich welche Automaten befinden? Wo sich vermeintlich zu viele oder zu wenige befinden? Die Senatsverwaltung für Wirtschaft teilt mit: „Der Senat selbst führt keine Aufsicht und erhebt keine statistischen Daten über die Anzahl von Geldautomaten im Stadtgebiet.“ Beschwerden von Bürgern hinsichtlich des Aufstellens seien „nicht bekannt“. Auch die Bezirke scheint das Thema nicht zu beschäftigen, solange es nicht um Bau- und Sondernutzungsrechte geht.

Der Senat weist aber darauf hin, dass die zuständige Aufsichtsbehörde die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ist. Diese sitzt in Bonn und in Frankfurt. Allerdings gibt es auch bei der Bafin keine entsprechende Statistik für Berlin. Spezielle regionale Regelungen seien ihm nicht bekannt, sagt Sprecher Mario Kyriasoglou. „Für die Aufsicht ist relevant, dass ein Automatenbetreiber - sofern nötig - über eine Erlaubnis der BaFin nach dem Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) verfügt.“ Ist die einmal erteilt, ist das Thema damit für die Aufsichtsbehörde erledigt.

Heißt: Banken und Unabhängige können, sofern sie einmal lizensiert sind und über eine entsprechende Aufstellfläche verfügen, so viele Automaten aufstellen, wie sie möchten. Der Konkurrenzkampf ist groß. Ob sich das nachhaltig auf die bisherige Gebührenstruktur auswirkt, bleibt abzuwarten. Das Bundeskartellamt hat eine staatliche Regulierung der Entgelte im September 2017 als „nicht zielführend“ eingestuft. Allerdings behalte man sich vor, „in Einzelfällen, bei besonders hohen Fremdabhebegebühren an Geldautomaten, für die es weit und breit keine Alternative gibt, Preismissbrauchsverfahren einzuleiten“. Am S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke zahlt man mittlerweile am Automaten Gebühren in Höhe von 5,99 Euro.